«Rituale sind kein Hokuspokus»

Nadal reibt sich die Nase, Ronaldo betritt immer mit dem rechten Fuss den Rasen: ein Sportpsychologe erklärt den Sinn von Ritualen im Profisport.

Die Nase reiben: Nur eine von Rafael Nadals vielen Marotten.

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Ein Torwart schlägt vor dem Spiel mit seiner Hand an die Latte, ein Tennisspieler richtet seine Trinkflaschen immer exakt gleich aus: Solche Rituale kann man gerade wieder oft beobachten, bei der Fussball-WM etwa oder in Wimbledon. Hanspeter Gubelmann arbeitet als Dozent für Sportpsychologie an der ETH Zürich. Im Interview erklärt er, warum Rituale im Sport so eine grosse Bedeutung haben.

Herr Gubelmann, lassen Sie uns über Rituale im Sport sprechen. Fussballer Cristiano Ronaldo betritt immer mit dem rechten Fuss den Rasen, und Tennisspieler Rafael Nadal berührt mit seinen Füssen niemals die Linien. Würden sie schlechter spielen, wenn sie von ihren gewohnten Bewegungsablauf abrücken würden?
Hanspeter Gubelmann:Gute Frage, wir könnten darüber nur spekulieren. Zunächst muss man unterscheiden zwischen Ritualen und Routinen. Eine Routine ist eine Handlungskette, die zum Beispiel ein Tennisspieler bei der Vorbereitung des Aufschlags vollzieht. Der gewohnte Bewegungsablauf hilft ihm, um sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und sich in einen Zustand zu bringen, in dem er voll leistungsfähig ist.

Und Rituale?
Rituale können auch ein religiös besetztes Thema sein. Da spielt vor allem der Glaube an eine wirkmächtige Vitalkraft eine Rolle, das kommt wunderschön zum Ausdruck beim Haka, dem rituellen Tanz der neuseeländischen Rugby-Nationalmannschaft. Er hat einen kulturhistorischen und religiösen Hintergrund, der Tanz soll Kräfte mobilisieren und emotionalisieren. Für die Mannschaft ist der Haka elementar wichtig, er schafft Identität. Niemand fragt sich heute mehr, warum sie das machen. Er hat eine starke Symbolkraft und ist natürlich auch sehr medienwirksam.

Wie auch das «Huh» der isländischen Fussball-Nationalmannschaft?
Ja, das ist die isländische Form der Beschwörung dieser Vitalkraft. Sie lassen so die Bereitschaft und Energie spüren, die beim Mannschaftssport nötig ist. Viele Teams wählen diese Form der Aktivierung, um für den Wettkampf bereit zu sein. Volleyballer klatschen sich zum Beispiel nach jedem Punkt ab oder schreien gemeinsame Anweisungen heraus.

Und Einzelsportler wie Nadal holen sich durch das wiederkehrende Zupfen am Gesäss, Ohrläppchen, Nase und am T-Shirt Sicherheit?
Das ist eine Form der Selbstkontrolle, solche Sportler wie Nadal sind häufig auch Perfektionisten. Aber er verfolgt mit seinen Ritualen schon ein sehr rigides Regime. Aber warum sollte er das ändern? Er hat sehr gute Erfahrungen damit gemacht hat und ist sehr erfolgreich damit. Seine Vorbereitungshandlungen bringen ihn in einen sehr leistungsfördernden Zustand.

Video: Bürki und sein Ritual

Vor dem Anpfiff braucht Roman Bürki den Ball, unbedingt. (Video: Tamedia/BVB Dortmund)

Und das Zupfen am Hintern oder die perfekte Ausrichtung der Trinkflaschen helfen ihm?
Er braucht das, um die Vorbereitungszeit optimal zu nutzen. Er kann das nicht nicht machen. Zu dem Perfektionismus kommt oft auch ein gewisser Aktionismus, weil er die Spannung für sein wuchtiges Tennis braucht. Er fühlt sich darin pudelwohl. Grundsätzlich kann man sagen, dass Rituale kein Hokuspokus sind, sie kann man lernen. Aber man sollte sie jungen Sportlern nicht aufdrücken wollen, sondern sie vielmehr danach fragen, wie sie sich auf dem Platz wohlfühlen können und was Dinge sind, die sie in stressigen Phasen beruhigen und helfen können. Solche Handlungsroutinen zu entwickeln ist auch Trainerarbeit, Sportpsychologen interessieren dagegen mehr die Fragen nach der Selbstkontrolle und dem individuellen Leistungszustand.

Können sich Marotten auch negativ auswirken?
Es gibt natürlich Handlungen, die einen behindern können. Ich nehme das Beispiel von Novak Djokovic, der sich mit dem ewigen Prellen des Balles vor dem Aufschlag nicht nur Freunde bei seinen Gegnern gemacht hat. Er spielt ein sehr aufwändiges Tennis und braucht einerseits eine längere Pause. Andererseits ärgert er aber auch den Returnspieler, der eigentlich bereit ist und den Ball spielen möchte. Er lässt den Ball bis zu 13-mal aufspringen. Da das Zeitlimit zwischen den Ballwechseln auf 20 Sekunden limitiert ist und diese Regel in Zukunft strenger eingehalten werden soll, dürfte "Zeitdieb" Djokovic vermehrt unter Zeitdruck kommen. Er zwängt sich dann so selbst in ein Korsett, das nicht mehr Kontrolle, sondern Stress für ihn bedeutet.

Die Rituale von Djokovic und Nadal können die Gegner auch in die Resignation treiben. Schüchtern sie damit bewusst ihren Kontrahenten ein?
Wir sprechen da von einem Dominanzverhalten. Ich drücke meinem Gegner mit meinem Spiel den Stempel auf, es wird nach meinen Regeln und nach meinem Tempo gespielt, das zelebriert Nadal aus Sicht der Sportpsychologie wunderbar.

Roger Federer hat sich keine wirklichen Rituale angeeignet. Was sagt das über ihn?
Als junger Spieler musste auch er lernen, mit seiner damaligen Unberrschtheit umzugehen. Er hat sehr basale, einfache und unauffällige Bewegungsroutinen entwickelt. Darauf basiert auch heute noch sein Spiel. Federer gilt als mental aussergewöhnlich starker Spieler, der dann am besten spielt, wenn er Breakbälle gegen sich hat. Er hat eine Winnermentalität und liebt enge Spielstände. Manche Spieler brauchen dafür ihre Rituale oder Routinen, um sich von den übrigen abzuheben. Federer braucht das nicht, weil ihn zu seinen dominierenden Zeiten eine Nimbus der Unbesiegbarkeit umwehte, niemand hatte sich überhaupt noch zugetraut, ihn schlagen zu können. Das gibt einem Sportler sehr viel Selbstbewusstsein. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.07.2018, 18:58 Uhr

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