«Im Tennis verdienen die Besten im Vergleich mit den andern zu viel»

Gilles Simon erklärt in Basel, weshalb das Preisgeld steigen soll – aber nicht für alle.

Der Querdenker im Spielerrat: Gilles Simon. Foto: Diego Azubel (Keystone)

Der Querdenker im Spielerrat: Gilles Simon. Foto: Diego Azubel (Keystone)

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Obwohl er seit 2006 in Neuenburg wohnt, traf man Gilles Simon bisher noch nie als Spieler in der St.-Jakobs-Halle an. Auch gestern nicht: Die Nummer 15 kam nur, um ihre Pflichten gegenüber den Swiss Indoors zu erfüllen. «Vergangene Woche in Stockholm entschied ich mich dazu, Basel abzusagen und vor Paris-Bercy zu pausieren», erzählt er. «Ich habe seit ein paar Wochen Schmerzen in der Schulter.» Basel habe er bisher ausgelassen, weil er lieber im wärmeren Valencia gespielt habe, bekennt er. Das spanische Turnier wurde inzwischen aber auf die ATP-250-Stufe degradiert. Simon kehrte im Sommer nach sechs Jahren Unterbruch in die Top 10 zurück. Doch seither geht es abwärts. «Ich hielt die Saison nicht durch», sagt er offen. «Ich spielte in Nordamerika schlecht, verlor das Vertrauen, und nun bin ich körperlich angeschlagen.» Im Gegensatz zu Jo-Wilfried Tsonga und Richard Gasquet hat er keine Chance mehr, das Saisonfinale zu erreichen.

Die Frauen als Profiteure

Simon gehört seit 2012 zum Spielerrat der ATP, ist dort Vizepräsident und kandidierte 2014 als Präsident (gewählt wurde der Amerikaner Eric Butorac). Er ist fast ebenso bekannt für seine prägnante Meinung wie für sein Konterspiel. So ist er einer der wenigen, die öffentlich die Preisgeld-Gleichheit zwischen Frauen und Männern anprangern. Diese Position verteidigt er auch an diesem Nachmittag in der Players Lounge.

«Der Grund ist einfach: Die Frauen generieren nicht gleich viel Geld wie die Männer. Es gibt 50 Indikatoren, die das beweisen», sagt er. Man müsse nur die wirtschaftliche Situation der ATP-Tour mit jener der WTA-Tour vergleichen. «Auch deshalb wollen die Frauen immer mehr gemeinsame Turniere: weil sie dadurch mehr Preisgeld bekommen.» Dabei würden etwa 75 Prozent der Einnahmen solcher Turniere – neben den Grand Slams etwa Indian Wells, Miami oder Madrid – durch die Männer eingespielt. «Aber das Preisgeld wird 50:50 geteilt. Das finde ich nicht normal.»

Dabei sei er keineswegs gegen das Frauentennis: «Es gab Zeiten, als es fantastisch war und auch ich oft schaute. Als Graf, Seles, Hingis und die Williams-Schwestern spielten, dazu Clijsters und Henin, Capriati . . .» Die Vorkämpferinnen der WTA-Tour hätten von jener Situation profitiert, um die Preisgeldgleichheit zu erkämpfen. «Doch während es bei ihnen danach abwärtsging, kam bei den Männern die Ära mit Federer, Nadal, Djokovic, Murray . . .» Inzwischen sei es aber fast unmöglich, die Frauen wieder schlechterzustellen.

Die Spirale soll weiterdrehen

Für Simon ist klar, dass die WTA-Tour nun auch davon profitiert, dass die Männer in ihrem vor allem vom früheren Spielerrats-Präsidenten Federer geführten Kampf um mehr Preisgeld grosse Fortschritte erzielt haben. Speziell an den Grand-Slam-Turnieren stieg es fast explosionsartig, am US Open in drei Jahren um 67 Prozent. Dabei wurden die Beträge für Startverlierer überproportional erhöht, am US Open gab es für diese zuletzt 39'500 Dollar.

Das ist ganz im Sinne Simons. Natürlich seien das auf den ersten Blick grosse Beträge, gibt er zu. Das Ziel aber sei, dass Spieler, die Grand-Slam-Turniere bestreiten können, ihre Situation verbessern und so ihre Grundspesen decken könnten. «Es kann doch nicht sein, dass die Nummer 90 keinen Coach finanzieren kann, während Spieler wie Federer mit grosser Entourage reisen.»

Die Preisgeldspirale soll gemäss dem 12-fachen Turniersieger auch nicht stoppen – zumal die reichen Turniere noch immer erst einen zu kleinen Anteil am Gewinn an die Spieler weitergeben würden. «Es ist richtig, dass das Preisgeld weiter steigt.» Allerdings finde er auch: «Im Tennis verdienen die Besten zu viel im Vergleich zu den anderen. Es kann doch nicht sein, dass der Sieger 100-mal mehr erhält als ein Startverlierer.»

Das Geld sei auch der Grund, weshalb in den letzten 15, 20 Jahren kaum ein französischer Tennisspieler im eigenen Land geblieben sei, sagt Simon. Eine Vielzahl von ihnen – auch Tsonga, Gasquet und Monfils – wohnt wie er in der Westschweiz. «Vor allem wegen der hohen Steuern in Frankreich», bekennt Simon, dessen fünfjähriger Sohn in Neuenburg inzwischen zur Schule geht. «Aber es gibt Schlimmeres, als in der Schweiz zu leben.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.10.2015, 22:31 Uhr

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