«Ich habe diesen Pokal verdient»

Noch etwas ungläubig, aber stolz zeigte sich der Australian-Open-Champion im Interviewmarathon.

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Wie fühlt es sich an, ein Grand-Slam-Champion zu sein?
Ehrlich gesagt realisiere ich es noch gar nicht. Ich habe immer noch das Gefühl, ich würde träumen. Ich schaue so viele Grand-Slam-Finals an wie möglich, denn da spielen die Besten. Da selber dabei zu sein und sogar zu gewinnen, das konnte ich mir nicht einmal erträumen. Nadal war verletzt, aber die ersten eineinhalb Sätze habe ich hervorragend gespielt. So gut wie noch nie. Ich habe diesen Pokal verdient. Ich gewann ja auch gegen Djokovic, also gegen die Nummern 1 und 2. Aber ich brauche schon ein paar Tage, bis ich das alles glauben kann. Ich habe Roger so viele Grand Slams gewinnen sehen. Jetzt war die Reihe an mir.

War es schwierig, den Fokus zu behalten, als Sie merkten, dass Nadal verletzt war?
Ich wusste, dass es nun nur von mir abhängt. Das machte mich nervös. Einen Satz lang bewegte er sich kaum mehr und servierte nicht mehr richtig. Doch als er wieder besser spielte, wusste ich nicht mehr, was ich tun sollte. Ich wartete zu sehr auf seine Fehler. Aber am Schluss spielte ich wieder angriffiger. Die letzten drei Games waren wirklich gut.

Wie war Ihr Gefühl nach dem Sieg?
Ein einzigartiges Gemisch von Erleichterung, Aufregung und Stolz.

Wie schafften Sie es, so gut zu starten? Waren Sie nicht nervös vor Ihrem ersten Grand-Slam-Final?
Ich hatte mich ausgiebig mit Magnus Norman unterhalten, wie es sein würde. Er sagte, es sei wichtig, dass ich nicht ans Resultat denke, sondern nur an meine Spielweise, wie ich jeden Punkt gewinnen könne. Und dass ich es geniessen müsse. Dass ich dann so gut spielte, kam aber auch für mich überraschend.

Fühlen Sie mit Nadal?
Natürlich. Kein Tennisspieler will auf diese Weise gewinnen, dank der Verletzung des Gegners. Aber wenn das passiert, muss man damit umgehen. Zumal es das einzige Mal sein könnte, dass ich in einem Grand-Slam-Final bin. Doch Nadal ist ein wirklich guter Freund. Wir trainieren oft miteinander, ich habe auch eine gute Beziehung zu seinem Team. Es tut mir leid für ihn. Ich hoffe, es ist nicht gravierend. Das Tennis braucht ihn.

Sie diskutierten aufgebracht mit dem Schiedsrichter, als Nadal nach draussen ging. Wieso?
Weil ich von ihm wissen wollte, was bei Nadal das Problem ist. Normalerweise sagt einem der Schiedsrichter, wieso der Physio kommt. Aber er wollte mir das nicht sagen. Deshalb ärgerte ich mich.

Wo fanden Sie das Selbstvertrauen für diesen grossen Sieg?
In meiner täglichen Arbeit. Und letztes Jahr realisierte ich, dass ich auch gegen die Topspieler bestehen kann. Das Spiel gegen Djokovic (in Melbourne) gab mir viel Mut. Er war die Nummer 1 und gewann das Australian Open. Ich sah, dass ich nahe dran bin. Ich wusste, ich muss es einfach wieder und wieder versuchen.

Hat Ihnen Magnus Norman zu Beginn der Zusammenarbeit gesagt, das Ziel sei ein Grand-Slam-Titel?
Nein. Aber er hat mich immer angetrieben. Als wir zu arbeiten begannen, war ich die Nummer 17. Und er sagte, das ATP-Finale müsse das Ziel sein. Das konnte ich ihm damals nicht glauben.

Wie wird sich Ihr Leben verändern?
Ich werde weiter meinen Weg verfolgen. Natürlich ist es unglaublich, Grand-Slam-Sieger zu sein. Aber ich werde weiter hart arbeiten. Ich stecke mir keine konkreten Ziele. Ich erwarte nicht, dass ich nun auch Roland Garros gewinne.

Wieso nicht? Wir erwarten das!
(lacht) Natürlich hat man im Tennis nie genug. Aber wichtig ist, die Balance zu finden, die schönen Momente zu geniessen und gleichzeitig zu wissen, wohin man will. Wenn mich die Presse zerreisst, weil ich in Roland Garros im Viertelfinal verliere, ist mir das egal.

Wie fühlt es sich an, die Schweizer Nummer 1 zu sein vor Federer?
Er hatte ein schwieriges Jahr, ich mein bestes. Und nun habe ich einen Grand Slam gewonnen. Aber ich werde mich immer hinter Roger fühlen. Er ist für mich der Beste der Geschichte. Und er ist am glücklichsten für mich. Er hat mich sofort nach dem Spiel angerufen.

Sie sagten, Ihre Tochter hoffe jeweils, dass Sie verlieren, damit Sie nach Hause kommen. Auch diesmal?
Diesmal wohl nicht. (lacht) Aber ich glaube, sie realisiert noch nicht genau, was passiert ist. In zwei Tagen bin ich zu Hause. Dann ist sowieso alles gut.

Spielen Sie am Wochenende im Davis-Cup in Serbien?
Natürlich. Der Davis-Cup ist sehr wichtig für mich. Es ist für mich eine grosse Ehre, mein Land zu vertreten. Ich weiss aber noch nicht, wie ich dorthin gelange. Und ob ich diese Nacht überlebe. (lacht)

Wie werden Sie feiern?
Mit dem Team, der Familie. Mal schauen, wie spät es wird, bis ich alle Interviews erledigt habe. Die Chancen stehen jedenfalls gut, dass ich mich danach betrinken werde.

Erstellt: 27.01.2014, 07:16 Uhr

Neu die Nummer 3 – Wawrinkas Weg an die Weltspitze. (Für Detailansicht auf Grafik klicken.) (Bild: TA-Grafik)







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