«Mein Vater sorgte dafür, dass ich es hasste»

Timea Bacsinszky öffnet in Wimbledon ihr Herz und schildert eindrucksvoll, wie schwer ihr Weg an die Weltspitze war.

Stolz, ihre schwierige Kindheit bewältigt zu haben: Timea Bacsinszky in Wimbledon, wo sie morgens ins Turnier startet.

Stolz, ihre schwierige Kindheit bewältigt zu haben: Timea Bacsinszky in Wimbledon, wo sie morgens ins Turnier startet. Bild: Peter Klaunzer/Keystone

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Man hat Sie etwas aus den Augen verloren seit dem French Open. Was haben Sie seither getan?
Aus den Augen verloren? (lacht) Mein letztes Spiel war vor drei Wochen. Aber, was habe ich getan? Direkt nach Paris zog ich meine Meldung fürs Turnier in Birmingham zurück, weil ich mir im Halb­final in ­Roland Garros ­etwas wehgetan hatte an den Adduktoren. Ich habe einen langfristigen Horizont für meine Karriere, ich spiele nicht um jeden Preis. Deshalb gab ich auch Forfait für Eastbourne. Ich spürte die Adduktoren noch und sagte mir, es sei besser, mich so gut wie möglich auf Wimbledon vorzubereiten. Nun fühle ich mich bereit.

Hatten Sie Zeit, Ihren Siegeszug in Paris zu verdauen?
Ja, die habe ich mir genommen. Ich habe Zeit verbracht mit all meinen Nächsten. Und mit Freunden, die ich schon länger nicht mehr gesehen hatte. Das habe ich genossen. Als Tennisprofi ist man ja nicht oft zu Hause.

Wie erklären Sie sich den gegenwärtigen Erfolg? Damit, dass Sie sich mehr dem Sport hingeben? Oder mit dem Frieden, den Sie als Mensch gefunden haben?
Weil ich viel ruhiger bin, mit mir und der Welt im Reinen. Und mit den Ungerechtigkeiten, die ich erleben musste, als ich jünger war. Um so weit zu kommen, musste ich viel arbeiten. Und ich arbeite weiter daran. Ich schätze mich glücklich, da zu stehen in meinem ­Leben, wo ich jetzt bin. Ich durchlebte viele schwierige Momente. Ich bin sehr stolz, so zu sein, wie ich heute bin. Ich bin ein besserer Mensch geworden, und das äussert sich auch im Umgang mit ­anderen. Weil ich mir heute im Klaren darüber bin, was ich im Leben will.

«Wenn man als Achtjährige angeschrien wird, weil man eine Vorhand ins Aus gespielt hat, ist das furchtbar.»

Haben Sie die Autobiografie von Andre Agassi gelesen, der wie Sie unter seinem Vater litt, der ihn zum Tennisspielen zwang?
Nein, ich habe sie nicht gelesen. Ich habe das ja alles zu Hause erlebt. Vielleicht noch schlimmer als er. Der Unterschied ist, dass ich keine Grand Slams gewonnen habe. Aber sonst ist es die gleiche Geschichte. Das passiert ­vielen Kindern. Und das ist traurig.

Haben Sie wie Agassi das Tennis wirklich gehasst? Und seit wann ist es nicht mehr so?
Ich habe gerade kürzlich mit Dimitri ­(Zavialoff, ihrem Trainer) darüber geredet. Als kleines Kind machte mir Tennis Spass. Aber mein Vater sorgte dafür, dass ich es hasste. Wenn man als Acht- oder Neunjährige angeschrien wird, weil man eine Vorhand ins Aus gespielt hat, ist das furchtbar. Ich verstand die Welt nicht mehr. Wenn man etwas Dummes angestellt hat, sollen einen die ­Eltern zurechtweisen. Aber einen Ball nicht ins Feld zu spielen, ist doch nicht schlimm. Das ging während Jahren so.

Versuchten Sie nicht, sich daraus zu befreien?
Doch, natürlich. Aber es ging nicht. Ich sagte zu meinem Vater, ich wolle, dass mich jemand anders trainiere. Und er sagte nur: «Nein. Ohne mich spielst du nicht!» Das zeigt, dass es nicht um mich ging. Es ging nur um ihn. Er wollte ­glänzen durch mich. Als sich meine ­Eltern scheiden liessen, als ich 15 war, sagte er zu den Sponsoren, sie dürften mich nicht mehr unterstützen. All diese furchtbaren Erfahrungen haben mich nachhaltig geprägt.

Inwiefern?
Ich versuchte, meine erste Karriere so gut zu machen wie möglich. Aber ich war zu jung, um zu begreifen, was in mir vorging. Mit 18, mit 20 ist man noch ein Baby. Man kann vieles noch nicht einordnen. So talentiert, so kämpferisch ich war, mehr war nicht möglich in meiner ersten Karriere. Weil das Tennis nicht mein Projekt war. Ich musste es ­zuerst zu meinem machen. Als ich klein gewesen war, hatte ich dieses Spiel geliebt. Nicht, weil ich von grossen ­Siegen träumte. Ich hatte keine Poster von ­Tennisgrössen an meiner Wand. Von Martina Hingis oder anderen. Ich wollte kein Champion werden.

Was liebten Sie denn am Tennis?
Ich liebte es, einfach zu spielen. Auf dem Court Lösungen zu finden. Kürzlich sah ich ein Video von mir, als ich 13 war. Das Westschweizer Fernsehen interviewte mich, und ich sagte: «Ich will die Beste der Welt werden!» Das kam nicht von mir. Das war nicht ich. Das war eine leere Phrase. Das zeigt: Ich war leer, ich funktionierte nur noch im Autopilot, um nicht allzu stark zu leiden. Ich musste ganz aufhören mit dem Tennis, alles hinter mir lassen, eine Krise durchmachen, eine Depression, um mich langsam ­wieder zu rekonstruieren als Mensch. Und da bin ich ­immer noch dran. Das tue ich nicht, um besser Tennis zu spielen. ­Sondern für mich, für mein Leben, das auch nach meiner Karriere noch lange weitergehen wird. Voilà.

Wann merkten Sie: Jetzt ist das Tennis mein Spiel?
Das begann so: Anfang 2013 suchte ich eine Psychologin auf. Mein grosses Problem war gewesen, dass ich in meinem Leben nie eine Wahl gehabt hatte. Mir wurde gesagt: «Tu dies! Tu das!» Und wenn ich nicht parierte, wurde ich angeschrien oder erhielt eine Ohrfeige. Als ich in der Schule Italienisch als Wahlfach wählen wollte, musste ich Wirtschaft und Recht nehmen. Wieso? Weil ich das für meine Tenniskarriere brauchen würde. So ein Blödsinn! Ich hatte nie die Möglichkeit gehabt zu wählen. Und als ich es dann durfte, konnte ich es nicht. Weil ich es nicht gewohnt war.

«Ich sass im Restaurant und wusste nicht, was von der Karte nehmen. Ich musste lernen, selber zu wählen.»

Wie äusserte sich das?
Ich sass im Restaurant und wusste nicht, was ich von der Karte nehmen sollte. Das war auch in allen anderen Bereichen so. Ich war immer hin- und hergerissen. Deshalb wollte ich mit jemandem reden, um wieder zu lernen, selber zu wählen. So hat das alles begonnen. Als ich dann (im Frühling 2013) in einem Hotel zu ­arbeiten begann, liebte ich es, weil ich es gewollt hatte. Nicht jemand anders. Es war meine Wahl gewesen. Und mir war egal, was die anderen dachten. Denn mein Leben gehört mir. Es gehört nicht ­meiner Mutter. Und auch nicht den ­Tennisfans, die mich siegen sehen ­wollen. Es gehört mir.

Und wie fanden Sie zurück zum Tennis? Wann realisierten Sie, dass es das ist, was Sie tun wollen?
Sechs Monate nachdem ich erstmals diese Psychologin aufgesucht hatte, machte es Klick. Ich erhielt dieses Mail, dass ich immer noch auf der Liste stehe für Roland Garros. Und da sagte ich mir: «Jetzt hast du die Wahl. Willst du gehen? Oder nicht? Und falls ja, willst du danach weiterspielen?» Ich war im Auto unterwegs, als ich es mir überlegte. Nach 30?Minuten war mir klar: Ja, ich will. Ich entschied es, nicht jemand anders. ­Zuvor hatte ich schon eine andere Wahl getroffen: dass ich nie mehr in meinem ganzen Leben mit meinem Vater reden würde. Ich entschied mich also, nach ­Paris zu fahren. Und mir war egal, was alle anderen darüber dachten. Das hat mein Leben verändert.

Mit Ihrem Vater haben Sie den Kontakt abgebrochen. Wie ist Ihre Beziehung zu Ihrer Mutter?
Im Moment stehen wir uns sehr nahe. Aber auch wir hatten unsere Höhen und Tiefen. Denn Mütter wissen ja alles besser. Irgendwann musste sie begreifen, dass ich kein kleines Kind mehr war. Dass ich unabhängig sein wollte. Wenn ich in einen Physiotherapeuten investieren will, tue ich es. Auch wenn sie denkt, das koste zu viel. Wenn ich in der ­Businessklasse fliegen will, fliege ich Business. Sie darf mir gerne Ratschläge geben, aber ich entscheide. Diesen Kampf mussten wir zuerst austragen.

Und jetzt?
Jetzt unterhalten wir uns wie Erwachsene, haben eine wundervolle Beziehung. Sie hat mich sehr unterstützt, auch finanziell, als ich wieder mit dem Tennis ­begann. Ohne sie wäre es nicht möglich gewesen. Denn ich hatte keinen Franken mehr, den ich ins Tennis investieren konnte. Ohne sie wäre ich jetzt nicht hier. Ihr verdanke ich meine zweite Karriere. Auch Dimitri (Zavialoff) glaubte an mich. Und Alexandre (Ahr, ihr Manager) war immer für mich da. Egal, was ich tat. Ob ich Tennis spielte oder meinen ­Lebensunterhalt als Bäckerin verdienen wollte. Das schätze ich enorm.Tagesanzeiger.ch/Newsnet

Erstellt: 29.06.2015, 08:06 Uhr

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