«Ich habe meinen Entscheid bereut»

Stan Wawrinka über seine unerwartete Startniederlage in Indian Wells, seine Absenz im Davis-Cup und den Eklat um Yann Marti.

Ungeplant lange Schaffenspause: Stan Wawrinka (29) hat nach dem verfrühten Out in Indian Wells fast zwei Wochen Zeit bis zum Turnier in Miami.

Ungeplant lange Schaffenspause: Stan Wawrinka (29) hat nach dem verfrühten Out in Indian Wells fast zwei Wochen Zeit bis zum Turnier in Miami. Bild: Keystone

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Wie kam es zu Ihrer ersten Auftaktniederlage in Indian Wells, diesem 3:6, 6:3, 3:6 gegen Robin Haase?
Es war einfach kein guter Match von mir. Seit meiner Ankunft hatte ich hier Mühe mit den Bedingungen, spürte die Bälle nicht gut – es wird ja ein neues Produkt verwendet. Ich kämpfte, hatte meine Chancen, aber packte sie leider nicht.

Sie sagten, Ihr Ziel sei es, konstanter zu spielen. Ist Indian Wells in dieser Hinsicht ein Rückschlag?
Natürlich geht es auch um die Resultate, aber für mich ist wichtiger, dass meine Leistungen konstanter werden, auch beim Training; dass ich mich auch an schlechteren Tagen nicht gehen lasse. Und im Moment läuft das gut.

Trotzdem: Trübt diese Niederlage Ihren zuvor guten Saisonstart?
Ich muss sie akzeptieren, das Positive mitnehmen und versuchen, mich nun optimal auf Miami vorzubereiten. Das Jahr hat trotzdem sehr gut begonnen, mit zwei Turniersiegen, meinem ersten ATP-500-Titel, dem ersten in der Halle (er spricht von Rotterdam) sowie dem Halbfinal in Melbourne.

Sie haben nun fast zwei Wochen Zeit bis Miami. Ist das fast zu viel?
12 Tage zur Vorbereitung für Miami sind schon viel – zumal es nicht mein Lieblingsturnier ist und ich mich gleich nachher auf Sand umstellen muss. ­Lediglich zwei Turniere innerhalb von vier Wochen sind schon wenig, aber das lässt sich wohl kaum ändern.

Schauen wir zurück auf den Davis-Cup. Wie haben Sie das 2:3 gegen Belgien erlebt?
Ich war in Florida, wo ich mit Magnus (Norman, sein Coach) vier Tage trainierte, ehe ich nach Kalifornien kam. Ich habe die Ergebnisse sehr genau verfolgt und muss sagen: Der Donnerstag und der Freitag waren für mich schwierig. Ich habe mir nochmals die Frage gestellt, warum ich nicht spielte, und ich kam in einen Zwiespalt. Ich wurde mir bewusst, dass ich schon gerne gespielt hätte. Es war ja das erste Mal in elf Jahren, dass ich nicht dabei war.

Sie haben Ihren Entscheid bereut?
In jenen Momenten habe ich ihn bereut. Aber ich weiss, dass es die richtige Wahl war, über die ganze Saison betrachtet. Sie wäre sonst überladen gewesen.

Und wie beurteilen Sie den Fall von Yann Marti, der nach einem Eklat am Freitag aus Lüttich abreiste?
Ich war zwar nicht da, aber ich weiss, was vorgefallen war, weil ich mit Seve (Lüthi) viel darüber gesprochen habe. Für mich ist das leider ein extremer Fall, der Sanktionen haben muss. Und zwar harte Sanktionen des Schweizer Tennisverbandes, die zudem auch publik ­gemacht werden müssen. Denn wir ­hatten in der Vergangenheit zu viele Spieler, die ein Aufgebot ablehnten, weil sie keine Garantie hatten, zu den vier Spielern im offiziellen Team zu gehören. Oder weil ihnen die Partien nicht genug wichtig waren. Immerhin sprechen wir hier von einer Nationalmannschaft. Und man hilft den Jungen nicht, wenn man solche Vorfälle immer zur Seite schiebt.

René Stammbach sagte, solange er Präsident von Swiss Tennis sei, werde Marti nicht mehr zum Team gehören. Ist das in Ihrem Sinn?
Ja. Ich fand es auch gut, dass er das ­öffentlich sagte. Es gibt Dinge, die ein Verband nicht akzeptieren kann, und das muss auch kommuniziert werden. Marti sollte tendenziell auch keine Wildcards mehr erhalten. Er hat gezeigt, dass er sich überhaupt nicht für eine Mannschaft eignet. Einerseits sagte er, es sei sein Traum, zum Davis-Cup-Team zu ­gehören. Aber wenn man ihm dann sagt, dass er aus taktischen Gründen am ersten Tag nicht spiele, danach aber auf ihn zähle, rastet er aus und macht ein Theater. Das geht einfach nicht. Und dann stand es am Sonntag tatsächlich 2:2 . . .

Verstanden Sie, dass am Freitag Michael Lammer gegenüber Marti den Vorzug erhielt?
Gemäss Lüthi war das eine taktische Wahl. Aber es geht nicht darum, wen man wem vorzog. Was ich sagen will: Wir haben einen Captain, der über zehn Jahre dabei ist, der der Coach von Federer ist, der auch mir viel geholfen hat, der im Davis-Cup viele Probleme gelöst und ihn gewonnen hat. Und dann haben wir Marti, der schon im vergangenen Jahr motzte, weil er im Halbfinal und ­Final nicht zum Team gehörte und von einem Komplott gegen ihn sprach. Und es gab ähnliche Fälle mit anderen Spielern. Von Leuten, die auch nicht zu den Top 100 gehören. Dabei handelt es sich hier um eine Davis-Cup-Mannschaft, die zur Weltgruppe gehört, nicht um ein Team in der fünften Division.

Nun hat die Schweiz vier Monate nach dem Sieg den Titel wieder abgegeben und muss im Herbst gegen den Abstieg spielen. Welche Gefühle weckt das in Ihnen?
Es ist klar, dass mit dem Titelgewinn für mich ein grosses Kapitel abgeschlossen wurde. Als Kind hatte ich davon geträumt, einmal zum Team zu gehören, dann davon, spielen zu können, schliesslich davon, den Davis-Cup vielleicht einmal zu gewinnen. Immerhin hatten wir Roger im Land, und ich dachte, wenn es mir gelingt, mich korrekt zu entwickeln und wir zwei andere gute Spieler hätten, könnte es eines Tages klappen. Wir nahmen Etappe um Etappe, bis der Traum realisiert war. Aber der Davis-Cup wird mir stets am Herzen liegen, dies ist mir auch jetzt wieder bewusst geworden. Ich habe dieses Jahr zwar andere Dinge höher gewichtet, aber im Innersten tat es mir weh, nicht dabei zu sein.

Sind Sie im Herbst wieder dabei?
Davon gehe ich aus, auch wenn bis dann noch viel passieren kann. Ich werde bestimmt wieder Davis-Cup spielen.

Sie stehen diesem Wettbewerb deutlich weniger kritisch gegenüber als Federer, der sagte, für ihn sei er eine Bürde gewesen und er sei froh, dieses Jahr nicht spielen zu müssen – hoffe aber, dass Sie dabei sein würden im Playoff.
Ich weiss, was er sagte. Er kann seine Meinung kundtun, dazu habe ich nichts zu sagen. Dass er die Hoffnung äussert, dass ich spielen werde, hat nichts zu bedeuten. Wir haben aber auch hier wieder festgestellt, dass wir alle das Gleiche denken: dass die ITF (der internationale Tennisverband) mit dem Davis-Cup seit Jahren grosse Fehler macht. Das ist auch der Grund, warum die Besten nicht immer antreten und der Davis-Cup derart in die Kritik geraten ist. Wenn ich vom Davis-Cup spreche, meine ich aber meistens unsere Mannschaft, und dann bin ich logischerweise nicht am Kritisieren. Weil es für mich ein Traum ist, mein Land zu repräsentieren.

Was ist denn der grösste Fehler, den die ITF macht?
Dass man nie etwas versucht hat, obwohl seit Jahren viele der Besten nicht antreten. Es wurde nichts getan, um den Davis-Cup zu verbessern, es gibt keine Entwicklung. Ich bin nicht der­jenige, der sagt, dies oder das müsse ­geschehen. Aber fragen Sie nur René Stammbach, wie viele Restriktionen es gibt, wenn man zu Hause spielt. Ein kleines Beispiel: Beim Match for Africa in ­Zürich (ein Schaukampf mit ihm und ­Federer im Dezember) wollten wir den Davis-Cup-Pokal präsentieren, der ja jetzt bei uns ist. Aber die ITF hat das verweigert, weil die Sponsoren nicht die gleichen waren wie beim Davis-Cup. Das sind Details, aber sie zeigen, dass nichts versucht wird, den Wettbewerb zu öffnen und sich zu überlegen, was gut für ihn wäre. Es wird nur blockiert. Dabei gibt es jede Menge Vorschläge, von Spielern, Turnierdirektoren oder Verbandspräsidenten.

Was war denn nun, mit etwas Abstand, für Sie schöner: der Sieg in Melbourne oder der Davis-Cup?
Das waren völlig unterschiedliche Emotionen; unvergleichbar, wenn auch auf dem gleichen Niveau. Der Davis-Cup ist ein Teamanlass, wir hatten Jahre mit Hochs und Tiefs, spielten in Minsk und vor 200 Zuschauern in Kreuzlingen. Die Reaktionen auf den Sieg in der Schweiz waren unglaublich. Das Australian Open war eher etwas Persönliches.

Hat der Kraftakt im Davis-Cup negative Folgen für dieses Jahr? Gegen Djokovic verloren Sie den fünften Satz in Melbourne ja gleich 0:6.
Natürlich hat mich der Davis-Cup erschöpft, aber er hat mir auch etwas ­gebracht: Vertrauen, Genugtuung, positive Energie. Die Niederlage gegen Djokovic war keine Folge des Davis-Cups. Das ganze Jahr 2014 war sehr beladen, ich hatte eine kurze Vorbereitung auf 2015, und es bedurfte auch eines grossen Efforts, um am Australian Open die Halbfinals zu erreichen. Das ist für mich nichts Alltägliches, und ich musste hart dafür kämpfen, ab der ersten Runde.

Haben Sie den Rückstand punkto Training und Erholung inzwischen aufgeholt?
Nein. Ich bin mir bewusst, dass diese Saison ziemlich schwierig werden wird, vom Niveau der Energie her. Das vergangene Jahr war, wie gesagt, sehr befrachtet, und ich hatte keinen wirklichen Schnitt. Es gibt nur kleinere Blöcke wie die zwei Wochen vor Indian Wells oder die zwei Wochen nach Monte Carlo.

Nach Monaco werden Sie vier Sandturniere in Folge bestreiten, Madrid und Rom, das neue Turnier in Genf sowie Paris. Ist das nicht zu viel?
Wenn ich an den ersten drei Turnieren überall gut spiele, ist das natürlich viel vor Roland Garros. Aber in den vergangenen Jahren spielte ich meistens nur entweder in Madrid oder Rom gut. Und wenn ich an einem dieser Turniere früh ausscheide, sieht es wieder anders aus.

Worauf legen Sie den Schwerpunkt in diesem Jahr? Oder nehmen Sie es, wie es gerade kommt?
Ja, ich nehme Turnier für Turnier. ­Natürlich ist mein Ziel, die besten Resultate an den Grand Slams zu erzielen. Aber dafür muss ich auch an den anderen Turnieren gut spielen, um Selbst­vertrauen zu tanken.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.03.2015, 23:10 Uhr

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