Interview

«Ich traf auf einen Spieler, der besser war als ich»

In drei Sätzen verlor Roger Federer den Halbfinal des Australian Open gegen Novak Djokovic. Er habe trotzdem ein gutes Turnier gespielt, sagt er.

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Roger Federer, wie gross ist die Enttäuschung nach der Niederlage gegen Novak Djokovic? Was lief aus Ihrer Sicht falsch?
Er spielte grossartig. Ich glaube nicht, dass ich selber schlecht gespielt habe. Es war über weite Strecken ein Match auf sehr hohem Niveau. Es ist natürlich eine Enttäuschung zu verlieren, aber was soll man machen, wenn er so gut spielt bei den wichtigen Punkten – und ich vielleicht nicht. Es war ein harter Match.

Wie anstrengend war der Match körperlich? Hatten Sie das Gefühl, es ist ein Abnützungskampf?
Nein. Ich fühlte mich wirklich gut, wenn man bedenkt, wie intensiv der Match war. Es waren drei Stunden über Sätze und ich brauche zwischen den Games nicht viel Zeit. So gesehen, war es eine noch längere Partie. Wir hatten einige lange, harte Ballwechsel mit sehr hohem Tempo. Natürlich merkt man das, aber ich wäre für zwei weitere Sätze bereit gewesen. Schade, dass ich ihn nicht dorthin bringen konnte.

Sie können den Titel nicht verteidigen. Wie fühlen Sie sich?
Ich fühle mich gut, weil ich gesund bin. Ich wünschte, ich hätte eine Chance, am Sonntag den Titel zu verteidigen, aber Novak war der bessere Spieler. Das muss ich akzeptieren und weitergehen. Es ist ja nicht das Ende. Nach diesem Turnier folgen noch zahlreiche weitere. Natürlich schmerzt es im ersten Moment. Ich hätte hier gerne ein fünftes Mal gewonnen. Aber das war heute nicht möglich.

Würden Sie taktisch etwas ändern oder haben Sie das Gefühl, Sie hätten im Nachhinein etwas anders machen sollen?
Vielleicht die Abend-Partie gegen Gilles Simon. Hier am Abend zu spielen, ändert doch sehr viel. Je kühler es wird, desto weniger springt der Ball. Die Topspin-Schläge haben deshalb nicht den gleichen Effekt. Je flacher man den Ball trifft, desto mehr Auswirkung hat das. Man gewöhnt sich daran. Bei diesen Bedingungen wird im Prinzip jeder Punkt auf die gleiche Weise gespielt. Ich hätte da vielleicht mit etwas mehr Kick spielen müssen, und Slice-Bälle wären etwas tiefer geflogen. Aber ich war letztlich bei allen Bedingungen erfolgreich. Aber wenn man verliert, wünscht man sich, dass man andere Bedingungen gehabt hätte. Djokovic spielte grossartig, er hat es verdient zu gewinnen.

Werden Sie sich die restlichen Partien noch anschauen?
Die klassische Frage. Ich weiss nicht, warum das interessiert. Ich weiss noch nicht, was meine Pläne sind. Ich schalte den Fernseher nicht so viel ein, wenn ich mit der Familie zusammen bin.

Und was ist Ihr Tipp, wer das Australian Open gewinnen wird?
Ich weiss ja noch nicht, wer im Final auf der anderen Seite stehen wird. Murray hat gute Chancen. Es wird mit Sicherheit ein guter Final. Wenn Novak auf diesem Niveau spielen wird, dann hat er gute Chancen. Und wenn Murray so weiterspielt wie bisher, hat er auch seine Chancen. Es wird sicherlich ein wunderbares Ende des Turniers werden.

Sie hatten die Chance, den zweiten Satz zu gewinnen. Sie spielten einen Stoppball bei Ihrem Breakball und gaben Ihren Aufschlag ab. Was waren Ihre Gedanken?
Der Start ins Game war nicht gerade der beste. Ich war sofort 0:15 zurück. Der Stoppball war eine Möglichkeit. Ich wollte ihn zwingen, einen Extra-Ball zurückzubringen. Er bewegte sich so gut von Seite zu Seite, dass ich versuchen musste, ihn auch einmal nach vorne zu bringen. Bei diesem Stoppball hat er es vorausgesehen und gut gespielt. Aber ich darf ein solches Game nicht abgeben. Es war entscheidend für den weiteren Verlauf der Partie. Aber ich schlug ihn am US Open auch ohne Satzverlust, weil die Bälle auf meine Seite gefallen waren. Heute war einer dieser Tage, an dem die Bälle für ihn gefallen sind. Jedes Mal wenn ich eine kleine Gelegenheit hatte, spielte ich entweder nicht mein bestes Tennis oder er sein bestes. Es war ein harter Abend aus dieser Perspektive. Aber so verlaufen manchmal eben Matches.

Wie sehen Sie Ihr Jahr nach dem ersten Grand-Slam-Turnier?
Ich bin sehr zuversichtlich für die nächsten 15 Turniere – oder wie viele ich auch spielen werde. Ich habe jüngst nicht so viele Spiele verloren. Ich bin ganz zufrieden mit meinem Spiel und auch mit meiner Kondition. Ich freue mich auf das, was kommt. Das ist natürlich jetzt ein kleiner Rückschlag, aber ich spielte trotzdem ein gutes Turnier.

Wie hat sich Djokovic aus Ihrer Sicht verbessert?
Ehrlich gesagt, spielte er schon Ende der letzten Saison grossartiges Tennis. Sein Spiel verliert er ja nicht über Nacht. Ich hatte zuletzt jeweils etwas das besser Ende für mich. Hätte ich in den letzten Direktbegegnungen etwas schlechter gespielt oder er etwas besser, hätte es für ihn ein viel besseres Saisonende bedeutet.

Vor zwei Tagen sagte Djokovic, Sie seien der aggressivste Spieler auf der Tour. War er heute noch aggressiver als Sie?
Wir versuchen beide, gegeneinander sehr aggressiv zu spielen. So spielen die Gegner gegen mich. Je aggressiver man selber spielt, desto aggressiver muss auch der Gegner spielen. Die Bedingungen erlaubten, voll durch den Ball zu schlagen. Vor allem die Seite mit dem Wind war etwas bevorteilt. Djokovic hat viele gute Seiten in seinem Spiel, kann die Linien auf beiden Seiten treffen, mit der Vorhand und mit der Rückhand. Und er bewegt sich sehr gut. Er spürte meine Aggressivität die ganze Zeit. Es war ein Kampf, wer aggressiver spielen kann. Heute war er besser und gewann die Big Points.

Er machte viel Druck auf Ihre Rückhand. War das die siegbringende Taktik?
Ich bin nicht sicher, dass der Match da gewonnen wurde. Es waren einige Punkte hier und da. Wenn ich den zweiten Satz nach Hause serviert hätte, wer weiss, was passiert wäre. Ich wollte Djokovic physisch und mental testen, aber es gelang mir nicht. Er befreite sich einige Male. Mal spielte ich schlecht, mal spielte er grossartig. Es war schlicht eine schlechte Kombination für mich.

Nach dem Final von Doha sagte Dawidenko, dass Sie unschlagbar wären, wenn Sie so spielen. Wie vergleichen Sie Ihre Form hier und in Doha?
Es waren offensichtlich komplett verschiedene Bedingungen, auch mit dem Best of 5. Ich bin immer noch der Meinung, ein gutes Turnier gespielt zu haben. Ich hatte einige grossartige Momente in den letzten zwei Wochen. Es war kein schlechter Match. Ich nehme positive Eindrücke mit. Das ist wichtig. Ich habe keine körperlichen Beschwerden und ich spiele nicht schlecht. Ich hoffe, ich bleibe gesund im Februar. Das war in den letzten Jahren jeweils ein wenig ein Problem. Das hilft mir für die Turniere in Dubai, Indian Wells und Miami. Und danach kommt ja die Sandplatzsaison. Ich habe, wie gesagt, gut gespielt. Ich traf einfach auf einen Spieler, der heute ein bisschen besser war als ich.

Erstellt: 27.01.2011, 15:22 Uhr

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