Hintergrund

Grandios grotesk

Die französische Wimbledon-Siegerin Marion Bartoli lässt sich im Training an die Leine legen und ist auch sonst bemerkenswert merkwürdig.

Marion Bartoli trainiert an der Leine. Video: Youtube.


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Weltklasse-Tennisspielerinnen sind blond, haben endlos lange Beine und schweben voller Grazie über den Court, ehe sie nach getaner Arbeit im kleinen Schwarzen lächelnd und über rote Teppiche staksen. So sieht das Idealbild der Werbeindustrie und der seit Jahren mit der Attraktivität ihrer Exponentinnen kokettierenden Women's Tennis Association aus. Die neue Wimbledon-Siegerin Marion Bartoli, deren hausbackene Gestalt einen BBC-Reporter am Wochenende zu spöttischen Bemerkungen veranlasste, will deshalb so gar nicht ins Bild passen. Die Französin ist durchaus nicht bemerkenswert elegant, dafür aber bemerkenswert merkwürdig.

In Wimbledon bestand Bartolis Aufwärmprogramm darin, die von einem knienden Lakaien aus nächster Nähe zugeworfenen Bälle im Stil eines Baseballprofis mit der Rückhand über das Netz zu prügeln. Prompt postete der schwedische Ex-Profi Jonas Björkman auf der Social-Media-Plattform Instagram Bilder des grotesken Treibens. Am letztjährigen US Open zog Bartoli den Spott der Tennisgemeinde auf sich, weil sie – in eine abenteuerliche Konstruktion aus Seilen, Bändern, Metallösen und Gewichten gespannt – auf dem Trainingsplatz angestrengt schnaufend eine wilde Abfolge von Schattenschlägen vollführte. Ihr linkes Bein war durch eines der Gummiseile mit dem rechten Knöchel ihres Vaters und langjährigen Trainers Walter Bartoli verbunden – wie eine Spielfigur in Heinrich von Kleists Essay «Über das Marionettentheater» mit ihrem Meister.

Zielschiessen auf leere Platikflaschen nach Niederlagen

Bartoli senior, von Haus aus Arzt und in Sachen Tennis ein Autodidakt, ist inzwischen nicht mehr Coach seiner Tochter, die sich in den Schoss des französischen Verbandes begeben hat. Die Methoden, mit denen er die heute 28-jährige Marion unbeirrt von allen Skeptikern an die Weltspitze führte, haben das Ende der Zusammenarbeit zu Beginn dieses Jahres aber ganz offenbar überdauert. Selbst die Seile und Spanngurte waren in Wimbledon zu sehen. Immerhin braucht Bartoli nach Niederlagen nicht mehr zum Straftraining – vorzugsweise Zielschiessen auf leere Plastikflaschen – zu gehen. «Ich hatte harte Zeiten zu überstehen, aber das macht meinen Triumph nur noch süsser», sagt die 1,70 m grosse und 63 kg schwere Sportlerin, deren etwas pummelige Statur nach Ansicht ihres Vaters durchaus keine Hypothek, sondern ein Vorteil ist. Nur mit einem entsprechenden Gewicht habe seine Marion auch genügend Wucht, um ihr Power-Tennis aufzuziehen.

Sportwissenschaftler mögen an dieser Aussage zweifeln, wie sie wollen, die jüngste sportliche Entwicklung gibt Bartoli senior recht. Wie die von ihm ausgebildete Nummer 7 der Weltrangliste in Wimbledon in den letzten beiden Partien über die Belgierin Kirsten Flipkens und die hypernervöse Deutsche Sabine Lisicki hinwegfegte, war überaus beeindruckend. Auch in mentaler Hinsicht. Bartoli, die nach eigenen Angaben einen Intelligenzquotienten von 175 besitzt, wirkte, als befinde sie sich in einem Tunnel, der geradewegs zum begehrten Silberteller, der Trophäe für den Sieg beim wichtigsten Tennisturnier der Welt, führt.

McEnroe und der Picasso-Vergleich

Der grosse John McEnroe, der in Wimbledon das Geschehen für die BBC analysierte, bemerkte scherzhaft, Dr. Bartoli würde heute wohl verhaftet werden, sollte er eine Spielerin noch einmal dem gleichen Programm unterziehen wie seine Tochter Marion. McEnroe, der 1981, 1983 und 1984 im Mekka des Rasentennis triumphiert hatte, amüsierte sich darüber, dass die ungewöhnliche Madame Bartoli während des Aufschlagtrainings einst mit einem Fuss auf drei Tennisbällen stehen musste, was in Zusammenhang mit ihrer wippenden Service-Vorbereitung stehen soll. Der US-Amerikaner würdigte die Frau der Stunde aber auch als Vorbild für all jene, die nicht mit den gewöhnlichen Attributen von Sportgrössen zur Welt kommen: «Sie sieht nicht so aus, wie man sich eine Athletin vorstellt. Aber sie schwingt ihren Schläger wie einen Pinsel. Sie hat ihren eigenen Picasso fabriziert. Marions Erfolg wird Millionen Menschen inspirieren.»

Erstellt: 09.07.2013, 11:22 Uhr

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