Interview

«Keiner improvisiert so gut wie Federer»

Der siebenfache Major-Champion Mats Wilander erklärt, wieso er im Halbfinal von Wimbledon Roger Federer gegen Novak Djokovic favorisiert.

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Was für einen Halbfinal erwarten Sie zwischen Roger Federer und Novak Djokovic?
Ein Tennisspiel auf sehr hohem Niveau. Ich hoffe, es ist nicht allzu windig. Der Wind könnte uns, die wir uns auf grosses Tennis freuen, den Spass verderben. Für mich ist es auch okay, wenn sie unter geschlossenem Dach spielen. Hauptsache, es windet nicht. Und ich erwarte einen sehr entspannten Roger Federer.

Entspannt? Wirklich?
Absolut. Er hört nicht auf Sie oder mich, die sagen, er könne kein Major mehr gewinnen. Oder er müsse unbedingt noch eines gewinnen. Wieso sollte er müssen? Er hat es schon 16-mal getan. Er muss gar nichts mehr beweisen. Es ist ein Fakt, dass er die Majors zuletzt nicht mehr gewann. Aber er weiss, dass er es immer noch kann. Als ich 32 war und die Nummer 40, war ich immer noch überzeugt, am French Open, am Australian Open oder am US Open eine Chance zu haben. Mein Ranking war mir egal, und es belastete mich auch nicht, dass ich schon sechs Jahre nicht mehr gewonnen hatte. Als ich nach Melbourne kam, sagte ich mir: Ich habe hier schon dreimal gesiegt, ich liebe dieses Turnier, kann gut mit der Hitze umgehen. Wieso sollte es nicht klappen? Ja, ich bin überzeugt, dass Federer relaxt ist. Dazu dürfte beitragen, dass hier noch Olympia ansteht.

Wie sollte er spielen? Muss er so oft wie möglich angreifen?
Ich finde nicht, dass er auf Rasen unbedingt angreifen muss. Der Unterschied ist hier, dass ihn seine geslicte Rückhand in die Mitte oder auf die Backhand Djokovics nicht in Probleme bringt. Anders als auf Hartplatz oder Sand. Bei Murray ist es genau gleich. Auf Rasen hat man die Möglichkeit, entweder den Punkt anzustreben oder einen defensiven Schlag zu wählen in die Mitte des Courts, mit dem der Gegner nichts anfangen kann. Deshalb ist Rasen der am wenigsten aggressive Belag geworden. Man sieht viele dieser flachen Schläge, die vielleicht risikoreicher sind, aber nicht aggressiv.

Müsste es nicht Djokovic entgegenkommen, wenn die Unterlage nicht so aggressiv ist?
Nein, eben gerade nicht. Federer ist nicht besonders gut, wenn er aggressiv spielen muss. Er war nie einer, der drei, vier Schläge vorausdachte oder eine Strategie umsetzen konnte. Das ist seine Schwäche. Aber er hat das beste Gefühl für die Situation. Keiner improvisiert so gut wie er. Deshalb ist Rasen so gut für ihn. Hier kann man das Spielgeschehen nicht derart gut kontrollieren wie anderswo, muss man es verstehen, auf die Situation zu reagieren. Das beherrscht er meisterhaft. Daher ist er hier freier und entspannter.

Er braucht also gar keine Strategie?
So weit würde ich nicht gehen. Beim Aufschlag und beim Return sollte er schon eine Idee haben, was er machen will. Aber wenn der Ball im Spiel ist, sollte er spontan reagieren. Wenn ihm nichts einfällt, kann er stets den Rückhandslice einstreuen. Früher musste man damit rechnen, angegriffen zu werden, wenn man auf Rasen einen Slice spielte. Sampras nahm jede Gelegenheit wahr, ans Netz vorzustossen. Edberg, Becker, McEnroe, Cash auch. Heute traut sich das keiner mehr. Der Slice gibt Federer die Möglichkeit durchzuatmen. Er gibt ihm Pausen, die er sonst gegen Nadal oder Djokovic nicht bekommt.

Der Serbe hat ihn zuletzt in vier von fünf Duellen an Majors geschlagen. Wie spielt das hinein?
Nicht gross. Hier ist Wimbledon, das verändert alles. Ich hörte Benneteau sagen, hier gegen Federer zu spielen sei, als ob man im Rugby in Neuseeland gegen die All Blacks antreten müsse. Djokovic wird das auch spüren. Für Federer ist entscheidend, mit welchem Gefühl er ins Spiel steigt. Wenn er es mit einem freien Geist angeht, im Wissen darum, dass er hier auf alles eine Antwort parat hat, bin ich zuversichtlich für ihn. Wenn er auf Sand gegen Nadal spielt, weiss er, dass ihn dieser in missliche Situationen bringen wird. Wenn man so etwas im Hinterkopf hat, raubt einem das mindestens 20 Prozent des Leistungsvermögens. Aber auf Rasen kann Federer ganz entspannt sein.

Geben Sie ihm gegen Djokovic auf Rasen die beste Chance?
Absolut. Es ist eigentlich seltsam, dass er seinen letzten Sieg über ihn auf Sand schaffte. Auf Rasen sehe ich viel mehr Vorteile für ihn.

Was würde es für seine Karriere bedeuten, wenn er den 17. Grand-Slam-Titel erränge?
Gar nichts. Aber ich denke, es würde einiges verändern, wenn er hier Olympiagold (im Einzel) gewinnt. Wir wissen ja bereits, dass er der grösste Spieler aller Zeiten ist. Nummer 17 würde das einfach nochmals bestätigen.

Auf wen als Wimbledon-Sieger 2012 würden Sie Ihr Haus setzen, wenn Sie müssten?
(lacht) Ich würde mein Haus sicher nicht auf ein Tennisspiel setzen. Mir ist es auch nicht so wichtig, wer gewinnt. Ich will einfach grosses Tennis sehen. Ich würde gerne sehen, wie Federer das French Open gewinnt mit einem Finalsieg über Nadal. Und auch, wie Andy Murray im Endspiel von Wimbledon gegen Federer oder Djokovic gewinnt. Nicht, weil ich Murray mehr mag als die anderen. Sondern weil ich überzeugt bin, dass diese Spiele packend wären. Absolute Klassiker. Und die zu erleben, macht für mich den Reiz des Tennis aus.

Erstellt: 06.07.2012, 10:15 Uhr

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