«Es ging für mich zu früh und zu schnell aufwärts»

Belinda Bencic war im Alter von 18 bereits Weltnummer 7. Dann kamen Verletzungen und drei Trainerwechsel. Wo steht sie heute?

«Es ist ja klar, dass er die Taktik vorgibt», sagt Belinda Bencic über ihre Zeit mit Roger Federer. Foto: Getty Images

«Es ist ja klar, dass er die Taktik vorgibt», sagt Belinda Bencic über ihre Zeit mit Roger Federer. Foto: Getty Images

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Stimmt es, dass Roger Federer Sie am Hopman-Cup mit seinen Tipps überfordert hat? Sie bezeichneten ihn als Genie...
(lacht) Das war nur ein Spruch. Die Woche in Perth war super. Wir verbrachten sehr viel Zeit miteinander, trainierten sogar gemeinsam. Es war ja klar, dass er im Doppel die Taktik vorgab.

Sie sagen, dass Sie von ihm viel lernen können. Zum Beispiel?
Indem er mir etwa erzählte, wie es für ihn war als 21-Jähriger. Ich bin ja sehr emotional auf dem Platz, und er schilderte, dass er auch so war und wie er entspannter wurde. Wie er zum Champion wurde und seine Karriere bis ins letzte Detail plante.

Wollen Sie Ihre Emotionen nun auch verstecken?
Nicht verstecken. Ich möchte bleiben, wie ich bin, und Emotionen helfen manchmal, mich anzustacheln und besser zu spielen. Aber ich arbeite daran, meine Coolness mehr zu behalten.

Federer ist ein Meister der Saisonplanung. Hilft er Ihnen auch in dieser Hinsicht?
Es ist aufschlussreich, zu sehen, wie er alles macht. Ich versuche künftig auch, nicht zu wenig – aber auch nicht zu viel zu spielen. Man darf sich nicht verheizen. 2015 hatte ich diese Balance noch nicht, mir fehlte aber damals auch das nötige Wissen. Ich wollte einfach immer weiterspielen und überlegte nicht, welche Folgen das haben könnte.

Sie hatten danach eine Reihe von Verletzungen...
...deshalb hoffe ich, dass ich nun die ganze Saison durchspielen kann – nicht wie letztes Jahr, als ich während der Sandsaison verletzt war. Ich werde versuchen, weise zu planen, mein Programm wenn nötig anzupassen und mir Pausen zu gönnen.

Träumen Sie davon, mit Federer 2020 in Tokio um Olympiagold zu spielen?
Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Das ist ja erst in eineinhalb Jahren.

Er wirkt ja auch mit 37 noch motiviert wie ein Junior.
Das finde ich auch. Es ist megaschön, zu sehen, wie viel Spass er noch hat. Das fiel in Perth auch meinem Vater auf. Er sagte, ­Federer komme stets gut gelaunt zum Training. Und trotzdem gelingt es ihm, sofort umzuschalten und völlig konzentriert zu sein, wenn es ernst gilt. Diese ­Mischung strebe ich auch an.

Anders als er haben Sie viel Bewegung im Umfeld. Seit 2017 arbeiteten Sie mit drei Trainern, ehe Sie Ihren Vater zurückholten. Wie erklären Sie das?
Das war schon nicht optimal. Aber es ist schwierig, den richtigen Coach zu finden. Und eine Karriere ist zu kurz, um weiterzumachen, wenn es nicht läuft.

Vladimir Platenik war nur etwa drei Monate Ihr Coach.
Wir sprachen aneinander vorbei. Ich spiele ja ganz anders als die meisten anderen, schlage die Bälle aus einer offenen Stellung, nicht klassisch seitlich. Ich hatte gedacht, ich könnte etwas ­dazulernen, aber merkte, dass ich so meine Stärken verlor und meinem Spiel die Hälfte fehlte.

Was brachte Sie dazu, wieder mit Ihrem Vater zu arbeiten?
Zuerst half er mir nur aus am Turnier in Luxemburg, danach kam er auch mit in die USA. Wir fanden uns sofort wieder, ich fühlte mich wohl, und auch die Resultate waren gut. Deshalb beschloss ich, vorerst keine Experimente zu starten und wieder ein Chaos zu riskieren.

Haben Sie sich mit Ihrem Vater nach einem Ablösungsprozess auf neuer Basis gefunden?
Das kann man so sehen. Aber er hat mich stets unterstützt, wir hatten immer Kontakt, sprachen immer miteinander. Er begleitete zwischendurch einfach meinen Bruder an Turniere. Ich denke, es hat uns gut getan, dass wir nicht immer beisammen waren.

Einen Bruch scheint es mit Melanie Molitor gegeben zu haben, Ihrer Jugendtrainerin.
Es ist einfach so, dass wir die ­Zusammenarbeit beendeten und nicht mehr aufnahmen. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

Was klappte mit dem Engländer Iain Hughes nicht?
Mit ihm war es super, vielleicht hätte ich ihn länger behalten sollen. Aber jetzt bin ich froh, dass ich wieder mit Papi bin.

Eine wichtige Person für Sie ist Martin Hromkovic, Ihr Fitnesstrainer und Freund. Ist diese Doppelrolle nicht heikel?
Für mich ist die Situation optimal. Und er ist ja nicht mein Coach, das wäre spezieller.

Speziell ist auch Ihre Karriere. Sie waren extrem jung extrem erfolgreich, fielen sehr weit zurück und kämpfen sich nun wieder hoch. Hilft es Ihnen jetzt, dass Sie schon einmal in den Top 10 standen, oder ist es ein Nachteil, weil Sie an diesen Erfolgen gemessen werden?
Es ist eine Kombination von beidem. Ich denke heute, dass es für mich viel zu früh viel zu schnell aufwärtsging. Im Nachhinein wäre es mir lieber, wenn ich ­damals langsamer nach vorne gekommen wäre, Top 60, 50, 30 – nicht gerade von 50 auf 10. ­Andererseits ist es für mich auch gut: Wer mit 25 Jahren immer so um Rang 60 klassiert war, hat keine Ahnung, ob er es irgendwann noch schafft. Ich habe zwar keine Garantie, aber ich glaube daran, dass ich nochmals nach oben komme, denn ich war ja schon einmal dort. Allerdings messe ich mich oft auch selber an meinen früheren Erfolgen.

Können Sie das nicht ablegen?
Immer mehr. Am Anfang war es schwierig, nach den Verletzungen. Ich war nicht genug fit und wunderte mich, warum es mir nicht wie früher lief. Nun nehme ich wieder Schritt für Schritt und bin schon froh, dass ich wieder in den Top 50 stehe.

Haben Sie eine neue Wertschätzung für Ihre Erfolge?
Genau. Meine Perspektiven haben sich verschoben. Ich schätze es mehr, dass ich spielen kann, dass ich gewinne, und Niederlagen sind nicht mehr so schlimm.

Sie galten einst als zukünftige Nummer 1 und Grand-Slam-Siegerin. Was wäre aus Ihrer Sicht heute eine gute Karriere?
Selbst wenn ich jetzt aufhören würde, wäre ich eigentlich zufrieden. Vielleicht hätte ich mein Potenzial dann nicht ausgeschöpft, aber ich wüsste, dass ich alles gegeben habe. Ich möchte auch in den Spiegel schauen und sagen können: Ja, du hast gefightet. Natürlich träumt jeder davon, einen Grand-Slam-Tiel zu gewinnen. Aber auch wenn mir das nicht gelingen sollte, würde ich sagen: Schon die Top 100 erreicht zu haben, ist unglaublich, wenn man betrachtet, wie viele Leute Tennis spielen. Wenn man oben steht, träumt man von mehr und realisiert gar nicht, was man schon alles erreicht hat. Und dass ich schon einmal in den Top 10 stand, kann mir niemand mehr nehmen. Damit bin ich extrem zufrieden.

Ist das auch etwas, das Federer Ihnen vermittelt hat – dass Sie alles mehr schätzen und geniessen sollen?
Ich kann mich schwer mit ihm vergleichen, weil er viel länger gespielt und viel mehr gewonnen hat. So weit bin ich noch nicht. Ich kann nicht sagen, dass der Ehrgeiz mich nicht antreiben würde. Ich möchte meine Ziele erreichen und wieder nach oben kommen. Ein Grand-Slam-Titel bleibt das Ziel, davon träume ich.

Erstellt: 15.01.2019, 09:42 Uhr

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