«Ich vermute, dass sie die Bälle gar nicht getestet hatten»

Die Filzkugeln sind mitschuldig an Roger Federers Aus in Melbourne: Das sagt Mats Wilander im Interview – und dass er dem Schweizer trotzdem noch viel zutraut.

Der Matchball von Tsitsipas gegen Federer (Video: SRF)

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Was lief für Roger Federer gegen Stefanos Tsitsipas schief?
Die Bedingungen waren wirklich unvorteilhaft für jemanden, dem etwas das Selbstvertrauen fehlt. Einige Niederlagen des letzten Jahres scheinen ihm auf das Selbstvertrauen geschlagen zu haben. Es war für ihn einfach zu schwierig, zu langsam. Wenn er mit neuen Bällen spielte, ging es noch. Aber nach drei, vier Games ist der Filz so stark beansprucht, dass die Bälle ausfransen und nirgendwo mehr hinfliegen. Dazu hatte Roger einige Probleme mit dem Wind und machte zu viele Vorhandfehler, weil der Ball nicht zu ihm kam. Aber der Kerl gegenüber spielte auch hervorragend.

Wie fanden Sie Federers Leistung?
Er spielte nicht schlecht, überhaupt nicht. Wie er in diesen Bedingungen auftrat, hätte er beinahe alle Gegner besiegt. Aber wenn ihm jemand gegenübersteht, der absolut furchtlos ist und mit einer solchen Spielweise antritt .... Was Federer widerfuhr: Obwohl er der beste Taktiker ist, war es schwierig, gegen einen wie Tsitsipas eine klare Taktik zu haben. Der kommt von allen Seiten, stürmt ans Netz, riskiert. Es ist schwierig, proaktiv zu sein, wenn der Gegner so viel unternimmt.

Federer musste vor allem reagieren.
Ja. Und inzwischen ist er besser, wenn er selber aktiv ist, als in der Vergangenheit. Früher konnte er besser auf Angriffe reagieren. Dann chippte er halt einige Bälle einfach rein ... Jetzt hat er damit aufgehört, den Ball nur im Spiel halten zu wollen. Denn das geht heute auch nicht mehr.

Er sagte, dass die Bedingungen mit der Zeit an diesem Abend immer noch langsamer geworden seien und er nicht so stark variieren konnte, wie er es gerne getan hätte.
Exakt. Wenn die Bälle etwas schneller gewesen wären, hätte er sich auch besser gefühlt, weil er seinen Aufschlag leichter durchgebracht hätte. Das hätte ihn befreit in seinen Returngames oder in den Grundlinienduellen. So aber war das schwierig. Und trotzdem wurde er nur einmal gebreakt.

Jedenfalls kann keiner mehr behaupten, dass das Australian Open alles mache, damit Federer gewinne. Mit dem neuen Ballprodukt taten sie ihm keinen Gefallen.
Ich sprach mit einigen Australiern und vermute, dass sie die Bälle gar nicht getestet hatten, bei 15 Grad auf der Rod-Laver-Arena und mit zwei Spielern, die sie dermassen hart schlagen und mit Spin bearbeiten. Wenn wir spielen, bei den Senioren, fluffen die Bälle nicht so auf, nicht einmal bei zehn Grad – weil wir ihnen gar nie so viel Drall mitgeben können. Und auf den Aussenplätzen konnte man die Bälle nicht richtig testen. Denn jene Plätze sind viel schneller, weil sie viel abgenutzter sind als diejenigen in den grossen Stadien, und da kann man auch nicht so viel Drall geben.

Die gelbe Filzkugel im Blick: Roger Federer in Melbourne beim Aufschlag. (Keystone/Andy Brownbill)

Wie erklären Sie, dass Federer alle seine zwölf Breakchancen vergab?
Vielleicht war er da etwas zu defensiv. Aber für mich ist dieser Match keine grosse Sache. Die Gegner werden besser, schlagen härter. Tsitsipas überraschte ihn, er überraschte auch mich mit seiner Risikobereitschaft. Wenn man gegen einen solchen Gegner spielt, denkt man: Heilige Sch…, ich hätte nicht gedacht, dass der so aggressiv spielt, so risikoreich, und dann gelingt ihm auch noch so viel. Da fragst du dich dauernd, was er als nächstes macht. Zieht er die Vorhand voll durch? Kommt er wieder ans Netz? Das war ein harter Match für Roger. Für Novak (Djokovic) wäre er einfacher gewesen. Denn der wird in diesem Fall einfach zur Mauer. Die Mauer von Roger Federer aber wird älter und brüchiger.

Sie scheinen dennoch nicht allzu besorgt um ihn.
Nein. Das Niveau der Variationen und des Tennis-IQ war so hoch, wie überhaupt nur möglich ist. Mehr geht nicht, und zwar von beiden Spielern. Was die Ausführung betrifft, hatte Federer gegenüber Tsitsipas den schlechteren Tag. Aber das ist wie Kopf oder Zahl. Hätte er aggressiver spielen können? Vielleicht – doch dann hätte er es auch getan. Aber er fühlte sich nicht hundertprozentig wohl, und der Kerl liess einfach nicht nach.

Federer wird im August 38. Denken Sie, dass er nochmals einen Majortitel gewinnen kann?
Ich denke schon. Die Bedingungen waren in den vergangenen Jahren hier schneller. Und sie wären auch schneller gewesen, wenn es wärmer gewesen wäre. Es war kühl, unter zwanzig Grad. Ich kenne diese Nächte, sie sind schrecklich. Wenn du nur etwas weniger Power hast als der Gegner, reagieren die Bälle nicht auf kleine Spins oder Effekte, die den Gegner normalerweise bedrängen. Das ist nicht die Art, wie Federer oder Nadal Tennis spielen. Die beiden spielen, um das meiste aus dem Ball herauszuholen. Roger bewegte sich nicht schlecht, er schlug nicht schlecht auf. Aber er wurde nicht belohnt für den Aufschlag und seine Finesse. An solchen Tagen wirst du nur belohnt für Rücksichtslosigkeit – bang, bang. Und das macht er nicht.


Video: Ausblick auf Federers Saison 2019

Holt Roger Federer noch seinen 21. Grand-Slam-Titel? Und wieso will er in Paris spielen? Der Saisonausblick mit Tennis-Experte Simon Graf. Video: Lea Koch und Fabian Sanginés


Ist Djokovic auch für Sie der Favorit?
Ja. Nadal hat mit solchen Bedingungen auch mehr Probleme. Djokovic ist das egal, weil er immer gleich spielt – flach mit der Backhand, mit der er nie einen Fehler macht, und Topspin auf der Vorhand. Allerdings kann auch er überpowert werden von den jungen Kerlen. Das gelang ja Chatschanow in Paris, auch Zverev in London. Den Jungen kann das gelingen, denn sie schlagen den Ball härter, sie kommen und prügeln drauf, und wenn sie verlieren – egal. Die alte Generation spielt nicht so Tennis. Für Roger ist das eine schwierige Entwicklung. Aber kann er nochmals eine Änderung vollziehen? Ich weiss es nicht.

Wie müsste er denn sein Spiel ändern?
Ich denke, er hat sich in den vergangenen Jahren so entwickelt, dass er noch immer mit Djokovic, Murray und Nadal mithält. Doch jetzt kommen andere Spieler, die härter schlagen, und zu diesen dürfte er in dieser Spielweise nicht mehr aufschliessen. Es ist mehr so, dass er gegen diese versuchen muss zu überleben, und wenn sie einen grossartigen Tag haben, schlagen sie ihn halt. So geht das eben, mit dem Wechsel der Generationen.

Erwarten Sie, dass es dieses Jahr neue Grand-Slam-Sieger geben wird?
Das ist eher unwahrscheinlich, angesichts von Djokovic und Nadal. Und ich weiss nicht, wie viele solche Partien Tsitsipas spielen kann.

Kann Federer aus Ihrer Sicht in Wimbledon nochmals gewinnen?
Absolut. Allerdings denke ich, dass er hier die besseren Chancen hatte. In Wimbledon ist es schwieriger, den Ball im Aufsteigen zu schlagen, wegen dem Rasen. Er könnte es nochmals gewinnen, weil er so gut ist. Aber Rasen birgt mehr Risiken.

Finden Sie es gut, dass er dieses Jahr wieder auf Sand antreten wird?
Ja. Er braucht wohl wieder mehr Partien als letztes Jahr. Vielleicht könnten die Sandturniere schlecht sein für die Art, wie er spielen will. Aber sie könnten ihm auch helfen, weil er körperlich und mental dort härter sein muss, weil die Ballwechsel länger und härter sind. Weil er von etwas weiter hinten spielen und sich besser organisieren muss, was die Ballarbeit und die Vorhand betrifft. Allerdings konnte ich auch wieder nicht glauben, dass er noch immer so gut ist, so schnell, so motiviert und am Ende auch ziemlich verärgert. Dass er das noch hat, ist für mich das Entscheidende. Dass er gute Tage und schlechte Tage hat, ist normal. Und vergessen Sie nicht, dass er vier Jahre lang keinen Majortitel gewann. Nun gelang es ihm einfach nicht, den Titel am Australian Open zu verteidigen. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 21.01.2019, 08:58 Uhr

Mats Wilander


Mats Wilander bei einem Legendenspiel am diesjährigen Australian Open. (Bild: Scott Barbour/Getty)

Der heute 54-jährige Schwede gewann in seiner Karriere 33 Turniere. Darunter sieben Grand-Slams. Mit Schweden feierte er dreimal den Gewinn des Davis-Cup. Von September 1988 bis Januar 1989 war Wilander Weltnummer 1. 1995 wurde der Schwede positiv auf Kokain getestet und trat ein Jahr später zurück. Nach seiner Karriere amtete Wilander als Trainer. Seit 2006 ist er Experte bei Eurosport.

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