Interview

«Er muss sein Spiel mehr variieren»

Stefan Edberg hat klare Vorstellungen, wie Roger Federer weitere Grand-Slam-Titel holen kann.

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Stefan Edberg wirkt überraschend frisch für einen, der eben erst aus Europa in Melbourne angekommen ist. Umso mehr, als ihn beim ersten Coach-Einsatz für Roger Federer Temperaturen über 40 Grad empfangen. Er macht während der Partie gegen James Duckworth einen ruhigen Eindruck und kommentiert Federers Sieg später unaufgeregt: «Den musste er ja schlagen, und er tat, was er zu tun hatte.»

Schon am Abend zuvor hatte er sich erstmals den Medien gestellt. Den internationalen nur für einige Minuten, doch für die Schweizer Vertreter nimmt er sich viel Zeit. Als im Spielerrestaurant des Melbourne Park ein ATP-Funktionär das Interview schon nach sechs Minuten zum Ende lenken will, winkt er resolut ab und spricht weiter. Fast eine halbe Stunde lang erklärt der frühere Weltranglistenerste seine Ansichten und widerlegt dabei das Klischee des wortkargen und reservierten Schweden. Der sechsfache Grand-Slam-Champion, der vor seinem 48. Geburtstag steht, wirkt dabei wohltuend entspannt und gewohnt bescheiden. Er scheint beseelt zu sein von seiner neuen Mission – Federer in der Spätphase der Karriere nochmals zu grossen Triumphen zu führen.

Warum akzeptierten Sie das Angebot, in Federers Team zu stossen?
Er rief mich im Oktober an und fragte, was ich so mache. Dann erklärte er, Paul Annacone würde aus dem Team ausscheiden, und bei der Diskussion, wen sie holen könnten, sei mein Name aufgetaucht. Ich war sehr überrascht. Ich hatte nicht gedacht, dass ich nochmals auf die Tour gehen würde, ob als Coach oder Berater. Nachdem ich alles durchgedacht hatte, gefiel mir die Idee immer besser. Ich respektiere Roger sehr und fragte mich, ob ich ihm helfen könnte – und ich denke, dass ich das kann. Nach der Trainingswoche einigten wir uns.

War es schwierig, den Entscheid zu fällen?
Es geht. Ich musste alles mit meiner Familie besprechen und meine Situation in Schweden überdenken. Mein Leben ändert sich nun schon etwas. Ich stehe mehr in der Öffentlichkeit, muss mehr reisen. Christopher (sein 16-jähriger Sohn) geht noch zur Schule, sonst wäre mir der Entscheid leichtergefallen. Dies ist eine grossartige Gelegenheit, Roger zu helfen. Und das finde ich wichtig: Denn je länger er spielt, desto besser ist es für das Tennis.

Was mussten Sie ändern, um auf die Tour zurückkehren zu können? Sie sind ja inzwischen Geschäftsmann.
Ich habe vor zweieinhalb Jahren begonnen, mein Leben zu verändern. Ich hatte sehr viel gearbeitet, nachdem ich mit dem Tennis aufgehört hatte. Ich arbeitete im Finanzbusiness, habe eine Investmentfirma. Diesen Job kann ich auch unterwegs ausführen. Ich war auch in Sachgeschäfte involviert, aber dafür habe ich inzwischen jemanden eingesetzt. Ich begann, mir freie Zeit zu verschaffen – ohne zu wissen, was kommen würde. Aber jetzt passt das gut. Im Leben muss man ein Gleichgewicht finden zwischen Arbeit und Vergnügen. Ich habe das Gefühl, dass ich genug gearbeitet habe. Das ist nun meine Freizeit (lacht).

Was trauen Sie Federer noch zu?
Alle wissen, dass er ein hartes Jahr hatte, auch wegen Verletzungen. Wenn er gesund ist, fokussiert und motiviert – und das scheint er zu sein –, ist er gut genug, um noch Grand-Slam-Titel zu gewinnen. Natürlich ist der Weg dorthin weit. Ich denke, er wird so lange spielen wollen, wie er das Gefühl hat, noch grosse Titel holen zu können. So war es jedenfalls bei mir. Vom Körperlichen her hätte ich noch fünf Jahre weitermachen können, aber ich hörte auf, weil meine Motivation schwand. Es wird zwar schwieriger, wenn man wie er fast 33 ist. Aber bis 35 sollte Tennis körperlich kein Problem sein, wenn man gesund ist. Er hat also noch einige gute Jahre übrig.

Hatten Sie genug vom Tennis, als Sie mit 30 Jahren zurücktraten?
Definitiv. Und zwar für lange Zeit. Ich brauchte Abstand von der Tour, auch wenn ich weiter trainierte. Erst in den letzten eineinhalb, zwei Jahren war ich wieder mehr an Turnieren und genoss sie, zum Beispiel Wimbledon. Mein Geist kehrte langsam zum Tennis zurück. Es ist ein grossartiges Spiel, in mancher Hinsicht. Und heute verstehe ich auch, dass Tennis sehr schwierig ist, sehr tückisch. Vor 20 Jahren hatte ich das noch nicht realisiert, aber man wird ja weiser.

Woran werden Sie den Erfolg messen: an den Resultaten, an seinem Spiel? Oder haben Sie eine Vision?
Meine Vision ist es, Teil seines Teams zu sein, einen Einfluss zu haben und ihm vielleicht mit zwei, drei Details zu helfen, die besser sein könnten. Denn er weiss ja, wie man Tennis spielt. Es geht vor allem darum, die Motivation zu behalten, aber man kann auch in diesem Alter noch Dinge lernen, zum Beispiel, was die Strategie betrifft. Das hier ist aber unser erstes gemeinsames Turnier, und alles braucht seine Zeit. Ich muss auch herausfinden, was für ein Mensch er ist und wie er funktioniert. Wenn er dieses oder nächstes Jahr einen Grand-Slam-Titel gewinnen könnte, würde mein Traum wahr.

Sie versuchen also nicht, aus ihm einen Aufschlag/Volley-Spieler zu machen?
Nein, denn da müsste er wieder von vorne anfangen… Und heutzutage ist das so viel schwieriger als früher. Ich sah das in Dubai. Tennis ist ein anderes Spiel geworden als zu meiner Zeit.

Welche Details möchten Sie verbessern?
Es geht darum, wie er sich bewegt und den Ball schlägt, da kann er noch etwas herausholen. Wenn er positiver spielen würde, könnte das viel ausmachen. Er muss sein Spiel mehr variieren, als er es tut. Aber dieser Prozess braucht Zeit.

Sehen Sie einen Hauptgrund für seinen Rückfall?
Wenn man verletzt ist, wie er es war, und nicht richtig trainieren kann, wird man langsamer und kann sich unmöglich an der Spitze halten. Was positiv ist: Er hatte zwar kein grossartiges Jahr, aber beendete es ziemlich gut, spielte gutes Tennis in den letzten Monaten. Wenn er darauf aufbauen kann, hat er eine Chance, zurückzukommen. Üblicherweise geht es allerdings schnell abwärts, und danach braucht es viel Zeit, um zurückzukommen. Für ihn geht es darum, wieder etwas schneller zu werden und mehr Vertrauen zu haben. Das könnte alles ändern, denn die Unterschiede sind so klein. Erste Priorität ist, dass er gesund bleibt, Nummer 2, dass er die Motivation behält und Nummer 3 der ganze Rest. So sehe ich das.

Haben Sie viel Erfahrung als Coach?
Ich coachte meinen Sohn, und das ist nicht so einfach (lacht)… Ehrlich gesagt habe ich sehr wenig Erfahrung. Ich habe in den letzten 15, 20 Jahren aber viel Tennis am TV gesehen. Und ich spielte immer weiter, auch oft mit Kindern. Alle Topspieler eignen sich ein Wissen an. Für mich geht es darum, tief zu schürfen und dieses abzurufen, meine Gedanken herauszufiltern. Dann liegt es an Roger zu beurteilen, ob das Sinn macht oder nicht. Er lernt ziemlich schnell, das habe ich bereits bemerkt. Er kann auch schnell etwas ändern, das ist grossartig.

Hatte Federer eine konkrete Offerte, als er Sie im Oktober anrief?
Am Anfang ging es nur darum, was ich mir vorstellen könnte. Dann lud er mich an ein Turnier ein, was mir nicht möglich war. Dann vereinbarten wir die Trainingswoche in Dubai, und das war das Beste, denn es waren keine Leute um uns herum. Dort ging alles los. Ich musste mich wohl fühlen, um auf den Zug aufzuspringen. Und ich machte ihm klar, dass ich nicht 52 Wochen im Jahr für ihn da sein konnte. Wobei ich nicht denke, dass er mich 52 Wochen um sich herum haben will. Mit etwa 10 Wochen zu starten und zu schauen, wie es läuft, ist ziemlich gut.

Wurde der genaue Einsatzplan schon fixiert?
Wir haben ihn besprochen, aber noch nicht alles finalisiert. Nach dem Australian Open werden wir ihn nochmals bereden. Es ist gut, eine flexible Planung zu haben. Denn es kann vieles passieren während eines Jahres.

Wie empfinden Sie es, dass so viele frühere Grössen nun wieder zusammen auf der Tour sind – Sie, Boris Becker, Ivan Lendl, Michael Chang . . .
Es ist schon erstaunlich, was in den vergangenen Monaten alles passiert ist. Einer nach dem anderen kommt zurück. Das steigert das Interesse, die Leute sprechen mehr über Tennis, sogar in Schweden. Murray hat mit Lendl den Weg gewiesen. Sie passen auch gut zusammen. Murray hatte noch keinen Grand-Slam-Titel gewonnen, und Lendl hatte einst selber bis 24 warten müssen. Aber die Lage ist für alle unterschiedlich. Ich bin jetzt Teil eines Teams, und das ist mir wohler, als wenn ich die volle Verantwortung tragen müsste.

Murray sagte, er habe versucht, Lendl in den ersten Trainings zu beeindrucken, weil er ihn früher bewundert hatte. Denken Sie, dass es bei Federer ähnlich war?
Ja, denn er ist sehr vernünftig. (lacht) Nein. Als ich aufwuchs, war Borg mein Idol, und ich weiss, dass Roger ein Fan von mir war. Vielleicht, weil er aus Basel kommt und ich dort spielte, als er jung war (Edberg gewann die Swiss Indoors 1985/86/88). Vielleicht gefiel ihm mein Spiel. Ich würde sagen: Wir respektieren uns gegenseitig.

Waren Sie nervös, als Sie erstmals mit ihm trainierten?
Ich schlug mit ihm erstmals in Stockholm vor einigen Jahren ein paar Bälle und war, ehrlich gesagt, schon nervös. Ich wärmte mich wirklich gut auf. Aber das Beunruhigende war, dass ich am gleichen Abend abreisen musste, und als ich nach Hause kam und den Fernseher einschaltete, lag er gegen Wawrinka mit einem Satz und einem Break zurück. Ich sagte: Das war ein wirklich gutes Einspielen... Aber dann schaffte er es doch noch zu gewinnen, und ich fühlte mich viel besser. (Federer gewann den Viertelfinal 2010 mit 2:6, 6:3, 6:2 und holte später den Titel).

Wer ist für Sie der beeindruckendste Tennisspieler?
Wir haben momentan eine fantastische Generation, und ich habe sehr viel Respekt für alle Topspieler, denn die spielen auf einem anderen, besseren Level als wir damals. Aber ich würde Nadal und Federer nehmen, die überragten im letzten Jahrzehnt alle und haben enorm viel für das Tennis gemacht. Roger hat eine fantastische Bilanz und ist einer der Besten, wenn nicht der Beste, der dieses Spiel je gespielt hat. Nadal liegt nicht weit hinter ihm und holt immer noch auf. Und Djokovic hat das Momentum auf seiner Seite. Was mich erstaunt, ist, dass vier Spieler praktisch alle Grand Slams gewonnen haben in den letzten zehn Jahren. Das gab es noch nie und ist höchst ungewöhnlich, aber gut für das Tennis. Es gibt einige grossartige, berühmte Spieler. Es wäre zwar nett, eine Überraschung zu erleben, einen neuen Grand-Slam-Sieger. Aber es sieht nicht danach aus, als ob dies in Australien passieren könnte.

Erstellt: 14.01.2014, 17:03 Uhr

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