Federer öffnet die Tür – folgt nun die Flut?

Seine Replik auf die Forderung der Umweltaktivisten ist ein Präzedenzfall.

Roger Federer reagierte erstmals auf Druck der Öffentlichkeit. Muss er dies nun öfter tun? (Bild: Nathan Congleton/Getty Images)

Roger Federer reagierte erstmals auf Druck der Öffentlichkeit. Muss er dies nun öfter tun? (Bild: Nathan Congleton/Getty Images)

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Roger Federer ist von Natur aus umsichtig, zugänglich und sensibel. Aber auch stolz, zielorientiert, ehrgeizig und fähig, Wichtiges von für ihn Belanglosem zu unterscheiden und sich nicht von jedem Zwischenruf provoziert zu fühlen. Tennisspieler brauchen diese Scheuklappen, sonst könnten sie nicht erfolgreich sein; oft wird auch vom «Tunnelblick» gesprochen.

Umso bemerkenswerter ist, dass - und vor allem: wie - er nun reagiert hat auf die Kampagne mit dem Hashtag «RogerWakeupNow» (Roger, wach jetzt auf). Diese verfolgt ihn seit Tagen in den sozialen Netzwerken und hat durch die Einmischung der 17-jährigen schwedischen Umweltaktivistin Greta Thunberg eine neue Dimension und weltweite Aufmerksamkeit erlangt.

Im Statement, das er am Samstag verbreiten liess, bekundet Federer «grossen Respekt und Bewunderung für die Jugendklimabewegung», die ihm seine Partnerschaft mit der Credit Suisse vorwirft. Diese unterstütze mit Milliardenkrediten Firmen, die fossile Energien förderten, wird der Grossbank vorgeworfen.

Sein Versprechen setzt ihn aber auch unter Zugzwang.

Er sei den «jungen Klimaaktivisten dankbar, dass sie uns alle dazu zwingen, unser Verhalten zu überprüfen und nach innovativen Lösungen zu suchen», schreibt Federer. Er sei sich seiner Verantwortung bewusst und wolle seine «privilegierte Position für den Dialog in diesen wichtigen Fragen mit meinen Sponsoren nutzen».

Seine Replik hat weitreichende Auswirkungen. Sie zeigt, dass er sensibilisiert ist für Umweltfragen wie die Klimaerwärmung, die gerade jetzt auch im Tennis kurz vor dem Australian Open aktueller denn je ist, angesichts der gewaltigen Buschbrände. Seine Antwort hat der Kampagne aber auch die Spitze gebrochen und dürfte ihn vorerst als Zielscheibe der Kritiker ungeeigneter machen. Sein Versprechen, in derart wichtigen Fragen das Gespräch mit seinen Geschäftspartnern zu suchen, setzt ihn aber auch unter Zugzwang.

Und da ist noch mehr: Indem er erstmals auf Druckversuche aus der Öffentlichkeit eingegangen ist, hat Federer einen Präzedenzfall geschaffen. Dass sich ein Spitzensportler bereit erklärt, Aktivitäten wichtiger Vertragspartner zu hinterfragen und mit ihnen das Gespräch zu suchen, ist höchst ungewöhnlich. Der Fall dürfte denn auch weitere Begehrlichkeiten wecken.

Er weiss längst, dass auch die Zeit manchmal für dich spielt.

Federer hat die Tür für Ansprüche Dritter erstmals einen Spalt geöffnet und könnte nun überflutet werden von Wünschen, Forderungen und Druckversuchen verschiedenster Interessengruppen, die ihn für ihre Sache einspannen wollen. Das Spektrum ist unbegrenzt, und nicht jedes Thema ist von einer derartigen Tragweite wie die Klimaerwärmung und damit letztlich die Zukunft des Planeten Erde.

Federer wäre aber nicht zum erfolgreichsten Spieler der Grand-Slam-Geschichte geworden, wenn er im Umgang mit der Öffentlichkeit und ihren Ansprüchen nicht so geschickt umgehen könnte wie mit Ball und Schläger. In über 1500 Wettkampfpartien als Profi hat er gelernt, taktisch vorzugehen, Spielzüge vorauszusehen. Und er weiss längst, dass auch die Zeit manchmal für dich spielt.

Erstellt: 13.01.2020, 11:39 Uhr

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