Was passiert, wenn man Freaks ein altes Stadion überlässt?

Punk in Perfektion: Auf zwei Rasenplätzen im alten Fussballstadion von Biel wird Tennis in seiner exklusivsten Form zelebriert.

Früher spielte hier der FC Biel, nun wird in der Stadionbrache mit Filzbällen gespielt.

Früher spielte hier der FC Biel, nun wird in der Stadionbrache mit Filzbällen gespielt. Bild: Raphael Moser

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Rasentennis ist Wimbledon, ist Tradition, ist Erdbeeren und Champagner. Gurzelen, das alte Fussballstadion der Stadt Biel, ist Zwischennutzung.

Biel ist Punk, ist Wurst und Bier. Bis 2017 war Biel eher Festivalwiese als akkurat auf zehn Millimeter getrimmter Rasen. Dann wurde aus dem alten Stadion das Terrain Gurzelen. Seither ist klar: Rasentennis ist Punk, passt zu Zwischennutzung, passt zu Biel.

Zwei Rasentennisfelder an ungewohnter Stelle: Stadion Gurzelen, Biel. Foto: Raphael Moser

Bestes Beispiel ist da Hari. Seine Cowboyboots stehen vor dem Geräteschuppen, er spielt gerade auf Platz Nummer 1. Hari ist fast immer auf der Gurzelen anzutreffen, er ist Platzwart, Tennisspieler, Punk. Er spielt nicht unbedingt so Tennis, wie man es aufgrund seines zahnlosen Lachens erwarten würde. Sein Racket mag aus einer Zeit stammen, in der man noch mit Tennisschlägern spielte; die dem Sport damals eigene Eleganz verkörpert Haris Spiel bis heute. Er ist da old school.

Hari war einmal eine Nachwuchshoffnung des Schweizer Tennis. Dann wurde es ihm zu viel. Heute verwendet Hari gemeinsam mit Manu, dem anderen Groundsman, täglich Stunden darauf, Unebenheiten und Wurmhaufen heraus– und tonnenweise Sand in den Platz hineinzurechen. Manu sorgt nebenbei als Tennislehrer für gepflegtes Spiel auf der Gurzelen.

Erkennungszeichen: Tennisracket

Nach mehr als 100 Jahren Fussball auf der Gurzelen, zog der FC Biel 2015 in seine neue Tissot Arena. 2017 bewilligte die Stadt eine Zwischennutzung. Das Stadion zerfällt nun nicht mehr einfach nur vor sich hin, es bildet den Rahmen, in dem Neues entsteht. Matthias Rutishauser ist beinahe von Beginn weg dabei. Der Bieler verwaltet das Geld, nicht nur für das Rasentennis, sondern für das gesamte Stadion. Rutishauser, lange schwarze Haare, Dreitagebart, schwarze Jeans, mag heute nicht spielen, «Erkältung». Aus seinem Rucksack schaut wie als Erkennungszeichen der Griff seines Tennisrackets.

Die Stadt trägt den Übernamen «Tschernobiel», vielen geht es nicht so gut.

Matthias Rutishauser glaubt, so eine Zwischennuztung und insbesondere die Tennisplätze seien bloss in Biel möglich. Die Stadt trägt den Übernamen «Tschernobiel», hat eine der höchsten Sozialhilfequoten in der ganzen Schweiz, vielen geht es nicht so gut. Das bringe es mit sich, dass hier nicht alles gleich kommerzialisiert werde, «oder kommerzialisiert werden kann», sagt Rutishauser. Woran es nicht fehlt: An Leidenschaft, Zusammenhalt und Tennisspielern. 2017 startete der Verein Tennis Champagne ein Crowdfunding für zwei Tennisplätze. Als 30 000 Franken zusammen waren, die Hälfte des angestrebten Betrag, änderte der Verein sein Ziel. Rasen statt Sand, schlug an einer Vereinssitzung einer vor. Wenn schon, denn schon, war sein Hauptargument.

Mehr Stunden rechen als spielen

Also frästen sie in einer Ecke des Fussballfeldes 35 Kubikmeter Boden heraus, füllten zwei Tonnen Lavasand hinein, darauf gewöhnlichen Sand, darauf Erde, säten Rasen und begannen zu warten und zu rechen und zu warten und weiterzurechen. Hätten Idee und Geist und Leidenschaft und Freude keinen Wert, das Projekt wäre ein schwarzes Loch, das Geld und Zeit verschlingt. Wahrscheinlich haben die Groundsmen bis heute mehr Stunden gerecht, als je Tennis auf der Gurzelen gespielt wird. Hari und Manu und der Tennisplatz brauchen ihre Zeit für sich. Meistens kann um den Mittag herum und bis in die Abendstunden gespielt werden. First come, first serve, die Spielerinnen und Spieler tragen sich an einer Tafel ein, man muss weder eine Ahnung von den Regeln haben noch eine eigene Ausrüstung besitzen.

In einem Schuppen steht eine Kiste mit Rackets. Der Verein Tennis Champagne hat auf seiner Homepage folgende Vision notiert: «2029: Der 20-jährige Eritrea-Schweizer Hayat Selassie qualifiziert sich sensationell für die Viertelfinals in Wimbledon! Hayat kam als 8-Jähriger in die Schweiz, wo er im selbstverwalteten Tennisclub Champagne Biel/Bienne zum Tennisspielen fand.»

Selassie steht stellvertretend für all die Kinder, die hier mit einem Sport in Kontakt kommen, der sonst weit ausserhalb ihrer Reichweite liegt.

Selassie steht stellvertretend für all die Kinder, die hier mit einem Sport in Kontakt kommen, der sonst weit ausserhalb ihrer Reichweite liegt, sagt Rutishauser. Ausländer, Flüchtlinge, Arme. Weil der Sport immer noch etwas Elitäres hat. Wenn gerade niemand spielt, dann kommen die Kinder aus der Nachbarschaft und spielen Tennis. Bis zehn Punkte oder bis hundert, je nach dem.

Erzählt Rutishauser vom Rasentennis auf der Gurzelen, dann ist da einerseits die Begeisterung für das Projekt spürbar. Und anderereseits das Erstaunen darüber, was passiert, wenn man bloss zwei Tennisfelder hinpflanzt, wo sie eigentlich nicht hingehören, ein Fremdkörper sind. Die an ihren Rändern mit ausrangierten Trams, gebastelten Baracken, und ausgebleichten Werbebanden kollidieren: «Bier ist etwas Gutes», «Vivi Cola», «A l’odéon tout est bon».

Hier prallen Welten aufeinander, trifft Gebastel auf Perfektion. Foto: Raphael Moser

«Bloss» zwei Tennisfelder? Damit keine Missverständnisse aufkommen: Dass die Felder gute Tennisplätze sind, das war immer der Anspruch. Von Hari und Manu, von Tennis Champagne allgemein. Inzwischen sind sie so gut, dass Swiss Tennis dieser Tage seine Junioren nach Biel schickt, damit diese im Hinblick auf das Turnier in Wimbledon ein Gefühl für die ungewohnte Unterlage entwickeln. Oder dass Pierre–Hugues Herbert (ATP 43) zwei Tage hier trainiert und sich auf die Rasensaison vorbereitet. Eine Unterlage, die sonst nur wenigen Privilegierten, darunter der Biermilliardär Jorge Lemann am Zürichsee – genau: «Bier ist etwas Gutes» –, zugänglich ist. Biel ist einer von wenigen Rasenplätzen in der Schweiz, der einzige öffentliche und sicher der einzige, neben dem ein Stadion zerfällt, geskatet und gegärtnert wird. Neben dem Grashalme hüfthoch stehen. Neben dem eine selber gebaute Wasserrutsche über die Zuschauerrampe führt.

Nebenan wächst das Gras hüfthoch

Zur Bieler Perfektion gehörten letztes Jahr noch Kalklinien, «wenn der Ball die Linie touchierte, stob es fein weiss auf». Die Tennis-Puristen mussten trotzdem davon Abstand nehmen, zu aufwändig. Trotz des Aufwands, den er verursacht, darf der Regenwurm im Untergrund wirken (wörtliche Basisdemokratie). Überhaupt versuchen Hari und Manu den Platz möglichst bio zu halten. Sie düngen zum Beispiel mit Urin. Neuerdings sammeln sie diesen nicht nur im Pissoir direkt am Spielfeld sondern auch auf dem Kinderspielplatz nebenan. Weil jemand irgendwo erfahren hat, dass die Chinesen auf die Kraft des Kinderurins schwören; Urin ist gut, Kinderurin besser.

Stuhl hin oder her: Schiedsrichter braucht es hier nicht. Foto: Raphael Moser

Gurzelen, das ist Matthias Rutishauser wichtig, ist eine Zwischennutzung. 2035 sollen hier bezahlbare Wohnungen stehen, darüber hat Biel im Mai abgestimmt. Vielleicht betont er das, weil er weiss, dass sich diese Energie, die in den beiden Feldern und im Drumherum steckt, gar nicht «für immer» aufrecht erhalten lässt. Vielleicht sagt er es, um selber nicht zu sehr enttäuscht zu sein, wenn es fünf, sechs oder sieben Jahren vorbei ist.

Vielleicht sagt er es auch, um ein bisschen Druck aufzubauen. «Irgendwann», ist er sich sicher, «taucht Roger Federer hier auf und spielt Tennis auf der Gurzelen». Sein Name steht auf der Magnetwand, gleich über der Nummer 1 des Clubs. Er könnte, was sonst eigentlich nicht geht, sogar im Voraus reservieren.

Eine neue Welt im Abbruchstadion. Foto: Raphael Moser

Erstellt: 20.06.2019, 17:26 Uhr

Infobox

Matthias Rutishauser (Bild: Raphael Moser)

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Blogs

Geldblog Solarenergie: So setzen Sie auf den Megatrend

Sweet Home Da werden wir weich

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

In allen Farben: Die Saint Mary's Kathedrale in Sydney erstrahlt in ihrem Weihnachtskleid. (9. Dezember 2019)
(Bild: Steven Saphore) Mehr...