«Es war nicht sicher, ob Roger nochmals durchstarten würde»

Wie er Federer zum Comeback verhalf und Wawrinka durch die schwerste Krise seiner Karriere begleitete, erklärt Fitnesstrainer Pierre Paganini im Interview.

«Sportliche Wunder» vollbringe Roger Federer, sagt Pierre Paganini – vor allem auch mit Blick auf sein hohes Tennisalter. Foto: J. Kamin-Oncea (Reuters)

«Sportliche Wunder» vollbringe Roger Federer, sagt Pierre Paganini – vor allem auch mit Blick auf sein hohes Tennisalter. Foto: J. Kamin-Oncea (Reuters)

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Bei unserem letzten Interview, im November 2016, stand Federer vor einem ungewissen Comeback. Seither hat er drei Grand-Slam-Titel gesammelt und wurde nochmals die ­Nummer 1. Was sagen Sie dazu?
Wie zu seiner gesamten Karriere: unglaublich. Es beweist erneut, was für ein Ausnahme­athlet, -mensch und -spieler er ist. Und es zeigt, dass er noch immer die absolute Leidenschaft aufbringt für das Tennis und das Training – in diesem Alter. Ich hoffe, dass man das richtig einordnet.

Wird das unterschätzt?
Es wird immer schwieriger zu fassen, welche Dimension seine Karriere angenommen hat. Das Bild ist fast zu gross, um es noch betrachten zu können. Auch für uns, in seinem Team. Obwohl wir ihn regelmässig sehen und ­miterleben, wie es zustande kommt. Roger vollbringt sportliche Wunder.

Sie erwähnen seine Leidenschaft: Lässt diese wirklich nicht nach?
Sie ist vielleicht sogar noch grösser geworden. Ich habe manchmal das Gefühl, er geniesst alles noch mehr, weil er weiss, dass es nicht unendlich ist.

2017 erlebten Sie in Wimbledon zum zweiten Mal einen Majorsieg von ihm live. Wie war das?
Jeder Grand-Slam-Titel ist unglaublich, ob ich ihn live oder am Fernseher miterlebe. Das Spezielle an diesem war, dass er ein Jahr zuvor am gleichen Ort seine letzte Partie für lange bestritten hatte (im Halbfinal gegen Raonic). Und obwohl er danach sechs Monate pausierte, gewann er in den folgenden zwölf Monaten zwei Majortitel – nachdem er von 2012 bis 2017 keinen errungen hatte.

«Trainieren ist eine interaktive Sache, bei der die Kommunikation stimmen muss.»

Sie wirkten bewegt, als Sie vom Court kamen.
Es ging mir schon ans Herz. Weil ich wusste, wie viel er investiert und gelitten hatte, welche Zweifel er überwinden musste. Ein Spieler mit 35 Jahren stellt sich ganz andere Fragen, wenn er länger ausfällt, als einer mit 25. Das spürten wir. Er konnte nicht ­sicher sein, dass er nochmals durchstarten würde. Zumal eine neue, starke Generation herangewachsen ist. Dass er da einfach wieder vorne mithält, ist eigentlich undenkbar.

Mit Federer und Wawrinka trainieren Sie nun einen 37- und einen 33-Jährigen, die beide höchste Ansprüche haben und lange ausfielen. Wie hat sich Ihre Arbeit verändert?
Es ist vor allem immer noch ein Privileg, mit zwei solchen Ausnahmespielern arbeiten zu können. Und ich habe das Glück, die beiden schon seit ihrem Juniorenalter zu kennen. Das war in dieser neuen Situation, in einem solchen Unterbruch, besonders wichtig. Weil ich besser spürte, wie es in ihnen aussah. Und ich profitierte davon, dass Stan und Roger mir gegenüber nichts verheimlichten betreffend ihrer Verfassung, dass sie mir eins zu eins Feedback gaben. Trainieren ist eine interaktive Sache, bei der die Kommunikation stimmen muss.

Lernen Sie immer noch?
Eindeutig. Ich bin selber überrascht, wie viel man immer wieder lernt, nach so langer Zeit mit den gleichen Spielern.

Wawrinka sagte: Ohne Sie hätte er wohl aufgehört.
Ich möchte mich nicht in den Vordergrund stellen. Es gab ­andere, die ihm gleich viel ­halfen. Aber klar: Nach der Physiotherapie hatte er schon sehr viel mit mir zu tun, weil er zuerst den Körper trainieren musste, ehe er wieder Tennis spielen konnte. Es war eine sehr intensive Zeit, auch mit Roger. Die Bewunderung, die ich für sie habe, ist dadurch nochmals gestiegen. Für solche Comebacks reicht das Potenzial allein nicht. Dafür brauchst du auch das Herz, das Sportlerherz.

Bangten Sie um Wawrinkas Karriere?
Ich spürte, dass er litt. Aber er hat nie aufgegeben, auch nicht in den schwierigsten Momenten, wenn er vor Stress und Anstrengung Tränen in den Augen ­hatte. Ich sah bei ihm nur Kontinuität, wie in der ganzen Karriere.

Wo steht er körperlich jetzt? Hat er nach seiner schweren Knieoperation noch Defizite? Die Schläge hat er ja nicht verloren.
Inzwischen trainiert er körperlich genau gleich wie vor der Operation. Die Schwierigkeit besteht darin, das Puzzle wieder zusammenzubringen zwischen Bewegung, Spiel, Gegner und dir selber. Das muss neu erstellt werden. Wenn die anderen fünfzig Partien bestritten haben und du erst zehn, ist das ein riesiger Unterschied, da fehlen dir Informationen. Daran arbeitete Roger 2016/17, und daran arbeitet Stan jetzt.

Könnte man sagen: Wenn Wawrinka ein Auto wäre, hätte er wieder gleiche viele PS wie vor der Operation?
Ja, aber das Terrain ist neu. Er muss wieder lernen, wann er schalten muss, wann beschleunigen, wann entspannen… Er braucht einfach Matches. Das Grundniveau hat er wieder, darum geht es nicht mehr.

Er ist im ATP-Ranking abgesackt. Denken Sie, dass er noch einmal um grosse Titel kämpfen kann?
Genau deshalb trainiert er. Ich weiss, dass Stan wieder fähig ist, grosse Resultate zu bringen. Aber er ist einer, der von Natur aus ­immer zwei Schritte vorwärts und dann einen zurück macht. Er muss immer zweimal prüfen, wo er seinen Fuss hinsetzt. Aber wenn er ihn einmal gesetzt hat, dann weicht er nicht mehr. Einen solchen Willen wie er hat nicht jeder. Aber ich wäre auch nicht überrascht, wenn es noch eine Weile dauern würde, bis er wieder ganz zurück ist.

Er ist auch schon 33.
Wenn jetzt noch eine Verletzung kommen sollte, würde es ganz anders aussehen als mit 26, 27. Wenn er wieder dreissig oder vierzig Partien gespielt hat, ­wissen wir viel mehr.

«Du musst immer wieder neue Varianten bringen, Überraschungs­effekte einbauen.»

Wann merkten Sie, dass er es wieder packen kann?
Es war ein langer Weg. Ich ­würde sagen: Im Mai gab es erste Trainings, bei denen man sagen konnte, das sieht fast wieder aus wie vorher.

Also zur Zeit, als Magnus ­Norman wieder ins Boot kam?
Genau. Und das war sehr wichtig für ihn, weil er auch einer ist, der Stan sehr gut kennt.

Federer sagte im März, dass das Konditionstraining für ihn eine grosse Herausforderung sei und er dazu einen «Super-Pierre» benötige. Wie schaffen Sie das immer wieder?
Da muss ich den Ball zurückgeben: Es braucht dazu auch Superspieler. Ich habe ja schon viele trainiert, aber es war nicht immer gleich. Ich bin vom Willen und der Motivation der Spieler abhängig, und da habe ich Glück. Roger und Stan haben immer noch den absoluten Willen, das Maximum aus dem Training ­herauszuholen. Dadurch steigt die Qualität enorm.

Federer braucht viel Abwechslung im Training. Gibt es keine Abnützungs­erscheinungen? Sie können ja nicht 20 Jahre lang immer alles neu erfinden.
Man kann die Sportart und deshalb auch das Konditionstraining nicht grundsätzlich ändern. Aber man muss unbedingt immer wieder neue Varianten bringen, kleine Überraschungseffekte einbauen, auch wenn sie in einer 30-sekündigen Übung nur zwei, drei Sekunden dauern. Oder indem man einem Spieler vor einer Übung weniger Informationen dazu gibt.

Sie führten im Juli mit beiden Trainingsblöcke durch. Wo stehen sie jetzt?
Weil ich mit Roger 2016 und 2017 so intensiv trainierte, ist bei ihm momentan das Konditionstraining eher kürzer. Es ging darum, die erarbeitete Fitness zu behalten, damit er sich nun wieder auf das Tennis konzentrieren kann. Bei Stan war es ganz anders: Bis Juni stand das Konditionstraining im Vordergrund. Nun sollte er aber in den Spielrhythmus finden.

Federer wird immer wieder vorgeworfen, dass er nur noch selektiv Turniere spielt. Nun lässt er Toronto aus. Rieten Sie ihm dies auch?
Was die Planung betrifft, sagt jeder im Team seine Meinung, und Roger entscheidet. Das war kein Paganini-Entscheid. Roger ist nicht mehr 30. Es gibt logischerweise Verschleisserscheinungen, die es zu respektieren gilt, und die Erholung ist ein wichtiger Teil des Trainings. Dass er sein Jahr periodisiert, ist ein Hauptgrund für seine lange Karriere. Du kannst nie alles machen, du kannst nicht 365 Tage im Jahr fit und munter sein. Aber du kannst versuchen, so oft wie möglich im richtigen Moment dein volles Potenzial auszuschöpfen. Und darin ist Roger ein absoluter Meister. Er hat schon oft bewiesen, dass es Vorteile bringt, im richtigen Moment auf etwas zu verzichten.

Sie sind jemand, der langfristig plant. Geht das mit einem 37-Jährigen immer noch?
Sicher nicht auf zehn Jahre hinaus. Aber ich muss davon ausgehen, dass er vielleicht in drei Jahren immer noch spielt oder bald aufhört. Wenn ich nur noch kurzfristig denken würde, könnte ich Fehler machen, die sich später auswirken. Je länger er spielen will, desto besser muss er sein Leben einteilen, mit Intensitätstrainings, Prophylaxe und Erholung. Zurückschrauben kann man immer, Nachholen ist schwierig.

Er plant ja bereits Einsätze für nächstes Jahr.
Ja. Wir planen 2019, wie wir es immer gemacht haben.

Wie lange kann er aus Ihrer Sicht dieses Niveau noch ­halten?
Zum Glück bin ich nicht Wahrsager. Aber was ich sagen kann: Roger absolviert die Trainings mit einer Frische, die mich sehr positiv stimmt. Diese Frische brauchst du auch, damit du noch die nötige Konzentration, die Opferbereitschaft und den Enthusiasmus aufbringst.

Wie erklären Sie es, dass er sich mit 37 Jahren noch an der Spitze hält und Altersgrenzen verschiebt in einer Sportart, in der Schnelligkeit und Reflexe zentral sind?
Für mich ist er schon einmal der beste Tennisspieler. Und im Tennis musst du auch nicht bei jedem Start gleich schnell sein. Du musst ausdauernd schnell sein, brauchst eine wiederholte Reaktionsschnelligkeit, keine einmalige, wie ein 100-Meter-Läufer. Und sobald es um die Ausdauer geht, verschieben sich im Sport die Altersgruppen. Ein Marathonläufer gilt mit 36 noch nicht als sehr alt, während man bei einem Sprinter sagen würde: Was macht denn der noch da? Zudem sind im Tennis auch andere Werte wichtig: Erfahrung, Auge, Antizipation, Koordination, Cleverness, Disziplin, langfristige Planung. Um mit 37 schnell zu bleiben, muss Federer aber auch Opfer bringen, auf und neben dem Court.

Könnte Federer auch mit 40 noch top sein?
Mit Spekulationen halte ich mich zurück. Aber was mich bei ihm beeindruckt: Er hat noch immer diese Mischung zwischen strategischem Denken und spontanem Handeln. Wenn du diese Balance nicht mehr findest, diese Frische, wird es schwierig. Roger hat sie, und Stan auch, auf seine Art.

Anfang Jahr sagte Federer, er sei nur noch Teilzeitarbeiter. Hilft ihm das, die Frische zu behalten? Oder stimmt es gar nicht?
Es gibt viele Vollzeitarbeiter, die nicht so viel arbeiten wie der Teilzeitarbeiter Federer. Was mir bei ihm aber auffällt, ist, wie leicht es ihm fällt, viele Dinge am gleichen Tag zu regeln. Er schenkt allem seine volle Aufmerksamkeit und Konzentration, und manchmal habe ich das ­Gefühl, dass er sich dabei mental sogar erholen kann, zum ­Beispiel während Interviews oder Sponsoren-Anlässen. Andere ermüdet das, aber er kann damit seine Batterien wieder aufladen. Es ist allerdings auch wichtig, dass das Team ihn immer wieder daran erinnert, dass eine Pause auch wichtig ist.

Glauben Sie, dass Federer einen neuen Trend einführt und sich andere Spieler ­bewusst werden: Eine Tenniskarriere muss nicht mit 30 oder 35 enden?
Ich bin überzeugt, dass er sehr viele Leute inspiriert hat. Er ist ein Leader in dieser Sportart, ein historischer Leader. Es wäre auch nicht intelligent, nicht verstehen zu wollen, wie er das macht. Denn hier geht es nicht um das Talent: Es ist eine ganze Lebensphilosophie, die er in den Dienst eines Talents stellt, um dieses voll ausschöpfen zu können.

Ihr eigenes Leben scheint schicksalhaft mit Federerund Wawrinka verbundenzu sein.
Ja und nein. Als ich begann, mit Roger zu arbeiten, war ich etwa 43, und bei Stan 45. Damals hatte ich noch andere Mandate, etwa mit den Maleeva-Schwestern, Swiss Tennis oder Ivanovic. Jetzt, mit 60, bin ich viel unabhängiger und stehe selber auch eher am Ende meiner Karriere. Von dem her stimmt es für mich total, zumal die Lust noch gegenseitig ist, miteinander zu arbeiten. Ohne sie ginge es nicht.

Sie erwogen schon vor einiger Zeit, etwas kürzer zu treten.
Das habe ich schon im Hinterkopf. Aber ich brauche keine langfristigen Pläne mehr. Ich habe so viel Freude mit den beiden, dass ich momentan nur an die aktuelle Saison denke und auf 2019 vorausschaue. Ich habe nur schöne Probleme.

Sie stellen Ihre Arbeitskraft vollkommen in den Dienst dieser zwei Spieler. Was machen Sie für sich, als Ausgleich?
Mich bewegen, schwitzen, und das regelmässig. Ich bin nicht zufällig Konditionstrainer, ich brauche täglich Bewegung. Und ich habe das Glück, dass meine Frau Isabelle und ich uns darin sehr ähnlich sind. Spazieren, Joggen, Velofahren, Skifahren, Ausflüge... In Shorts und Turnhosen, nicht in Anzug und Krawatte. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.08.2018, 23:30 Uhr

Der Mann im Hintergrund



Pierre Paganini kommt jugendlich daher zum Interview in einem Café beim Lausanner Hauptbahnhof. Trainingsanzug, Sportlerbrille, eine RF-Kappe. Dabei ist der asketisch wirkende Glatzkopf inzwischen 60. Er ist keiner, dessen Gesicht man kennt, nicht einmal hier, in der Schweiz. Dabei hätten sich ohne ihn die Karrieren von zwei der grössten Sportler des Landes aller Wahrscheinlichkeit nach ganz anders entwickelt – sicher nicht besser, und wohl auch kürzer. Der in Zürich geborene Westschweizer kennt Roger Federer, seit dieser 14 war. Seit
18 Jahren ist er als Privattrainer für dessen Fitness zuständig, wofür er rund 140 Tage im Jahr aufwendet. Etwa halb so viel steht er für Stan Wawrinka im Einsatz, auch das schon seit 15 Jahren. Für beide ist Paganini, der kinderlos verheiratet ist und Wohnsitze in Zermatt und Dubai unterhält, auch ein wichtiger Berater und eine Vertrauensperson. (rst)

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