Schweizer Super-Montag in Wimbledon

Wie die Chancen heute von Bacsinszky, Bencic, Federer und Wawrinka stehen und warum wir eine Premiere erleben.

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Erstmals an einem Grand Slam spielen heute gleich vier Schweizer in den Achtelfinals. Ihre Erfolgsgeschichten.:

Roger Federer – Souverän wie zu den besten Zeiten

Dank der zusätzlichen Woche auf Rasen fühle er sich so gut vorbereitet wie noch nie, sagte Roger Federer vor Wimbledon. Mit seinen ersten drei Auftritten bestätigte er diese Einschätzung. Bei ­eigenem Aufschlag war er unantastbar, erst zwei Breakbälle hatte er abzuwehren. Inzwischen ist er schon seit sieben Partien ohne Aufschlagverlust – der Letzte, der es schaffte, ihn zu breaken, war Philipp Kohlschreiber in der Start­runde von Halle. Obschon er am Samstag gegen Sam Groth (6:4, 6:4, 6:7, 6:2) einen Satz abgab, hatte man stets das ­Gefühl, dass Federer das Geschehen ­unter Kontrolle hatte.

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Wie weit kommt Roger Federer in Wimbledon?







Nun die bewährte Taktik?

Gegen Roberto Bautista Agut (ATP 22) erwartet ihn heute eine ganz andere Herausforderung als gegen die wuchtigen Aufschläger Groth und Sam Querrey. Der Spanier schlägt kaum Asse, ist aber beim Return gefährlicher. Gut möglich, dass Federer gegen ihn vermehrt auf die bewährte Taktik des Aufschlag-Volley zurückgreift. Bisher stürmte er in Wimbledon nach dem Service nicht mehr so oft ans Netz wie 2014. «Da ich damals ein neues Racket hatte und ich erstmals mit Stefan Edberg hier war, musste ich dieses Spiel üben», sagt er. «Nun weiss ich, dass es funktioniert, wenn ich es brauche.»

In Wimbledon fiebert man schon ­einem möglich Halbfinal gegen Andy Murray entgegen. Der Schotte zeigte in Runde 3 gegen Andreas Seppi aber erstmals Schwächen, nahm wegen seiner rechten Schulter ein Verletzungs-Time-out. Sie behindere ihn beim Aufschlag, er lasse sich nach jedem Training behandeln, verriet Murray. Fortsetzung folgt. (Foto: AFP/Justin Tallis)


Stan Wawrinka – Nacktbilder als grösster Aufreger

Die Nacktbilder, für die sich Stan ­Wawrinka für ein Magazin von ESPN zur Verfügung stellte, waren beim Lausanner bisher die aufregendste Story in Wimbledon. Das ist ein gutes Zeichen. Denn das heisst, dass er das tut, was man vom Pariser Champion erwartet: Matches gewinnen ohne grosses Auf­heben. Wie Roger Federer hat auch er noch kein Break zugelassen, erst gut fünf Stunden musste er auf dem Court ausharren. Trotzdem trauen ihm die Wettanbieter noch nicht richtig. Djokovic und Murray werden hier immer noch deutlich höher gehandelt als Federer (Quote 6) und Wawrinka (9).

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Wie weit kommt Stan Wawrinka in Wimbledon?







Wimbledon ist inzwischen das einzige Grand-Slam-Turnier, an dem Wawrinka noch nie den Halbfinal erreicht hat. Dass er auch auf Rasen sehr gefährlich sein kann, bewies er an der Church Road aber letztes Jahr, als er eine 2:0-Satz­führung gegen Federer nur knapp ­verpasste. Dass sich die Courts ab­nützen, im Verlauf des Turniers immer härter werden, kommt Wawrinkas Spiel entgegen. Mit dem Aufschlag ist er bislang sehr zufrieden, in allen anderen ­Bereichen sieht er noch Steigerungs­potenzial. «Aber man weiss ja, wie es ist bei mir», sagt er. «Je länger ein Turnier dauert, desto besser werde ich.» Es klingt wie eine Drohung.

Mit Wucht gegen den Flinken

Gestern trainierte Wawrinka mit Novak Djokovic, mit dem es im Halbfinal ein Wiedersehen geben könnte. Die nächste Aufgabe heisst für ihn David Goffin (ATP 15). Der flinke Belgier spielt gern und erfolgreich auf Rasen. Der Wucht Wawrinkas dürfte er aber nicht gewachsen sein. (Foto: AFP/Justin Tallis)


Timea Bacsinszky – Wo sind die Hockeyprofis?

Die Selbstverständlichkeit, mit der ­Timea Bacsinszky nun auch in Wimbledon siegt, ist verblüffend. Gut, sie tut in dieser Saison auch fast nichts anderes. Mit 35 Siegen hat sie ebenso viele wie ­Serena Williams. Am Samstag liess sie Sabine Lisicki, immerhin Wimbledon-Finalistin 2013, keine Chance. In drei Matches hat sie noch keinen Satz und erst 15 Games abgegeben. Im All England Club bestritt sie vor exakt zwei Jahren ihr erstes Turnier mit Coach Dimitri ­Zavialoff. Damals sei für sie das Über­stehen der ersten Qualifikationsrunde fast wie ein Wimbledon-Sieg gewesen, blickte sie zurück. Inzwischen scheint für die Lausannerin alles möglich.

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Wie weit kommt Timea Bacsinszky in Wimbledon?







Der Glücksfall

Ihr Selbstbewusstsein spiegelt sich insbesondere in wichtigen Situationen: Sie hat 6 von 7 Breakbällen abgewehrt und selbst 12 von 27 verwertet. «Nervös bin ich nur noch vor den Matches», sagte sie. «Und ich schaffe es immer besser, meine Konzentration über längere ­Phasen hoch zu halten.» Das dürfte heute auch gegen Monica Niculescu (WTA 48) nötig sein. Denn gegen die ­Rumänin hat sie vier von fünf Duellen verloren – das letzte liegt indes schon über vier Jahre zurück.

Allzu weit sollte man an Grands Slams nicht nach vorn blicken. Aber vielleicht erweist es sich für Bacsinszky noch als Glücksfall, dass die zweifache Wimbledon-Siegerin Petra Kvitova (2011, 14) überraschend gescheitert ist. Auf sie hätte sie im Halbfinal treffen können. Die Welt ist für Bacsinszky im Lot. Nur etwas stört sie: «Wieso schauen sich die Schweizer Hockeyprofis in Wimbledon nur ­immer die Matches unserer Männer an?» (Foto: Keystone/Alastair Grant)


Belinda Bencic – Erfolgreicher Leidensweg

Obschon ihr rechter Oberschenkel schmerzt und sie ­inzwischen seit einem Monat durch­gehend an einem Turnier engagiert ist – Belinda Bencic bekommt nicht genug vom Tennis. In Wimbledon trat sie auch im Doppel und im Mixed an. Und was tut sie, wenn sie die Anlage verlassen hat? Sie stellt den Fernseher an und schaut sich die Matches der ­anderen an. Im Einzel hat sich Bencic mit einer grossen Willensleistung in die zweite Woche gekämpft. Sie weinte, sie haderte, sie musste behandelt werden – doch immer blieb sie kämpferisch. Der Lohn ist ein Achtelfinal gegen Wiktoria Asarenka.

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Wie weit kommt Belinda Bencic in Wimbledon?







Obschon leicht besser klassiert, 22 ­gegenüber 24, ist Bencic gegen die zweifache Australian-Open-Siegerin (2012, 2013) Aussenseiterin. Asarenka zeigte sich in Wimbledon bisher in eindrücklicher Form, gab noch keinen Satz ab. Doch nirgends ist Bencics Spiel so effektiv wie auf Rasen. Mit einer 14:2-Bilanz ist sie auf ihrer Lieblingsunterlage in diesem Jahr bisher die erfolgreichste Spielerin. Und auf die 16 Asse, die sie in Wimbledon schon schlug, darf sie stolz sein. 2013 Juniorensiegerin, 2014 Runde 3, 2015 mindestens im Achtelfinal – der Weg weist für die Ostschweizerin kontinuierlich nach oben.

Die Jüngste seit sechs Jahren

Manchmal vergisst man, wie jung ­Bencic noch ist. In Wimbledon ist die 18-Jährige die jüngste Achtelfinalistin seit sechs Jahren. Als letzte Schweizerin schaffte es hier übrigens Martina Hingis 2000 in den Viertelfinal. Nun sitzt die fünffache Major-Siegerin, wenn es ihr Programm erlaubt (sie spielt im Doppel und Mixed), bei Bencic auf der Tribüne und unterstützt sie. (Foto: AFP)

Erstellt: 05.07.2015, 23:58 Uhr

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