Kurnikowas Peinlichkeiten

Simon Graf, Tennis-Experte des «Tages-Anzeigers», bloggt für Sie vom Grand-Slam-Turnier. Heute über den Auftritt von Anna Kurnikowa und Martina Hingis in Wimbledon.

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Der erste Auftritt der wiedervereinten «Spice Girls» des Tennis hinterliess in Wimbledon einen zwiespältigen Eindruck. Nicht wegen Martina Hingis, die aufblitzen liess, dass sie immer noch ziemlich gut Tennis spielen kann. Wenn einem das Ballgefühl gegeben ist, verlässt es einen nicht mehr. Doch es beschlich einen ein ungutes Gefühl, wenn man die ehemals jüngste Nummer 1 gegen eine 50-Jährige, kräftig gebaute Engländerin namens Anne Hobbs spielen sah. Das entspricht einfach nicht ihrem Kaliber. Es wäre wohl cleverer gewesen, wenn Hingis statt im «Legendendoppel» im Mixed-Tableau teilgenommen hätte. Wie am Australian Open 2006, als sie bei ihrem Comeback an der Seite des Inders Mahesh Bhupati gleich den Titel geholt hatte.

Man muss jedenfalls ein Fragezeichen dahinter setzen, wie gut sie von ihrer Managementagentur «Octagon», die einst das Zurich Open veranstaltete, beraten wird. Aber vielleicht ging es «Octagon» ja einfach darum, Kurnikowa wieder mal eine Bühne zu bereiten. Die amerikanisierte Russin schien das Scheinwerferlicht – nicht unbedingt das Tennis – jedenfalls schmerzlich vermisst zu haben. Dass Kurnikowa nach 50 Minuten Tennis eine Blase an der Schlaghand bekam, weil sie das Racket nicht richtig festgehalten hatte, war das eine. Das andere war, dass sie danach an der Medienkonferenz für eine Peinlichkeit nach der anderen sorgte, Hingis immer wieder ins Wort fiel und minutenlange Monologe von sich gab, die niemanden wirklich interessierten.

«Wirklich, ist es das schon?», fragte sie, als ihr verbales Powerplay nach 20 Minuten vorbei war. «Ich scheine die Pressekonferenzen mit dem Alter mehr zu geniessen. Ich dachte, wir würden erst gerade beginnen.» Kurnikowas Auftritt gipfelte darin, dass sie einen Journalisten, der sich nach der Natur ihrer «Verletzung» erkundigt hatte, aufforderte, sich ihre Hand aus der Nähe anzuschauen. Er winkte dankend ab. Oder dann zählte sie auf, welche Rückenleiden sie im Detail (offenbar fünf verschiedene) plagten. Und als ein Journalist Hingis fragte, ob ein Comeback wirklich nicht drinliege, empfand Kurnikowa dies als Frage an ihre Adresse und betonte, sie würde gerne, aber ihr Körper lasse dies einfach nicht zu. Natürlich sagte sie dies nicht einfach so, sie packte es in einen Schwall von Worten.

Mit ihrer aufgekratzten Art und ihrem übertriebenen amerikanischen Akzent löste Kurnikowa bei den meisten Beobachtern Kopfschütteln aus. Oder, was noch schlimmer ist: Mitleid. In ihrer Blüte war sie die am meisten gegoogelte Athletin, mit grossem Abstand vor Michael Jordan. Sie wurde mit 15 zum Sexsymbol erhoben und diesen Ruf nie mehr los. Natürlich hat sie ihn auch gepflegt, und natürlich hat er ihr Millionen eingetragen. Die 29-Jährige muss nicht mehr arbeiten, sie braucht das Preisgeld aus dem «Legendendoppel» nicht. Aber sie braucht, offenbar, Augenpaare, die auf sie gerichtet sind. Auch Sexsymbole werden älter. Vielleicht einsam. Und manchmal peinlich.

Erstellt: 30.06.2010, 13:43 Uhr

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