«In Wimbledon jogge ich gerne mal zu Grillmeister Stan»

Severin Lüthi sagt, wieso sein Stressjob als Co-Coach von Roger Federer und Davis-Cup-Captain für ihn ein Traum ist. In Wimbledon wohnt der Berner im Haus Federers.

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Sie sind eben aus Halle gekommen, am Wochenende geht es nach Wimbledon. Haben Sie schon einmal ausgerechnet, wie viele Nächte Sie pro Jahr im Hotel verbringen?
Das nicht. Aber ich führe Buch, wie viele Tage ich mit Roger (Federer) unterwegs bin. 2014 waren es rund 200, im Jahr ­zuvor 230. Das beinhaltet aber auch die Trainingstage in der Schweiz. Und da achte ich darauf, dass ich zu Hause schlafe. Sonst wird es gar viel. Denn dazu kommt ja noch der Davis-Cup, für den ich ebenfalls oft unterwegs bin.

Wie gefällt Ihnen Ihr Leben als Globetrotter?
Das zu erleben mit Roger, mit Stan ­(Wawrinka), dem Davis-Cup-Team, empfinde ich als grosses Privileg. Ich lebe einen Traum. Ich habe nie das Gefühl, ich gehe zur Arbeit. Natürlich gibt es auch die Schattenseiten. In ­meinem ­privaten Umfeld müssen viele Rücksicht nehmen auf mich. Die Familie, meine Freundin, die Kollegen. Mir ist wichtig, dass ich immer noch zu Hause verwurzelt bin. David Macpherson (der Doppelcoach, der den Schweizern am Davis-Cup-Final half) sagte mir einmal, er habe kein richtiges Zuhause. Das könnte ich mir nicht ­vorstellen.

Was ist Ihr Lieblingsort auf der Tour?
Ich bevorzuge die ruhigen Orte. Melbourne gefällt mir sehr gut. Ich reiste erst relativ spät erstmals nach Australien, mit 30. Es ist cool, vom Winter in den Sommer zu kommen. Die Leute sind dort total relaxt und sportbegeistert. Und es ist recht ruhig. Es kann nicht ­jeder den TGV nehmen wie ans French Open, wo man an den ersten Tagen das Gefühl hat, es platze aus allen Nähten. Auch Indian Wells gefällt mir gut. Oder Halle. Und New York ist für mich von der Stadt her einfach total faszinierend.

Wimbledon unterscheidet sich von den anderen Turnieren, weil dort die ­meisten Spieler und ihr Team in einem Haus bei der Anlage wohnen. Wie kann man sich das bei Ihnen ­vorstellen? Wird da jeden Abend zusammen am Tisch gegessen und ein Jass geklopft?
Das nicht gerade. So gross ist der Unterschied zu den anderen Turnierwochen nicht. Wir sind ja auch sonst sehr nahe beisammen. Bei Wimbledon gefällt mir, wie heimelig es trotz seiner Grösse und Bedeutung noch ist. Und für mich ist es ein Turnier, an dem ich selbst relativ viel Sport treibe, weil der Park in der Nähe und ideal zum Joggen ist. Was das Zusammenleben betrifft, haben wir keine Regeln. Jeder kann tun, was er will. Lagerkoller kam noch nie auf. Ich ging in den letzten Jahren auch gerne ab und zu zum Barbecue zu Stan. Er ist der Grillmeister. Manchmal joggte ich zu ihm hinüber und nahm die Kleider im Rucksack mit. Solche Dinge kann man in Wimbledon tun, wo alles so nahe beisammen ist. Das macht es speziell.

Wie stark schätzen Sie Federer vor seinem Lieblingsturnier ein?
Ich sehe viel Positives. Er hat dieses Jahr schon vier Turniere gewonnen, viele Matches gespielt. Und das ist für ihn ­immer noch das beste Training. An den kleineren Turnieren sorgt man dafür, das Puzzle zu vervollständigen, damit man an den Grand Slams bereit ist, um sich in den entscheidenden Momenten zu steigern. Roger weiss, er ist gut unterwegs. Wenn es läuft, stellt man sich ­automatisch weniger Fragen. Und es ist wichtig, dass man sich eine gewisse Lockerheit bewahrt. Tennisspieler sind Künstler. Wenn man versucht, alles nach Schema X zu machen, kann man sich auch verkrampfen.


«Tennisspieler sind Künstler»: Severin Lüthi erzählt aus seinem Alltag mit Roger Federer. Foto: Dominique Meienberg

Stefan Edberg, der Federer zusammen mit Ihnen coacht, war zuletzt nicht mehr so oft an Turnieren. War das so geplant?
Das ergab sich so. Ich weiss nicht, wie viele Wochen er weniger haben wird per Ende Jahr. Ich glaube schon, dass er 2014 etwas öfter dabei war. Aber diesmal war er etwa in der Trainingswoche vor Monte Carlo oder vor Paris dabei. Dann sieht man ihn natürlich nicht am Fernsehen. Ich glaube, wir haben einen guten Mix gefunden. Am Schluss muss es für alle passen, vor ­allem aber für ­Roger. Edberg ist nun ­bereits in London, ich reise erst aufs ­Wochenende an. Das ist gut, gibt mir ­etwas Luft für meine ­anderen Dinge. Wäre ich 50 Wochen im Jahr mit Roger zusammen, wäre das auch nicht gut. Wenn man sich immer sieht, nützt sich das ab.

Wie sehen Sie Edbergs Rolle?
Er war Rogers Idol. Es ist cool, seine ­Geschichten zu hören, seine Ansichten. Auch zu erfahren: Was hat früher funktioniert? Roger kann aus ganz vielen verschiedenen Dingen etwas herausziehen. Edberg ist nicht der klassische Trainer, eher eine Inspiration und Motivation. Und er ist als Typ sehr angenehm, fügt sich gut ein. Er ist kein Selbstdarsteller. Ihm geht es um die Sache.

Edberg und Magnus Norman, der Coach Wawrinkas, sind beide ­Schweden. Ein Zufall?
Sie sind beide sicher eher ruhigere ­Typen und keine, die sich inszenieren wollen. Davon gibt es genug auf der Tour. Die Zusammenarbeit ist exzellent. Norman war ja auch am Davis-Cup-Final in Lille, und am Abend des ersten Tages sagte er zu mir: «Ich habe mir noch ein paar Notizen gemacht. Soll ich sie dir ­geben.» Ich sagte: «Ja, gerne.» Am French Open teilte ich Norman meine Beobachtungen zu Stan mit. Und er hat auch kein Problem damit, wenn ich mit Stan direkt rede. Wir haben alle das ­gleiche Ziel, unterstützen einander ­gegenseitig. Für uns ist wichtig, dass wir die besten ­Lösungen finden für Roger und Stan.

Zuletzt war Federer öfter ohne Familie an Turnieren. Könnte das eine Möglichkeit für ihn sein, die Karriere zu verlängern?
Es ist sicher gut, dass er weiss, dass es auch ohne Familie geht. Aber jetzt kommt wieder eine Phase, in der sie stets dabei sein wird. Roger ist extrem gerne mit seiner Familie zusammen. Ich glaube, es verlängert seine Karriere, dass er nicht das Gefühl hat, er müsse auf dies und das verzichten. Roger ist auf der Tour zu Hause. Bei ihm hört man im Gegensatz zu anderen Spielern nie: «Jetzt muss ich bald mal wieder nach Hause.» Sein Leben spielt sich auf der Tour ab. Er hat viele Leute, die mit­reisen. Freunde, die ihn besuchen. Er vermisst nichts. Auf dem Court gibt er immer alles. Aber er ist nicht zehn Tage im Loch, wenn er einen Match verliert. Dann wendet er sich halt wieder mehr der Familie zu. Sie ist für ihn das Wichtigste, tut ihm gut.

Die Schweizer gelten als zurück­haltend. Trotzdem gibt es immer wieder herausragende Schweizer Einzelsportler, vor allem auch im Tennis. Wie erklären Sie sich das?
Ich weiss nicht, ob man das verallgemeinern kann. Ich sehe unsere Champions alle als Ausnahmeerscheinungen. Wir haben sehr viel Glück gehabt in den ­letzten Jahren. Damit meine ich nicht nur mit Roger und Stan. Vorher hatten wir Hingis, Rosset, Hlasek. Bacsinszky spielt nun ausgezeichnet. Man könnte noch viele andere erwähnen. Wieso wir im Tennis so viel Erfolg haben, dafür habe ich auch keine abschliessende ­Erklärung. Ich glaube aber, dass wir gute Voraussetzungen haben in der Schweiz. Es scheitert bei uns niemand, weil zu wenig Geld da ist oder es an der Infrastruktur fehlt. Wenn jemand wirklich gut ist, findet man Lösungen.

Sehen Sie bei den Schweizer Grand-Slam-Champions, bei Hingis, Federer und Wawrinka, Parallelen?
Sie sind ganz verschiedene Persönlichkeiten. Man muss sicher hart arbeiten und mit Hingabe dabei sein. Die kann sich unterschiedlich äussern. Roger liebt es einfach zu spielen. Er ist wie ein kleiner Junge, der mit etwas spielt und ­einfach Freude daran hat. Bei Stan ist es extrem, wie hart er zu sich selbst ist. Was er mit harter Arbeit alles erreicht hat. Er will immer mehr. Martina (Hingis) trainierte durch ihre Mutter schon früh sehr konsequent. Sicher ist: Ohne die totale Hingabe geht es nicht. Es gibt viele, die sind körperlich topfit, talentiert, mental stark. Aber sie haben nicht diese absolute Leidenschaft. Die ist eine riesige Energiequelle.

Sie wurden mit 17 Schweizer ­Meister. Wieso schafften Sie den grossen Durchbruch nicht?
Weil ich damals nicht wusste, was ich ­genau will. Will ich das wirklich, dieses Leben auf der Tour? Aber ich will jetzt nicht, dass es nach einer Ausrede tönt. Mich nervt es, wenn ich all die Geschichten höre von anderen, die es nicht ­geschafft haben. Die von Verletzungen ­reden oder klagen, sie seien nicht genug unterstützt worden. Es interessiert doch nur eines: War man vorne oder nicht? Ich hätte schon das Potenzial gehabt, um ein gewisses Niveau zu erreichen. Aber mit 20 hörte ich auf.

Bereuen Sie das?
Als ich das KV machte, überlegte ich mir noch relativ lange, ob ich wieder einsteigen soll. Wenn ich sah, wie Spieler wie Gustavo Kuerten oder Magnus ­Norman, die ich bei den Junioren geschlagen hatte, plötzlich um Grand-Slam-Titel mitspielten. Und ich machte das KV und verdiente 700 Franken im ersten Lehrjahr. Oder 500. Aber ich bin einer, der gerne mit anderen Menschen arbeitet. Wenn man nicht ganz nach vorne kommt, ist man auf der Tour oft auf sich alleine gestellt. Mit Roger, mit Stan, beim Davis-Cup, da sind wir nun stets im Team. Es ist gut so, wie es gekommen ist.

Erstellt: 24.06.2015, 23:22 Uhr

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Wenn auf der grossen Bühne Tennis gespielt wird, ist Severin Lüthi meist dabei. Zusammen mit Stefan Edberg betreut der 39-Jährige Roger Federer, als Davis-Cup-Captain führte er die Schweiz 2014 zum Triumph. Auch am steilen Aufstieg von Paris-Sieger Stan Wawrinka hat Lüthi grossen Anteil – er ist für den Romand weiter eine wichtige Ansprechperson, obschon der seit zwei Jahren von Magnus Norman gecoacht wird. Lüthis Zusammenarbeit mit Federer begann 2007, als sich der Baselbieter vor dem French Open von Tony Roche trennte. Selbst talentiert, wurde er mit 17 Schweizer Meister. Doch der Traum von einer grossen Karriere erfüllte sich nicht. Mit seiner analytischen und zurückhaltenden Art und seinem breiten Fachwissen gewann er das Vertrauen von Federer und Wawrinka und wurde er zu einer wichtigen Figur bei den Schweizer Erfolgen. (sg.)

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