«Ich war noch nie euer Boris»

Boris Becker wird heute 50. Die Geschichte eines Antihelden, der es trotz aller Turbulenzen schafft, die Fassung zu bewahren.

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Happy Birthday, Boris Becker! Obschon er ja zweimal geboren wurde, wie er zu sagen pflegt, das zweite Mal am 7. Juli 1985 bei seinem Wimbledon-Sieg mit zarten 17, erlauben wir uns, ihm heute zu seinem 50. Geburtstag zu gratulieren.

Im Hinblick auf diesen grossen Tag begleitete ihn ein deutsches Kamerateam ein Jahr lang, die 90-minütige Dokumentation («Boris Becker – der Spieler») wurde am Montag auf ARD gezeigt und läuft am Freitagabend auf SRFzwei. Sie zeigt ihn in fast in allen Lebenslagen: wie er für einen Eingriff am Fuss in den Operationssaal gefahren wird, den Daumen hoch, die Nacht durchpokert, in Wimbledon die Stellung hält, als die Insolvenzgeschichte die Runde macht oder auf Ibiza über sein Leben sinniert.

Becker wehrt sich nicht dagegen, als gezeichneter Held gefilmt zu werden.

Was man bei ihm, ob man ihn mag oder nicht, bewundern muss: Trotz aller Turbulenzen wahrt er nach aussen hin die Fassung. Es ist vielleicht so wie früher auf dem Tenniscourt: Erst wenn er hinten lag, lief er so richtig zu Hochform auf.

Man kann es den Dokumentarfilmern nicht verdenken, dass sie das Bild eines Mannes zeichnen, der eigentlich immer nur das Beste wollte, aber oft Opfer der Umstände wurde. Und das begann mit seinem Wimbledon-Triumph, durch den ein Rummel um ihn entstand, dem ein 17-Jähriger nicht gewachsen sein kann. Das grosse Missverständnis sei, dass seitdem alle Deutschen meinen würden, er gehöre ihnen, sagt er. «Ich war noch nie euer Boris», hält er trotzig fest. «Noch nie.»

Jüngster Sieger des Wimbledon-Turniers: Die Karriere von Boris Becker. Video: Reuters

«Lasst die Kamera nur laufen. Das ist die Wahrheit»

Interessant ist, dass in der Zeitspanne, in denen die Filmer ihn beschatteten, einiges passierte in seinem Leben. Man sieht Bilder eines Trainings in der Endphase seiner Zusammenarbeit mit Novak Djokovic, in denen deutlich wird, dass es zwischen den beiden nicht mehr funktioniert. Ein Arzt in Basel analysiert das Röntgenbild von seinen lädierten Füssen und staunt, dass er sich noch auf dem Beinen halten kann, keinen Rollstuhl braucht. Becker wehrt sich nicht dagegen, als gezeichneter Held gefilmt zu werden. Etwa, wie er in Roland Garros von der Anlage hinkt. «Lasst die Kamera nur laufen. Das ist die Wahrheit», sagt er.

Am meisten setzen Becker und seiner Frau Lily aber die finanziellen Kalamitäten und deren Darstellung in den Medien zu. «Das war Rufmord. Das war versuchter Totschlag», sagt er. «Es geht darum, einen Menschen und sein Lebenswerk kaputt zu machen.» Dabei wisse er gar nicht, was er den Redakteuren angetan habe. Seine Frau Lily wird sogar martialisch: «Wenn die Familie attackiert wird, zieht man in den Krieg.»

Das Insolvenzverfahren in London will der Deutsche aussitzen – im Juni 2018 werde er wieder bei null beginnen, sagt er. Dieses Spiel werde er gewinnen. Im Rechtsstreit mit Hans-Dieter Cleven, der geltend machen will, dass ihm Becker über 40 Millionen Franken schuldet, sieht er sich im Recht.

Und er? Hat er keine Angst?

Becker zetert, er philosophiert, er blickt wehmütig zurück auf seine Anfangszeiten in Monte Carlo, als ihm Manager Ion Tiriac das Leben erklärte. Und er doziert über Tennis, das er besser versteht als alles andere. So erklärt er etwa, dass man bei Rafael Nadal auf dem Platz nur seine Leidenschaft sehe und nicht die Ängste, die ihn stets plagen würden. Und: «Wenn man in Roger Federers Augen schaut, sieht man nicht, ob er Angst hat.» Wie ist es bei Becker? Hat er nicht Angst, dass alles über ihm zusammenbricht? Dieses Bild will er auf keinen Fall zulassen.

Am liebsten würde er gar nie mehr in den Zeitungen stattfinden, sagt er gegen das Ende hin. Aber das gehe nicht. Denn sein Geschäftsmodell, das auf ihm als Persönlichkeit fusst, bedingt Öffentlichkeit. Wir werden also zuschauen, wie es mit ihm weitergeht. Geht er aus seinen undurchsichtigen Kämpfen um Millionen als Sieger hervor? Hält sein Körper, der gezeichnet ist so von manchen Schlachten auf dem Tenniscourt?

Becker liegt 15:40 zurück. Doch er hat immer noch seinen Aufschlag und den unbändigen Willen, es allen zu zeigen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.11.2017, 07:25 Uhr

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