«Nach Uelis Tod wurde mir bewusst, dass es auch mich treffen kann»

Extrembergsteiger Stephan Siegrist über den Absturz seines guten Freundes Ueli Steck, das Risiko als ständiger Begleiter und ein Sex-Heftchen in der Eigernordwand

«Er war für mich irgendwie unsterblich»: Stephan Siegrist in Stechelberg. Bild: Ephraim Bieri

«Er war für mich irgendwie unsterblich»: Stephan Siegrist in Stechelberg. Bild: Ephraim Bieri

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Vor einem Jahr verunglückte Ueli Steck beim Training im Himalaja-Gebirge. Als Kletterkollege Stephan Siegrist vom tödlichen Absturz erfuhr, war er geschockt. Der Profialpinist, der zu den welt­besten Extrembergsteigern gehört, war oft mit Steck auf Tour. Die ­beiden haben in der Eigernordwand mehrere Erstbesteigungen gewagt und nonstop in 25 Stunden Eiger, Mönch und Jungfrau bezwungen.

Herr Siegrist, morgen jährt sich der Tod von Ueli Steck. Was geht Ihnen durch den Kopf?
Der Moment, als ich davon erfuhr, dieser Schockmoment. Ich konnte es zuerst nicht glauben, wollte es nicht wahrhaben. Nach allem, was er gemacht hatte, war er für mich irgendwie unsterblich. Und dann kamen die Erinnerungen.

Was ist Ihnen besonders ­präsent?
Wir waren mal 16 Tage fast ununterbrochen in der Eigernordwand, weil wir eine neue Route einrichteten . . .

. . . die Sie «Paciencia», Geduld, tauften. Eine der schwierigsten Routen am Eiger.
Wir hatten das Biwak perfekt ausgebaut, es war ziemlich gross. Am Abend schien die Sonne von Westen rein. Wir hingen da im T-Shirt herum, haben Holz raufgeschleppt, den 1. August gefeiert, Feuerwerk abgeschossen und grilliert.

Am Morgen stieg ein Rega-­Helikopter auf, weil man das Feuerwerk für Notsignale hielt. Gab es einen Anpfiff?
Der Rettungschef von Grindelwald hat uns schon etwas die Richtung gewiesen. Zu Recht. Das war schon etwas naiv von uns.

Steck ist bei einer relativ einfachen Trainingstour am Nuptse abgestürzt. Wie kann das einem Profi passieren?
Es geschieht meistens dort, wo die Schwierigkeit des Geländes unter dem persönlichen Niveau ist. Die Konzentration lässt dann nach. Bis heute ist unklar, was passiert ist.

Denken Sie über den eigenen Tod nach?
Nach Uelis Unfall haben wir in der Familie darüber gesprochen. Wir waren ja fast Nachbarn, er hat auch in Ringgenberg gewohnt. Es wurde mir wieder bewusst, dass es genauso mich treffen kann. Der Tod ist plötzlich so nah.

«Akklimatisieren ist eine fade Sache. Oft liegst du ­irgendwo rum und hast Kopfweh»

Wie viele Kollegen haben Sie in den Bergen verloren?
Acht. Das waren gute Kollegen, mit denen ich Sachen unternommen habe. Gekannt habe ich natürlich wesentlich mehr. Es gibt auch Suizide, wo sich jemand am Berg bewusst «abschiesst».

Denken Sie nie ans Aufhören?
Natürlich macht es mich nachdenklich. Oft liegen Glück und Unglück sehr nah beieinander. Das ist kein Grund, aufzuhören, sondern noch besser zu planen und zu wissen, wann du umkehren solltest. Aber ein gewisses Restrisiko bleibt, das kann man nicht schönreden.

Die Gefahren am Berg lassen sich nie völlig kontrollieren?
Nein. Ich hatte Kollegen, die sehr vorsichtig waren und gestorben sind. Und dann sehe ich Leute, die ein Leben lang völlig hirnlose ­Sachen machen, wo du denkst, das muss «chlepfe». Und denen passiert nichts. Ich habe das Gefühl, dass das Leben irgendwie vor­geschrieben ist. Wenn die Zeit kommt, dass das Lichtlein auslöscht, kannst du nicht viel dagegen tun.

Steck hat bewusst auf Kinder verzichtet, Sie nicht.
Für mich gehört eine Familie einfach dazu. Vielleicht ist das egoistisch, ich weiss es nicht. Kinder sind für mich das Schönste, das ich erlebt habe. Das möchte ich nicht missen. Natürlich möchte ich auch nicht, dass sie ohne Vater aufwachsen müssen.

«Im Bergsteigen gibt es keinen zweiten Platz. Entweder du bist oben gewesen oder nicht»: Stephan Siegrist in der Eigernordwand. Bild: Robert Bösch

Gehen Sie weniger Risiken ein, seit Sie Kinder haben?
Ich habe immer versucht, objektiv sichere Linien zu wählen. Aber wenn die Chancen 50 zu 50 stehen, dass ich abstürze, kehre ich heute öfter um.

Klettern Sie noch free solo, also ohne Seil und allein?
Für mich kommt das nur infrage, wenn die Schwierigkeiten tief sind. In gewissen Situationen ist es aber sicherer ohne Seil.

Die Schweiz verfolgte 1999 am Bildschirm, wie Sie und drei Kollegen für SRF die Eiger-nordwand live durchstiegen. Auf einen Schlag waren Sie berühmt. Wie war das?
Es war mir völlig peinlich. Plötzlich sollte ich Interviews geben. Ich dachte: Was soll das jetzt? Die Nordwand sind ja schon viele rauf, das ist nichts Spezielles.

Der TV-Auftritt gab Ihrer Karriere den entscheidenden Kick.
Das war so. Eigentlich war geplant, dass ich nach meiner Ausbildung als Zimmermann das Geschäft meines Vaters übernehme. Aber ich habe gemerkt, dass es nicht das ist, was in meinem Herzen brennt. Ich habe mich dann für das Bergsteigen entschieden, ohne zu wissen, ob es funktioniert. Das Sponsoring, wie man es heute kennt, begann sich erst zu entwickeln. Ich lebte ziemlich bescheiden.

In einer legendären WG in Interlaken.
Die Wohnungstür war nie abgeschlossen. Unter Bergsteigern war international bekannt, dass man dort zum Schlafen hingehen kann. Wenn ich nach Hause kam, lagen da irgendwelche Leute auf dem Boden, die ich oft gar nicht kannte. Die Wohnung war ein Loch. Im Winter war es so kalt, dass wir zum Essen die Daunenjacke anzogen. Aber das spielte keine Rolle, alles andere war wichtiger. Es war eine super Zeit, komplett unbeschwert.

«Wenn du fünf Meter unterhalb umkehrst, warst du eben nicht auf dem Gipfel»

Im Mai beginnt die Hochsaison am Mount Everest, dem höchsten Berg der Welt. Alle wollen dort rauf. Sie nicht. Warum?
Der Everest interessiert mich nicht. Das mag vielleicht etwas über­heblich klingen. Aber es entspricht einfach nicht meiner Philosophie. Ich gehe lieber an Orte, die man nicht kennt, die unberührt sind. Auch wenn sich das schlechter vermarkten lässt. Mich reizen ästhetische Berge, die eine technische Herausforderung bieten und möglichst abgelegen sind. Der Everest ist genau das Gegenteil. Er ist ein schöner Berg, aber völlig überlaufen. Heute fliegen die meisten im Helikopter ins Basislager, damit sie nicht hochgehen müssen. Von dort ist ein grosser Klettersteig eingerichtet. Man sieht manchmal Fotos mit diesen Lines, wo sie hintereinander hergehen. Im Basis­lager auf der Südseite gibt es Kino, Internet, warme Duschen und Bars. Das ist ein kleines Dorf. Der zweite Punkt ist die Akklimatisierung.

Die für einen 8000er viel Zeit braucht?
Ja, und das Akklimatisieren ist eine fade Sache. Oft liegst du irgendwo rum und hast Kopfweh.

Sie haben Touren in Patagonien gemacht, in der Antarktis, in Kaschmir. Wie lange dauert die Vorbereitung für eine solche Expedition?
Mit den administrativen Arbeiten beginnt man ein Jahr vorher. Die physische und mentale Vorbereitung braucht etwa drei Monate.

Was heisst mentale ­Vorbereitung?
Meistens drucke ich ein Bild des Berges aus. Das schaue ich mir ­immer wieder an, studiere jeden Schattenwurf und Riss. Ich versuche, den Berg zu lesen, überlege mir, wie man es am besten durchzieht und wo die Schwierigkeiten liegen könnten. Man muss sich auf die Situation, so, wie sie sich präsentieren könnte, gedanklich vorbereiten. Und das wochenlang. Du musst eins sein mit dem Berg.

Zu Ihren Ritualen gehört, dass Sie mit wasserfestem Filzstift auf das Foto ein Strichmännchen malen, das mit hochgestreckten Armen auf dem Gipfel steht. Hilft das wirklich?
Ja. Es hilft für die Einstellung, wenn du dich da oben siehst. Es gibt dir das Gefühl: Das geht!

Stephan Siegrist auf der höchstgelegenen Highline der Welt am Kilimandscharo. Bild: Thomas Senf

Sie gehören zu einer Generation von Profialpinisten, die ihre Erfolge bewusst vermarkten. Hat das den Konkurrenzkampf verschärft?
Ich bin immer noch der Überzeugung: Wenn du etwas aus dem Herzen machst und deine Philosophie nicht verlässt, kann es nicht so falsch kommen. Wenn du aber nur noch schaust, wie du etwas möglichst gut veröffentlichen kannst, gibst du irgendwie deine Seele auf.

In einem Interview haben Sie gesagt, dass Extrembergsteiger oft übertreiben und bei Erst­begehungen den Schwierigkeitsgrad nach oben frisieren. Es wird gelogen?
Das ist wirklich ein Problem. Es gibt Bergsteiger, die nach einer Erstbegehung glauben, diese Route werde eh keiner wiederholen, und geben deshalb einen zu hohen Schwierigkeitsgrad an. Es gibt ein paar Beispiele, da stehen einem die Haare zu Berge. Da wird ziemlich gelogen.

Bei den Extrembergsteigern gibt es nur wenige Frauen. Ist das eine Machobranche?
Die Extrembergsteigerei ist für Frauen einfach härter. Der Körperbau ist weniger dafür gemacht. Es gibt Ausnahmen wie die Spitzenkletterin Ines Papert. Diese Frau funktioniert einfach anders. Sie hat eine unglaublich hohe Schmerztoleranz. Aber sie ist eine Ausnahme.

In Basislagern sollen sich Kletterer offenbar die Zeit damit vertreiben, dass sie Fotos von schönen Kletterinnen ausschneiden und an die Zeltwand kleben.
Kletterinnen sind ja oft nicht so schön – aber das kann schon eine gewisse Motivation sein, wenn man im Basislager lange Zeit warten muss. (lacht)

Haben Sie das auch schon gemacht?
Im Tschechenbiwak am Eiger lag mal so ein Foto herum.

Was war drauf?
Nicht viel . . .!

Wie kommt ein Sex-Heftli auf den Eiger?
Da war eine deutsche Klettergruppe in der Wand, die unsere Route wiederholt hat. Wir machten ein gemeinsames Biwak. Ein Typ aus dieser Gruppe hatte nichts dabei, das ihm beim Draufsitzen und Draufliegen warm gab. Ausser so ein Heftchen. Das Magazin blieb dann noch jahrelang dort oben. Es kam in ein Fass, das wir dort oben lagerten. Inzwischen ist es vermodert.

Profibergsteiger stellt man sich als schweigsame Nerds vor. Stimmt dieses Bild?
Es gibt schon Kollegen, die wenig reden. Bis zu einem gewissen Punkt entspricht mir das auch, ich finde das angenehm. Einer meiner besten Freunde ist so verschwiegen, dass er andere schweigsame Typen auf gemeinsamen Touren fast in den Wahnsinn getrieben hat. Man konnte mit ihm auch fast nicht telefonieren, weil man ständig fragen musste, «bist du noch da?». Inzwischen hat sich das etwas geändert.

Sie haben mal einen Rhetorikkurs besucht. Hat Sie Ihr ­Sponsor dorthin geschickt?
Ja, für die Vorträge, die ich halte. Ich musste lernen, vor Leute hinzustehen und zu reden. Die ersten paar Mal waren Horror.

Sie halten auch Referate vor Führungskräften. Was erzählen Sie den Managern?
Bergsteigen hat viele Parallelen mit der Geschäftswelt. Es geht um Risikoabschätzung, Teamarbeit, Fokussierung. Aber auch um etwas, das ich selber lernen musste: dass es eine Erlösung ist, wenn man über seine Misserfolge reden kann. Dass es wichtig ist, als Chef zu ­akzeptieren, dass es Misserfolge geben kann. Meine Sponsoren haben es akzeptiert, als ich nicht auf den Gipfel stieg.

Sie sprechen die Besteigung des Gasherbrum an. Sie waren mit Ueli Steck unterwegs. Er war auf dem Gipfel, Sie sind umgekehrt. Ihre grösste Niederlage?
Nicht die grösste an und für sich. Doch es war das erste Mal, wo ich so richtig konfrontiert wurde mit einem Misserfolg.

Was ist genau passiert?
Ich schätzte die Lage wegen Neuschnee als zu gefährlich ein und brach ab. Drei Kollegen haben aber an diesem Tag den Gipfel erreicht und kamen auch wieder heil ins Basislager.

Warum ist es so wichtig, auf dem Gipfel zu stehen?
Du brauchst ein Ziel. Dafür kämpfst du. Wenn du mit dem Velo von Interlaken nach Meiringen fahren willst, ist Meiringen das Ziel. Du musst ein Ziel vor dir haben. Im Bergsteigen gibt es keinen zweiten Platz. Entweder du bist oben gewesen oder nicht. Wenn du fünf Meter unterhalb umkehrst, warst du eben nicht auf dem Gipfel.

Bei Ihrer ersten Eiger-­Besteigung haben Sie Ihren Schuh verloren. Wie ist so etwas möglich?
Ich hatte keine guten Bergschuhe und lieh mir die Militärschuhe eines Kollegen. Sie waren etwas zu gross. Als ich in einen Riss trat, blieb der Schuh stecken. Zum Glück konnte ich ihn wieder rausziehen. Nur noch mit einer Socke am Fuss hätte ich mich womöglich mit dem Helikopter retten lassen müssen. Das wäre eine unglaubliche Blamage gewesen. Es gibt einen Spruch unter Bergführern in Grindelwald: Wenn du dich an der Eigernordwand von einheimischen Kollegen retten lassen musst, ist Kanada zu wenig weit zum Zügeln.

Was bedeutet es, als Extrembergsteiger älter zu werden?
Ich brauche viel mehr Erholungszeit. Das wollte ich lange nicht wahrhaben. Zum Glück lebt aber das Bergsteigen stark von Erfahrungen. Jüngere Kletterer sind körperlich besser parat als ich – aber sie verrennen sich oft am Berg.

Irgendwann macht der Körper nicht mehr alles mit. Wie stellen Sie sich Ihre Zukunft vor?
Ich werde versuchen, die Erfah­rungen aus meinem Leben in den Bergen weiterzugeben. Und ich werde wohl auch wieder mehr als Bergführer tätig sein.

Was erlebt man da eigentlich so? Gibt es Kunden, die man fast auf den Gipfel tragen muss, weil sie es sonst nicht schaffen?
Ja, das erlebt jeder Bergführer. Frauen können sich meistens besser einschätzen als Männer.

Männer überschätzen sich?
Manchmal denken sie, «hey, alles easy» – und stehen dann voll am Hag.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 30.04.2018, 19:47 Uhr

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Stephan Siegrist ist 1972 in der Nähe von Bern geboren. Nach einer Lehre als Zimmermann machte er eine Bergführerausbildung. 1999 nahm er an der Sendung «Eiger live» des Schweizer Fernsehens teil, was ihn national und international bekannt machte. Der 45-Jährige hat die Eigernordwand bis ­heute 38-mal durchstiegen. An Expeditionen, unter anderem in Patagonien und der Antarktis, gelangen ihm mehrere Erstbegehungen. Siegrist lebt mit seiner Frau und zwei Söhnen in Ringgenberg BE. Ende Jahr wird er in einer «DOK»-Serie auf SRF 1 zu sehen sein.

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