Hollywood ist zurück im Tennis

Am Ziel des Comebacks von Serena Williams stehen weitere Grand-Slam-Titel. Ihre Rückkehr als Mutter und Ehefrau bringt dem Frauentennis Spannung und Unterhaltung zurück.

Unverkennbar selbstbewusst: Serena Williams ist nach 404 Tagen zurück. Foto: Reuters

Unverkennbar selbstbewusst: Serena Williams ist nach 404 Tagen zurück. Foto: Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie kommt nicht einfach auf den Platz, sie erscheint. Wie ein Fabelwesen aus einer fremden Welt, unverkennbar, ­imposant, riesig. Ganz in Schwarz, mit einem fliegenden Überzieher, der sie noch grösser erscheinen lässt. Mit Ell­bogenwärmern, mit Glitzer an den Schuhen, die wilde schwarze Mähne zurückgebunden und mit einem Blick, der sagt: Ich bin nicht hier zum Scherzen. Unverkennbar selbstbewusst, unverkennbar Serena Williams.

Die Rückkehr der erfolgreichsten Frau der Profiära spielt sich in einer noch grösseren Dimension ab als jene Roger Federers im vergangenen Jahr. Hinter ihrem letzten Einsatz lagen nicht sechs Monate, sondern fast vierzehn. 404 Tage, um genau zu sein. In diesen hatte sie sich nicht, wie Federer, nur aufgebaut, sondern war am 1. September in West Palm Beach (Florida) erstmals Mutter geworden. War wegen einer Lungenembolie nach eigenen Angaben in ­Lebensgefahr geschwebt und sechs ­Wochen im Bett gelegen. Hatte am 16. November in New Orleans bei einem pompösen Fest den Vater des Kindes, Alexis Ohanian geheiratet, einen erfolgreichen, 34-jährigen Internetunter­nehmer. Und während Federer als Nummer 17 zurückkehrte, ist ihr Name aus der Weltrangliste verschwunden.

«Es gibt viel mehr im Leben»

Williams kann in Indian Wells gegen die Kasachin ­Zarina Diyas (WTA 53) nicht verbergen, dass ihr die Wettkampfpraxis fehlt. Sie hat ihre Schlagkraft und ihren Kampfgeist aber bewahrt, bewegt sich schon wieder überraschend gut und feuert sich immer wieder selber an. Sie gewinnt ihre erste Partie seit dem Finalsieg am Australian Open 2017 überzeugend 7:5, 6:3. Fast noch mehr als bei Federer, der sechs Wochen älter ist, stellt sich bei ihr die Frage nach dem Warum. Was treibt sie zurück auf die Plätze, weg von ihrer Tochter Alexis Olympia, die sie vergöttert, «vor allem ihr zahnloses ­Lächeln»?

Ein Rücktritt, stellt sie im Interviewraum klar, sei nie zur Diskussion gestanden. «Als ich realisierte, dass ich pausieren würde, stand für mich schnell fest, dass ich so fit wie möglich bleiben wollte. Es wäre zwar ein grossartiger Abgang gewesen. Aber die Zeit war noch nicht gekommen. Meine Geschichte ist nicht vorbei, sie geht weiter.»

Die 23-fache Grand-Slam-Siegerin wirkt vor den Medien entspannt, locker, geläutert. Man glaubt es ihr sofort, wenn sie sagt: «Ich setze mich an diesem Turnier nicht unter Druck, ich habe keine Erwartungen und lasse mich nicht stressen.» Sie erwartet keine wundersame Rückkehr: «Wenn man den Namen ­Serena nimmt, bin ich von null vielleicht beim S angekommen. Dies ist eine lange Reise, aber ich weiss, dass ich sie zu Ende bringen werde.»

«Ich geniesse es richtig, wieder Turniere spielen zu können.»

Was in den letzten Monaten geschah, hat ihren Ausblick auf das Tennis verschoben. «Ich geniesse es richtig, wieder Turniere spielen zu können. Ich kann nur gewinnen, zu verlieren habe ich nichts. Das war jahrelang anders», sagt sie. «Manchmal denke ich hier zurück an die Momente im Spital, als ich gar nicht gewusst hatte, wie gefährlich es für mich war. Da durchgekommen zu sein, gibt mir das Gefühl: Egal, was passiert – ich bin stark. Ob ich gewinne oder verliere. Denn es gibt viel mehr im Leben.»

Im Gegensatz zu Federer scheint die 36-Jährige klare Vorstellungen zu haben, wohin ihr Comeback führen soll. «Es wird einige Zeit dauern, aber ich weiss, an welchen Turnieren ich in Topform sein will und wann nicht», gibt sie zu. Sie habe während ihrer Auszeit «tonnenweise» Tennispartien am Fernsehen verfolgt. Dabei dürfte ihr nicht entgangen sein, dass an der Spitze eine klare Hierarchie fehlt, was ihre Rückkehr vereinfachen sollte, auch wenn sie vorerst ungesetzt ist. «Und irgendwo muss ich ja beginnen, springen und fliegen. Wobei jeder Tag eine Herausforderung ist.»

«Dieses Jahr sind noch drei Grand Slams übrig, das sind ihre Hauptziele.»Patrick Mouratoglou, Coach

Williams’ Ziele können nur weitere Grand-Slam-Titel sein, und dazu scheint sie fähig. Noch einer fehlt ihr, um zur Australierin Margaret Court aufzuschliessen, noch zwei, um mit 25 Titeln alleinige Rekordhalterin zu sein. Dafür kämpft sie, dafür hat sie intensiv trainiert, angetrieben vom französischen Coach Patrick Mouratoglou. «Dieses Jahr sind noch drei Grand Slams übrig, das sind ihre Hauptziele», sagt dieser. Läuft es optimal, könnte sie Court noch diese Saison überholen, am ehesten mit dem Double Wimbledon/US Open.

Einen anderen Superlativ hat sie, zumindest aus Sicht ihres Ehemannes, bereits erreicht. «Serena Williams G. M. O. A. T.», lässt er auf vier Werbe­tafeln am Rand des Interstate 10 verkünden, der nach Indian Wells führt. Die Abkürzung steht für «grossartigste Mutter aller Zeiten», gezeichnet wird die Botschaft von Alexis Jr. und Sr., Tochter und Vater. Mit dieser Geste, die sich an den oscarprämierten Film «Three Billboards Outside Ebbing, Missouri» anlehnt, habe er seine Frau überraschen und wieder im Tennis willkommen heissen wollen, so Ohanian. Für die Tochter, die von der Mutter Olympia genannt wird, hat er bereits ein Instagram-Konto eröffnet, das schon 282'000 Follower aufweist.

Disneyland und Kinderfilme

Was die Supermutter betrifft, freut sie sich bereits auf später. Ihre Schwester Venus sagte kürzlich, Serena sei eigentlich selber noch ein Kind – was diese freimütig bestätigt. «Ich weiss, ich weiss. Vielleicht kommen Olympia und ich deshalb so gut miteinander aus. Wir spielen immer zusammen, und ich kann es nicht erwarten, dass sie grösser wird. Dann werden wir jede Woche ins Disneyland gehen – vielleicht mehr wegen mir. Und ich freue mich auch darauf, mit ihr ­gewisse Trickfilme zu schauen.»

Hollywood ist zurück im Tennis.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.03.2018, 23:47 Uhr

Artikel zum Thema

Williams mit starkem Comeback

Die 23-fache Grand-Slam-Siegerin gewinnt in Indian Wells ihre erste Partie als Mutter klar. Mehr...

Mit Federers Tipps gegen Williams

Belinda Bencic startet am Montag gegen Venus Williams ins Australian Open. Angereist ist sie mit guten Resultaten und Tipps von Roger Federer. Mehr...

Fragezeichen bei Serena Williams

Nur vier Monate nach der Geburt ihrer Tochter steht die einstige Weltnummer 1 wieder auf dem Court – dennoch zweifelt sie, ob es für die Australian Open reicht. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Fremd in der eigenen Stadt

Mamablog «Beide Elternteile sollten 80 Prozent arbeiten»

Die Welt in Bildern

Reich beschmückt: Eine Tänzerin in Mumbai wartet hinter den Kulissen auf ihren Auftritt. Zusammen mit anderen Transfrauen sammelt sie Geld für ihre Gemeinschaft. (20. September 2018)
(Bild: Francis Mascarenhas) Mehr...