Hingis' bittere Tränen nach dem Skandal

Tagesanzeiger.ch/Newsnet lässt während des French Open jeden Tag eine legendäre Partie des Sandplatz-Grand-Slams Revue passieren. Heute: Der Final, in dem Martina Hingis den Kopf verlor.

Die aufwühlendste Siegerehrung in der Karriere von Martina Hingis. Video: Youtube.


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Der Final von 1999 zwischen Martina Hingis und Steffi Graf verspricht grosses Spektakel – und er wird diesem Anspruch mehr als gerecht. Zunächst scheint es noch, als würde die 18-jährige Schweizerin gegen die 12 Jahre ältere Deutsche zu einem problemlosen Sieg stürmen. Beim Stand von 6:4, 2:0 kommt es aber zu einem Intermezzo, das die Favoritin aus der Bahn wirft und sie die Sympathien des Publikums kostet: Nachdem ein knapper Ball von Hingis out gegeben wurde, bittet die Nummer 1 zunächst die Stuhlschiedsrichterin Anne Laseserre, den Abdruck zu überprüfen. Lasserre revidiert den Entscheid jedoch nicht, worauf Hingis unter den Pfiffen des Publikums auf Grafs Seite schreitet, um im Sand jenen Abdruck zu markieren, den sie für den richtigen hält – vergeblich.

Aus Protest bleibt Hingis auf der Spielerbank sitzen und kassiert nach der folgenden Diskussion mit Oberschiedsrichterin Georgina Clark einen Strafpunkt. Wenig später heisst es schon 4:3 für Graf. Hingis kann sich aber noch einmal aufrappeln und serviert nach einem abgewehrten Breakball gar zum Match. 6:4, 5:4 und 15:0 führt sie, ehe Graf zurückschlägt und den wechselhaften Satz mit 7:5 ins Trockene bringt. Im dritten Durchgang zieht Graf auf 3:0 davon, doch Hingis kontert mit einem Break und besitzt einen Spielball zum 3:3, den sie zu ihrer grossen Enttäuschung vergibt. So heisst es bei 2:5 und 30:40 Matchball Graf. Hingis serviert wie einst Michael Chang gegen Ivan Lendl von unten und hat Erfolg. Beim zweiten Matchball für Graf versucht sie den gleichen Trick, doch der Ball fliegt ins Out. Hingis beschwert sich über das laute und gegen sie aufgebrachte Publikum, worauf Graf sauer wird und fragt: «Wollen wir diskutieren oder spielen?»

Ein Rückhandfehler besiegelt schliesslich Hingis' Schicksal. Graf siegt nach zwei Stunden und 23 Minuten 4:6, 7:5, 6:2. Die geschlagene Schweizerin verlässt entnervt den Platz und will die Siegerehrung boykottieren. Ihre Mutter Melanie Molitor kann sie nur mit Mühe überzeugen, noch einmal zurückzukommen und den Silberteller für die Finalteilnahme in Empfang zu nehmen. Als die Zuschauer Hingis' bittere Tränen sehen, applaudieren sie ihr doch noch. Und auch die Siegerin findet tröstende Worte für ihre junge Gegnerin. «Steffi hat mir gesagt, dass ich noch viele Chancen haben werde, dieses Turnier zu gewinnen», erklärt Hingis, die ihr Lächeln wiedergefunden hat. Die Chance kommt jedoch nie wieder. Die Nummer 1 bleibt ohne weiteren Final in Paris und wird kein Major-Turnier mehr gewinnen. Das French Open bildet für immer die Lücke in ihrer Grand-Slam-Sammlung. (ak)

Erstellt: 30.05.2012, 07:27 Uhr

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