Rückschläge mit eigener Logik

Belinda Bencic durchlebt nach missglücktem Start in Australien schwierige Zeiten.

Neue Rolle für Bencic: Mit ihrem steilen Aufstieg wurde die Newcomerin des letzten Jahres von der Jägerin zur Gejagten. Foto: Matthias Hauer (Gepa)

Neue Rolle für Bencic: Mit ihrem steilen Aufstieg wurde die Newcomerin des letzten Jahres von der Jägerin zur Gejagten. Foto: Matthias Hauer (Gepa)

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Die Zahlen sind ernüchternd. Belinda Bencic gewann an ihren ersten zwei Turnieren der Saison lediglich sechs Games in zwei Partien, gegen deutlich schlechter klassierte Widersacherinnen. Drei gegen die auf Rang 187 klassierte Russin Daria Gawrilowa in Sydney, drei nun auch beim 2:6, 1:6 in der Startrunde des Australian Open gegen Julia Görges, die Nummer 73. Was der St. Gallerin in Australien widerfuhr, kommt aber nicht aus heiterem Himmel. Es sind die unerwünschten, aber kaum vermeidbaren Nebenwirkungen rasanter Aufstiege, wie auch ihr letztes Jahr einer gelungen war. Sie stiess von Rang 179 auf 33 vor und wurde als Newcomerin des Jahres auf der WTA-Tour ausgezeichnet.

Wie Bencic ist es schon vielen ergangen: Auf den raschen Durchbruch folgt die schwierige Phase der Bestätigung und Neuorientierung. Das zweite volle Profijahr hat Tücken, umso mehr, wenn das erste so gut verlief wie ihres. War sie 2014 noch die unbekannte, unberechenbare Aussenseiterin, die ohne grossen Druck antreten konnte, gehört sie nun zum erweiterten Kreis der Arrivierten. Sie gilt als Spielerin, der in Zukunft alles zuzutrauen ist. Eben ist sie mit Yonex einen neuen, grossen Ausrüstervertrag eingegangen, wobei bis zuletzt auch Adidas mitge­boten hatte. In Melbourne rutschte sie sogar als letzte Spielerin noch in die Gesetztenliste. Das bewahrte sie, wie sich nun zeigen sollte, nicht vor einer schwierigen Startpartie gegen eine erfahrene potenzielle Spitzenspielerin und dem sofortigen Aus.

An die neue Situation muss sich Bencic erst noch gewöhnen. Sie ist sich bewusst, dass sich ihre Ausgangslage verändert hat. Das machte eine Aussage klar, die sie gestern mehrmals wiederholte: «Die Leute haben nun eine viel grössere Erwartungshaltung.» Dabei betonte sie, dass ihre eigenen Ansprüche nicht gestiegen seien. Das bestätigte auch ihr Vater Ivan. Seine Tochter lasse sich durch die Klassierung in der Weltrangliste nicht unter Druck setzen, das sei schon bei den Juniorinnen so gewesen. «Es ist ihr egal, ob sie gegen die Nummer 1 oder 100 spielt. Sie will einfach gewinnen.» Doch auch Belinda Bencic ist nicht immun gegen äussere Einflüsse, auch bei ihr spielt der Kopf mit.

Zum missglückten Saisonstart trugen weitere Faktoren bei, die sich kaum vermeiden liessen: Bencic ist durch die über zwei Monate dauernde Wettkampfpause, die sie mit ausgiebigem Training in der Schweiz und in Florida verbrachte, aus dem Rhythmus geraten. Nun hat sie Mühe, diesen wieder zu finden. Anders als in den vorangegangenen Jahren bei den Juniorinnen und an kleineren Weltranglistenturnieren bieten sich ihr nun auch viel weniger Möglichkeiten, zu Matchpraxis zu kommen. Im Jahr 2013 hatte sie insgesamt 148 Partien bestritten – auch 2014 fehlte es nicht an Spielmöglichkeiten. Da musste sie noch vielerorts die Qualifikation bestreiten, auch in Melbourne. Das half ihr, sich in die Turniere hineinzuspielen, langsam in Schwung zu kommen. Was ein Vorteil sein sollte – der Wegfall der Qualifikationen –, erweist sich für sie nun als nachteilig. Doch was will sie dagegen tun? Ernstkämpfe liessen sich im Training eben nicht simulieren, ­bestätigte auch ihr Vater.

Nun ist Geduld gefragt

Dennoch fällt die Prognose nicht schwer, dass Bencic diese schwierige Phase meistern und gestärkt aus ihr herausgehen dürfte. Zu gross ist ihre Klasse, zu umsichtig wird sie betreut. Trotz der grossen Enttäuschung gelang es ihr auf bemerkenswerte Weise, die Rückschläge zu relativieren. Sie habe halt nun zwei Partien verloren, doch die Saison habe eben erst begonnen, «das ist nicht das Ende der Welt», sagte sie. Sie wisse, was sie könne, auch wenn sie das nun nicht habe zeigen können, fügte sie, fast trotzig, bei, und schliesslich könne es nicht nur aufwärtsgehen. Auch ihr Vater blieb besonnen und wollte nicht von einer Krise sprechen. Seine Tochter müsse nun halt lernen, mit den neuen Erwartungen zurechtzukommen. Letztes Jahr sei sie «wie ein heisses Messer durch Butter» vorangekommen, inzwischen gehöre sie selber zu denen, die relativ weit oben stünden und von allen bezwungen werden wollten. Daran müsse sie sich noch gewöhnen.

Auch Bencic darf noch verlieren, selbst gegen klar schlechter Klassierte. Sie war die zweitjüngste Spielerin im Hauptfeld des Australian Open, und nicht jede Niederlage bedeutet, dass sie vom richtigen Weg abgekommen sein könnte. Ihre Trainingsleistungen seien konstant gut, hört man von verschiedenen Seiten. Sie muss nun aber lernen, diese unter den veränderten Rahmenbedingungen im Wettkampf umzu­setzen. Vorerst bleibt ihr dazu in Melbourne nur noch das Doppel, danach folgt der Fed-Cup in Schweden. Die nächsten Chancen, auf der WTA-Tour zu Erfolgen zu kommen, bieten sich ihr im Februar an den Turnieren von Antwerpen, Doha und Dubai. Vorerst ist von ihr nun auch eine andere Eigenschaft gefragt: Geduld.

Erstellt: 19.01.2015, 22:05 Uhr

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