Federers Wunde von 2008 könnte heute aufreissen

Das 40. Duell zwischen Roger Federer und Rafael Nadal verspricht heute im Wimbledon-Halbfinal zum Spektakel zu werden.

Roger Federer litt nach dem letzten Duell in Wimbledon mit Nadal lange: Die Highlights des Finals von 2008. (Video: Tamedia)

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Am Tag vor dem Schlager, für viele dem Tennismatch des Jahres, wirkt Roger Federer entspannt wie ein Tourist in den ­Ferien. Während des Einspielens zum Training spricht er immer wieder mit ­Michael Llodra, scherzt mit ihm, neckt ihn. Die zwei sind seit ­Jahren befreundet.

Wer genau hinschaut, erkennt aber, dass hier mit System gearbeitet wird. Der ehemalige französische Weltklassespieler soll Federer als Linkshänder auf das 40. Duell mit Rafael Nadal einstimmen, den heutigen Halb­final vom späteren Nachmittag (ab ca. 16 Uhr im Live-Ticker). Vor allem aufschlagen muss er. «Morgen wird mir die Schulter schmerzen», sagt der 38-Jährige.

Wie im Viertelfinal gegen Kei Nishikori ist auch in der Aorangi-Trainingsanlage erkennbar, wie gut Federer in Form ist. Die meisten Schläge, auch die Returns, kommen wie gewünscht.

Er kann beruhigt sein, zumal er diese Situation kennt wie kein anderer und auch weiss, wie er mit dem Rummel umgehen muss. Schon zum 45. Mal steht er in einem Grand-Slam-Halbfinal, zum 13. Mal in Wimbledon. 30 dieser Matchs hat er gewonnen.

Ein Menschenleben später

Business as usual, also? Nichts wäre falscher als das. Dass sich die inzwischen erfolgreichsten Spieler der Tennis-Geschichte mit fast 38 und 33 Jahren noch einmal in der Wimbledon-Endphase gegenüberstehen, war bei ihrer letzten Begegnung hier, 2008, unvorstellbar gewesen. Damals duellierten sie sich im Final, im für viele besten Match der Geschichte – und Tennisjahre sind gemäss Boris Becker Hundejahre, zählen siebenfach. Elf Jahre sind demnach fast ein ganzes Menschenleben.

Die Wunde, die jene Fünfsatz-Niederlage bei Federer hinterliess, ist inzwischen vernarbt, könnte aber heute neu aufreissen. Wimbledon war schon immer sein Reich, wie ­Roland Garros das von Nadal ist. Zwar hat der achtfache gegen den zweifachen Wimbledonsieger hier zwei ihrer drei Duelle gewonnen – aber bisher auch 10 ihrer 13 Begegnungen an Grand-Slam-Turnieren verloren, darunter alle vier Halbfinals (und insgesamt 24 ihrer 39 Partien).

Der Schlüssel war der Rückhandreturn

Nadal hatte in Wimbledon aber auch stets den Bonus, dass sein Höhepunkt, Roland Garros, bereits hinter ihm lag und er dort in der Regel gewonnen hatte. Das ist auch dieses Jahr so, und der Mallorquiner ist entsprechend voller Selbstvertrauen. Er fühlt sich als unbelasteter Herausforderer, der auf den bisher erfolgreichsten Spieler auf Rasen trifft. Und seit dem Zweitrundensieg gegen Nick Kyrgios spielt er auf konstant hohem Niveau, gab erst einen Satz ab.

Vor ihren Wimbledon-Endspielen 2006, 2007 und 2008 hatte Federer Nadal jeweils in Paris zum Sieg gratulieren müssen. Dass er ihm dort dieses Jahr erneut unterlag, ist aber diesmal kein Nachteil (wenn auch vielleicht für den Spanier ein Vorteil). Denn die fünf vorangegangenen Duelle, alle auf Hartplatz, hatte Federer gewonnen, mit dem Höhepunkt des Melbourne-Finals 2017. Der Schlüssel war sein verbesserter, offensiverer Rückhandreturn – auch eine Folge des grösseren Rackets, das er seit 2014 benutzt, wodurch sich das Bild ihrer Duelle auf Hartplätzen markant änderte.

Die Taktik ist klar

An dieser Serie kann sich Federer orientieren, daraus ergibt sich auch die Taktik: das Diktat an sich reissen, Nadal keinen Rhythmus zugestehen, ihn mit den Returns sogleich attackieren und das Spiel beschleunigen. Dabei wird ihm der Rasen helfen. «In Paris läuft Nadal raus und sagt sich: Der Gegner soll zeigen, was er kann, mir ist wurscht, wie er spielt», sagt Heinz Günthardt, «hier ist es genau umgekehrt.»

Über Wimbledon liegt heute ein Hauch von Tennis-, ja Sportgeschichte, mit dem erfolgreichsten Trio, den Gewinnern von 20 (Federer), 18 (Nadal) und 15 (Djokovic) Majortiteln. Zusammen mit Roberto Bautista Agut (31) stellen sie das älteste Quartett von Grand-Slam-Halbfinalisten der Profiära – 134 Jahre, 160 Tage. Dass auch seine grössten zwei Rivalen so weit gekommen sind, ist für Federer keine gute Nachricht. Beide am gleichen Turnier besiegt hat er bisher erst am ATP-Finale 2010 in London, aber an keinem Grand Slam.

Keine Frage: Der Weg zum 9. Wimbledonsieg präsentiert sich für ihn vor dem Halbfinal so steil wie noch bei keinem zuvor.

Resultate und News zum Turnier in Wimbledon finden Sie im Liveticker.

Erstellt: 12.07.2019, 10:10 Uhr

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