«Es geht ums Prinzip»

Stan Wawrinka erklärt, warum er das Geneva Open ohne Startgeld spielt, obwohl er sich nicht willkommen fühlt.

Neuanfang mit 33 Jahren: Der dreifache Grand-Slam-Sieger Wawrinka hofft, sein Topniveau und sein Vertrauen schnell wiederzufinden. Bild: Laurent Gillieron/Keystone

Neuanfang mit 33 Jahren: Der dreifache Grand-Slam-Sieger Wawrinka hofft, sein Topniveau und sein Vertrauen schnell wiederzufinden. Bild: Laurent Gillieron/Keystone

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Sie sagen, dass Sie sich am Geneva Open 2018 nicht willkommen fühlen. Trotzdem spielen Sie – und erst noch ohne Antrittsgage. Was ist los?
Ich spürte schon letztes Jahr, dass die Organisatoren keine Lust hatten, einen neuen Mehrjahresvertrag mit mir abzuschliessen, wie ich ihn angestrebt hatte. Sie zögerten es immer wieder hinaus. Ihre Offerte, damit ich hier spiele, war viel zu weit weg von dem, was es normalerweise sein sollte, auch im Vergleich zu den letzten drei Jahren.

Die Rede ist von 80'000 Franken, die Ihnen offeriert wurden, statt wie zuvor über das Fünffache. Für die meisten ist auch das sehr viel Geld.
Erstens sind diese Zahlen nicht richtig. Und zweitens geht es hier auch nicht ums Geld oder um Zahlen, sondern um den Wert der Dinge, ums Prinzip. Wenn Federer von Nike viel weniger Geld erhält als im Vertrag steht, wird er das auch nicht akzeptieren. Ich verstehe, dass die Geschichte leider falsch interpretiert werden kann. Weil man von einem Spieler spricht, der das Glück hatte, in seiner Karriere enorm viel Geld zu verdienen. Aber es ist wie in jedem Geschäft: Wenn Ihnen Ihr Arbeitgeber sagt, ich bezahle Sie nicht, aber machen sie trotzdem Ihren Job, sind Sie auch nicht zufrieden.

Haben Sie eine Erklärung? Immerhin sind Sie zweifacher Titelverteidiger und Publikumsliebling.
Ich habe keine. Einerseits sagen sie, die Aktionäre verlören viel Geld mit dem Turnier, andererseits wollen sie es aber auch nicht verkaufen. Ich hörte, dass sie hofften, dass wie in anderen Jahren einige gute Spieler in Rom früh verlieren und hier um Wildcards anfragen.

Aus Ihrem Umfeld hiess es sogar, das Angebot des Turniers sei «beleidigend tief». Das scheint, mit Verlaub, doch übertrieben.
Dieses Wort habe ich nie benutzt. Tatsache ist, dass ich eine gute Offerte des Turniers in Lyon ausgeschlagen habe, weil ich in Genf antreten will. Ich spiele für die Zuschauer und für die Helfer, sie geben mir auch viel zurück. Und ich hoffe, dass ich ähnliche Emotionen erleben kann wie in den letzten zwei Jahren.

Ist diese Situation seltsam für Sie?
Ich habe genügend Erfahrung, um damit umzugehen und meinen Job zu tun.

Hat Ihnen diese Geschichte auch gezeigt, wie schnell man im Tennis seinen Status verlieren kann?
Das wusste ich schon vorher. Wenn man verletzt ist, bekommt man nur von Freunden und der Familie Nachrichten. Wenn man Grand Slams gewinnt, läutet das Telefon die ganze Zeit.

Sie stehen vor drei wichtigen Wochen, in denen Sie als letztjähriger Paris-Finalist und Genf-Sieger 1450 ihrer 1605 Punkte verlieren und aus den Top 300 fallen könnten.
Ich weiss. Aber das würde für mich nichts ändern. Denn weil ich verletzt war, konnte ich nichts für mein Ranking tun. Ob ich am Ende die Nummer 300, 100 oder 50 bin, ändert nichts an ­meinem Leben. Mein wichtigstes Ziel ist, dass ich wieder zu 100 Prozent in Form komme. Und viel fehlt dazu nicht.

Sie fühlen sich gut in Form?
Mein Niveau im Training ist sehr gut, körperlich und tennismässig. Aber nach fast einem Jahr ohne richtigen Wettkampf muss ich die Gewohnheiten und Reflexe wieder finden – und vor allem das Vertrauen. Vielleicht braucht es nur einen kleinen Klick, der viel bewirkt.

Würden Sie im schlimmsten Fall auch kleinere Turniere bestreiten?
Ohne Probleme. Die letzten Monate waren hart genug, um zu wissen, dass ich alles tun werde, um auf mein bestes Niveau zurückzukehren. Und ich weiss, dass mein bestes Niveau sehr hoch ist und reicht, um sehr gut klassiert zu sein. Ich muss mir einfach Zeit geben, um Spiele und Vertrauen zu gewinnen.

Wie viel Zeit geben Sie sich?
Es ist zu früh, um zu sagen: Ich gebe mir noch sechs Turniere oder drei, vier ­Monate. Ich sehe, dass es jeden Tag im Training aufwärtsgeht. Jetzt muss ich Matchs spielen, brauche ich Wettkämpfe. Und solange ich merke, dass es weiter aufwärtsgeht, habe ich auch keine Mühe, Niederlagen zu akzeptieren. Ich habe erst eine Partie gespielt, ein Turnier (in Rom gegen Steve Johnson). Das ist nichts. Das sah man auch bei Novak Djokovic: Er brauchte vier, fünf Monate, um zurückzukommen.

Werden Sie auch auf Rasen spielen?
Mein Ziel ist es, in Queen’s und Wimbledon anzutreten. Der einzige Grund, es nicht zu tun, wäre, wenn ich wieder Knieschmerzen hätte. Aber da es dem Knie viel besser geht und ich fast keine Schmerzen mehr habe, bin ich zuversichtlich, dass es auch auf Rasen klappt.

Werden Sie die Zusammenarbeit mit Magnus Norman, Ihrem zurückgekehrten Ex-Coach, fortführen?
Ja, er wird weitere Wochen mit mir sein. Wir nehmen es Schritt für Schritt. Wir haben vorerst die nächsten zwei, drei Monate geplant, und da wird er punktuell dabei sein, auch in Roland Garros.

Ist er wieder Ihr Coach?
(zögert) Sie müssen ihn fragen, wie er es sieht. Er ist zurückgekommen, um dem Team zu helfen und Resultate zu sehen. Er kam für die Vorbereitung in die Schweiz, dann wollte er mit nach Rom, und nun sagt er: Wir schauen, was möglich ist. Im Sommer wissen wir mehr.

Erwarten Sie, zu Ihrem früheren Niveau zurückzufinden und wieder um Major-Titel spielen zu können?
Ich bin überzeugt, dass ich wieder ein sehr hohes Niveau erreichen werde. Ob es reicht, um weitere Grand Slams zu gewinnen, weiss ich nicht.

Droht die Gefahr, dass Ihr Knie Fünfsätzer nicht durchstehen wird?
Es hat schon in Australian vier Sätze gehalten. Aber klar, einige Zweifel bleiben. Der Wettkampf bringt Stress mit sich, Anspannung, Zögern. Das wird auch einen Einfluss auf den Körper und das Knie haben. Aber ich freue mich auf die nächsten Wochen. Und tue alles, was nötig ist, um zum Erfolg zurückzukehren.

Was war der schwierigste Moment während Ihrer Zwangspause? Gab es Phasen des Selbstmitleids?
Es gab viele schwierige Momente. Als ich starke Schmerzen hatte, als ich nach acht Wochen an Krücken bei null beginnen musste und wusste, wo ich vorher stand und wohin ich zurückwollte. Aber ich beklagte mich nie. Ich wollte nur wissen, was ich tun musste, um zurückzukommen. Man kann nicht ändern, was geschehen ist. Man lebt in der Gegenwart und setzt sich Ziele.

Gab es viele Reaktionen von Spielern?
Es gab einige, die wissen wollten, wie es mir geht oder mich unterstützten. Auch mit Roger, Novak und Andy Murray tauschte ich mich aus.

Am meisten geholfen hat Ihnen Pierre Paganini, Ihr Fitnesscoach?
Ja, von Anfang an. Körperlich, mental und moralisch, in der ganzen Phase der Therapie. Er verbrachte viel mehr Zeit mit mir als geplant war.

War Ihr erstes Comeback im Januar und Februar ein Fehler?
Nein. Ich hatte gewusst, dass ich nicht bereit war. Aber diese Turniere waren wichtig, um zu sehen, wie mein Knie reagieren würde. Der erste Match war nur fünf Monate nach der Operation. Und normalerweise braucht es ein Jahr nach einer solchen Operation, bis man bei 100 Prozent ist. Das Turnier in Marseille hat mir gezeigt, dass ich eine richtige Pause brauchte, um mich zu steigern.

Was haben Sie in Ihrer Auszeit am meisten vermisst?
Den Wettkampf, den Stress, die Emotionen. Matchs zu spielen vor Publikum, die Anspannung, alle Gefühle. Die grossen Partien, über fünf Sätze, die Grand-Slams, Turniersiege. Das Adrenalin. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.05.2018, 22:47 Uhr

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Wawrinka heute gegen Donaldson

Stan Wawrinka (ATP 25) startet im Genfer Parc des Eaux-Vives heute in sein zweites Sandturnier der Saison. Nach einem Freilos trifft der Sieger der letzten zwei Jahre ab 18 Uhr auf den 21-jährigen Jared Donaldson (USA/51).

Nadal und Zverev die Gewinner

Dank seinem 8. Titel in Rom löste Rafael Nadal nach nur einer Woche Roger Federer als Nummer 1 wieder ab. Alexander Zverev führte im Final im 3. Satz 3:1, als der Regen kam. Der Hamburger ist der neue Leader der Jahreswertung. (rst)

Weltrangliste

1. (letztes Ranking 2.) Nadal (ESP) 8770 (8770). 2. (1.)Federer 8670 (8670). 3. (3.) A. Zverev (GER) 5615 (6015). 4. (5.) Cilic (CRO) 4950 (4770). 5. (4.) Dimitrov (BUL) 4870. – 25. (23.) Wawrinka 1605.

Turniere

Geneva Open. ATP-Turnier
(561'345 Euro/Sand).
1. Runde: Donaldson (USA) s. Istomin (UZB) 5:7, 6:4, 6:0. Sandgren (USA) s. Haider-Maurer (AUT) 1:6, 6:1, 6:0. Pella (ARG) s. Köpfer (GER) 6:3, 6:4. Zapata Miralles (ESP) s. Mayer (GER) 6:3, 6:2. Gojowczyk (GER) s. Karlovic (CRO) 7:6 (7:4), 4:6, 7:6 (7:1).

Rom. ATP-Turnier
(5,44 Mio. Euro/Sand).
Final: Nadal (ESP/1) s. A. Zverev (GER/2) 6:1, 1:6, 6:3. – WTA-Turnier (3,4 Mio. Euro/Sand). Final: Switolina (UKR/4) s. Halep (ROU/1) 6:0, 6:4.

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