Für Federer ist es «keine Abschiedstour»

Roger Federer trifft vor seinen 19. Swiss Indoors erstmals ein Abbild seiner selbst. Und erklärt, weshalb er intensiver um die Welt jettet als je zuvor.

«Ein seltsames Gefühl»: Roger Federer I bewundert Roger Federer II am Sitz eines Sponsors. (Bild: Ennia Leanza)

«Ein seltsames Gefühl»: Roger Federer I bewundert Roger Federer II am Sitz eines Sponsors. (Bild: Ennia Leanza)

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Es braucht einiges, um Roger Federer aus der Fassung zu bringen. An diesem Samstag ist es aber wieder so weit: Als im solothurnischen Niederbuchsiten bei einem seiner Sponsoren die lebensgrosse Figur enthüllt wird, für die er mehrere Stunden Modell gestanden ist («nur in Unterhosen», wie er anmerkt). Seltsam sei es, neben sich selber zu stehen, er fühle sich unwohl, sagt er zu den geladenen Gästen und Mitarbeitern am Hauptsitz des Kaffeemaschinenherstellers Jura.

Sein Urteil aber ist positiv: «Meine Horrorvorstellung war, dass mir die ­Figur gar nicht entspricht. Aber ich finde das Resultat gelungen.» Sein Doppelgänger ist keine Wachsfigur (eine solche gibt es bisher von ihm nicht), sondern besteht aus Materialien wie Plastilin und Botox. Dass der 38-Jährige erstmals sein Einverständnis gab, für ein Double Modell zu stehen, hat auch mit Eitelkeit zu tun: «Besser werde ich ohnehin nie mehr aussehen, nun geht es nur noch abwärts», sagt Federer, der an diesem Tag den Vertrag mit Jura um weitere fünf Jahre verlängert.

«Ich hatte das Bedürfnis, an anderen Orten zu spielen»

Der 102-fache Turniersieger befindet sich mitten in einer hektischen Reisephase, die ihn von einer Ecke der Erde an die andere und zurück führt. Nur vier Wochen nach dem Laver-Cup in Genf stehen weitere Auftritte in der Schweiz bevor. Einmal mehr ist er die Hauptattraktion der Swiss Indoors, wo er zum 19. Mal im Hauptfeld startet, neun Titel holte und seit 2006 stets im Endspiel stand, abgesehen von 2016, als er die Saison früher beendet hatte.

«Eine Abschiedstour, das wäre eine ganz andere Musik.»Roger Federer

Während sein unbeweglicher Doppelgänger nun als Attraktion eines «Walk of Fame» in Niederbuchsiten auf Besucher wartet, jettet der reale Federer in diesen Monaten so emsig wie nie zuvor um die Welt. Sein Terminkalender erinnert an die Abschiedstour einer Band, die nochmals vor möglichst vielen Fans auftreten will. Allein 2019 tritt er noch in acht verschiedenen Ländern an. Ausser in Basel und in London handelt es sich dabei um Schauturniere – in Chile, Argentinien, Kolumbien, Mexiko, Ecuador sowie, kurz vor dem Jahresende, in China (Hangzhou). Und noch am vergangenen Montag spielte er eine Showpartie in Tokio.

Gegen die Darstellung, dies könnte seine Goodbye-Tour sein, wehrt sich Federer aber an diesem Tag. «Eine Abschiedstour, das wäre eine ganz andere Musik. Dieses Gefühl habe ich überhaupt nicht», sagt er. «Ich hatte einfach das Bedürfnis, an anderen Orten zu spielen. In Tokio war ich seit 13 Jahren nicht mehr gewesen, und auch die Reise nach Südamerika ist etwas ganz Neues.» Wichtig sei nur, dass alles gut organisiert sei. «Und das Reisen ist ja heute einfacher als vor zwanzig Jahren.»

«Das Thema Rücktritt steht nicht im Mittelpunkt.»Roger Federer

Auch in Basel werde er sich nicht die Frage stellen, ob das wohl sein letzter Auftritt sein könnte. «Solche Gedanken hatte ich vor drei Jahren, als ich Rückenprobleme hatte und von meiner Knieoperation zurückkam. Da überlegte ich mir schon ein paarmal: Komme ich wohl nochmals hierher? Aber seit einem Jahr habe ich dieses Gefühl nicht mehr, auch in Shanghai stellte ich mir keine solchen Fragen.» Das zeige, dass er «voll im Sog des Spielens» sei. «Das Thema Rücktritt steht nicht im Mittelpunkt.»

«Noch einmal eine Medaille für mein Land holen»

In Tokio hatte ihm eine CNN-Reporterin am Montag ungeplant die Information entlockt, dass er neben den Olympischen Spielen 2020 auch wieder das French Open bestreiten wird. Seine Saisonplanung hat damit schon klare Konturen: Der ATP-Cup in Sydney und das Australian Open im Januar sind fix, genau wie der Schaukampf in Kapstadt und die Turniere von Dubai im Februar und Indian Wells im März. Grundsätzlich plane er auch, den Titel am Miami Open zu verteidigen. «Aber ich habe mit dem Team noch ein Meeting, wo wir alles besprechen.»

Der Entscheid, Olympia in Tokio zu bestreiten, habe viel damit zu tun, dass auch seine Familie dabei sein werde, sagt Federer. «Meine ersten vier Spiele waren super, immer geschah etwas Aussergewöhnliches.» Seine fünfte Teilnahme sei aber nicht primär für ihn selber wichtig: «Es geht mir mehr darum, noch einmal zu versuchen, eine Medaille für mein Land zu holen.»



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Erstellt: 20.10.2019, 11:00 Uhr

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