«Für Federer wäre es zu viel»

Martina Hingis sprach in Melbourne erstmals über die gestoppten Olympia-Pläne und ihr neues Leben.

Verheiratet und in Form: Martina Hingis plaudert am Australian Open über ihr Leben.

Verheiratet und in Form: Martina Hingis plaudert am Australian Open über ihr Leben. Bild: Keystone

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Martina Hingis, inzwischen 31, war in den letzten Monaten wie ein Phantom. Roger Federers Idee, sie für das Olympia-Mixed in London an seine Seite zu holen, brachte die fünffache Grand-Slam-Siegerin in die Schlagzeilen zurück. Bisher schwieg sie dazu. Nun sitzt sie im Gärtchen der Players Lounge in Melbourne, strahlt in die Sonne, trinkt Espresso und spricht erstmals über ihre Gedanken und Pläne. Begleitet wird sie bei der Rückkehr an die Stätte ihrer grössten Erfolge von Thibault Hutin, mit dem sie seit Dezember 2010 verheiratet ist. Mit dem französischen Wettkampfreiter, der im Immobilienbereich arbeitet, spricht sie Französisch.

Martina Hingis, die Sportwelt fragte sich monatelang, ob Sie tatsächlich mit Roger Federer um Olympiamedaillen spielen würden oder nicht.
Das fragte ich mich auch. Im Juli hatte mich beim World Team Tennis in Philadelphia ein Journalist gefragt, ob das vorstellbar sei. Da sagte ich ihm, ich sei von der Seite Federers tatsächlich angefragt worden, ob das denkbar sei. Das schlug wie eine Bombe ein, was ich weder erwartet noch gewollt hatte - auch Roger nicht.

Warum fiel die Entscheidung erst im Dezember?
Roger hatte ein intensives Saisonende. Und es war für ihn schon verlockend, in drei Disziplinen zu starten, in Wimbledon und auf Rasen.

Und für Sie?
Für mich war es eine Ehre, dass er überhaupt an mich gedacht hatte. Wir haben ja tolle Erinnerungen an unseren Sieg beim Hopman Cup (2001). Wenn wir 99 Prozent Chancen gehabt hätten, Gold zu holen, wäre das schon verlockend gewesen - wow, cool, eine Megastory, eine Megaerfahrung. Aber man darf sich keine Illusionen machen, muss es auch realistisch anschauen: Ich habe vier Jahre keinen offiziellen Match gespielt, und in London dürften Teams mit zwei Topspielern antreten, etwa Serena Williams mit Andy Roddick. Und Mixed ist für mich die schnellste und schwierigste Disziplin. Im Einzel hat man viel mehr Platz, um das Spiel aufzubauen, im Doppel auch. Im Mixed ist zudem der Druck auf den Frauen viel grösser, den Aufschlag zu halten. Man muss extrem gut vorbereit sein.

Federer sagte, Sie hätten ihm den Entscheid praktisch abgenommen.
Am Ende entschieden wir gemeinsam. Für ihn ist Gold im Einzel schon lange ein Ziel, und im Doppel ist er mit Wawrinka Titelverteidiger. Ich hätte mich etwa sechs Monate vorbereiten, wieder Turniere spielen müssen, Fed-Cup. Ich kann nicht nur sagen: Kuckuck, hier bin ich, und alle haben Angst. Wenn du an Olympia auf dem Platz stehst und es geht ums Ganze, ist ein ganz anderer Druck da. Ich bestritt am US Open 1996 einst selber alle drei Disziplinen, und es war verrückt. Ich stand von morgens bis abends auf dem Platz, kam als Erste und ging als Letzte und verlor dann überall in den Halbfinals. Federer hätte 15 Matches in 9 Tagen bestreiten müssen, das ist ja noch schlimmer als an einem Grand-Slam-Turnier. Das Mixed wäre für ihn zu viel gewesen.

Sie spielten 2011 im Einzel stark, gewannen in den USA sogar einen Satz gegen Serena Williams.
Ja, da spielte ich gut. Aber dieser Wettbewerb ist schon speziell.

Dennoch: Sie sind offensichtlich gut in Form. Haben Sie keine Spätfolgen Ihrer Karriere?
Wenn ich nicht zwei, drei Stunden auf dem Platz stehen muss, geht es gut. Wenn man sieht, in welchem Zustand andere aufhören müssen?... Natürlich habe ich gewisse Sachen nach 15 Jahren Spitzensport. Die ersten zwei Jahre nach dem Rücktritt spielte ich nicht viel, die vergangenen zwei Jahre wieder mehr. Ich fühle mich besser, wenn ich aktiv bin und mehr Tennis spiele.

Sie sind erstmals seit fünf Jahren in Australien. Wie erleben Sie Ihre Rückkehr?
Es hat sich vieles verändert, und ich geniesse es, Neues zu entdecken und Erinnerungen aufzufrischen. Melbourne ist immer noch sehr ruhig, gar nicht hektisch. Hier habe ich immer gerne gespielt, es war auch mein bestes Turnier (3 Titel, 5 Finals). Wenn ich durch die Anlage laufe und alte Bilder sehe, bin ich schon ein wenig stolz.

Sie bestreiten hier ein Legendenturnier. Gefallen Ihnen diese Events?
Ich fand die Idee sofort lässig, zumal ich mit Iva Majoli spielen werde. Melbourne war bisher das letzte Grand-Slam-Turnier ohne eine solche Veranstaltung.

Sie sind inzwischen bei der französischen Tennis-Akademie Mouratoglou als Beraterin angestellt. Wie wichtig ist das für Sie?
Es ist etwas Neues, das mir Spass macht. Ich berate fünf Mädchen, die teilweise zu den besten gehören. Die 17-jährige Daria Gawrilowa war 2010 die Nummer 1 der Juniorinnen, die noch etwas jüngere Yulia Putintsewa gewann schon kleinere Profiturniere. Mit der amerikanischen Juniorin Sachia Vickery spiele ich hier viel. Ihnen könnte die Zukunft gehören.

Schlagen Sie eine Coaching-Laufbahn ein, wie einst Ihre Mutter Melanie Molitor?
Nein, nein. Alle Spielerinnen haben eigene Coaches. Ich bin die Zugabe, gebe Tipps, und derzeit kann ich mit ihnen auch noch spielen. Wenn man sieht, wie sie sich verbessern, ist das auch ein Erfolgserlebnis. 52 Wochen im Jahr könnte ich das nicht machen. Alles ist noch jung und frisch, ich weiss nicht, wie es sich entwickelt. Ich bin ziemlich frei, kann daneben weiter Schauturniere spielen.

Haben Sie viele Einsätze vorgesehen?
Es ergibt sich fast jeden Monat etwas. Alle Grand Slams haben solche Turniere, im Februar spiele ich ein weiteres in Paris, mit Amélie Mauresmo, Martina Navratilova und Monica Seles. Auch World Team Tennis steht im Juli wieder auf dem Programm.

Ihr Mann kommt aus Paris. Leben Sie jetzt dort?
Unser Zuhause ist die Schweiz. In Paris haben wir zwar einen Ort, wo wir sein können. Bis unsere neue Wohnung fertig ist, lebe ich wieder bei Mama zu Hause, wie in den guten alten Zeiten. Aber wir sind viel unterwegs. Im Dezember waren wir zwei Wochen auf Mauritius, im Trainingslager mit der Akademie, danach in St. Moritz, wo wir auch Bob fuhren.

Reiten Sie noch oft?
In den letzten sechs Monaten bestritt ich nur ein Turnier. Jetzt ist Tennis wieder die Nummer 1. Ich habe noch zwei Pferde, aber jetzt bin ich wirklich eine Freizeitreiterin.

In Melbourne spielen Sie auch Golf. Ein neues Hobby?
Ja, wir haben auch schon auf Mauritius gespielt. Wir sind beide noch nicht so gut. Aber auf neun Löcher gelingt mir schon einmal ein Par.

In Wimbledon haben Sie 2011 Ihre Kleiderlinie «Tonic Tennis by Martina Hingis» vorgestellt. Wie entwickelt sie sich?
Im März sollte sie auf den Markt kommen. Ich freue mich darauf, wir haben schon gute Feedbacks, auch von grossen Ketten wie Harrods. In den Verkaufsprozess bin ich aber nicht involviert.

Und wie sieht es mit Ihrer Familienplanung aus?
Im Moment geniessen wir unsere Zweisamkeit. Wenn die Zeit da ist, kommt das dann schon. Jetzt haben wir damit keinen Stress.

Erstellt: 22.01.2012, 20:48 Uhr

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