«Tennis spielen – weit weg von allem»

Martina Hingis ist als erfolgreiche Doppelspielerin in der dritten Phase der Karriere angelangt, die 34-Jährige liebäugelt mit Olympia 2016.

«Das Ballgefühl hatte ich schon immer»: Martina Hingis (34) über eines ihrer grössten Talente. Foto: Thomas Schreyer (ATP)

«Das Ballgefühl hatte ich schon immer»: Martina Hingis (34) über eines ihrer grössten Talente. Foto: Thomas Schreyer (ATP)

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Stimmt es, dass Sie erstmals seit 17 Jahren ins Fed-Cup-Team zurückkehren?
Das ist nicht ausgeschlossen, aber sicher nicht schon Anfang Februar in Schweden. Für mich ist klar, dass ich mich 100-prozentig auf das Doppel auf der Tour konzentriere. Ich bin ja nicht mehr die Jüngste und habe ein volles Programm: vier Wochen in Australien, dann nach einer kurzen Pause Doha und ­Dubai, danach vier Wochen in den USA, Stuttgart, Madrid, Rom, Roland Garros . . . Aber ich habe mit René Stammbach auch über anderes gesprochen.

Worüber denn? Dass Sie das Team einst selber übernehmen könnten?
Das würde mich eventuell schon ­interessieren.

2016 sind die Olympischen Spiele in Rio. Um dort spielen zu können, müssten Sie sich für den Fed-Cup drei Mal zur Verfügung stellen.
Das ist zwar noch weit weg, aber auch deshalb möchte ich mir die Möglichkeit einer Rückkehr ins Team offenhalten.

Sie und Belinda Bencic wären sicher ein gutes Doppel.
Ja, deshalb spielten wir auch in Tokio ­zusammen. Vielleicht ergibt es sich ja wieder, dass wir einmal zusammen­spielen.

Man hat das Gefühl, dass Sie noch ein paar Jahre weiterspielen könnten.
Ein paar Jahre? Das Doppel ist manchmal fast noch schneller als das Einzel, von den Reflexen her. Aber gut, die Schnelligkeit hat mir noch nie etwas ­ausgemacht, das sieht man jetzt auch wieder. Und Ballgefühl hatte ich schon immer. Das Einzige ist die Erholung, ­dafür brauche ich nun etwas länger.

Ist Doppel für den Körper nicht weniger anstrengend?
Wenn es so heiss ist wie manchmal hier in Australien, denkst du gelegentlich schon: Diese Partie könnte langsam ­fertig sein . . . (lacht). Ich versuche einfach, das Maximum herauszuholen, und es wäre schön, wenn ich dieses Jahr noch einen Grand-Slam-Titel gewinnen könnte. Mit Flavia Pennetta habe ich gute Chancen. Dazu will ich in der Rangliste so weit wie möglich nach vorne kommen.

Was lief denn in Melbourne schief gegen Chan/Zheng?
Die waren halt konstanter, frischer und aggressiver in den wichtigen Punkten.

Ist Ihr Ziel die Nummer 1?
Im Moment reizt es mich eher, einen Grand Slam zu gewinnen. Das andere käme dann automatisch. Mit Flavia stand ich ja schon in vier Finals und gewann zwei davon, dazu gewann ich mit Sabine Lisicki zwei Turniere. Mit ihr spielte ich nur ausnahmsweise in Brisbane, weil ­Flavia am Hopman-Cup antrat.

Sie sind schon wieder die Nummer 9. Sind Sie überrascht, dass Sie so schnell nach vorne kamen?
Eigentlich nicht. Ich hatte gehofft, dass es so schnell geht, nachdem ich mit ­Sabine in Miami gewinnen konnte.

Sie verpassten 2014 das Saisonfinale in Singapur nur knapp. Eine grosse Enttäuschung?
Nein, denn wir mussten ja in drei Mo­naten das schaffen, wofür die anderen ein Jahr Zeit hatten. Ende Saison kam bei mir zur Müdigkeit noch Stress hinzu, das war nicht die beste Kombination. In ­Peking spielten wir noch gut, verloren aber im Super-Tiebreak.

Ist das Einzel kein Thema mehr?
Nein. Weil ich nicht mehr bereit bin, mich körperlich abzurackern, vier Stunden pro Tag in teilweise grosser Hitze. Ich habe ja ein Comeback im Einzel hinter mir, und da war die Luft irgendwann draussen. Natürlich würde es mich manchmal reizen. Das Spiel ist ja nicht intelligenter geworden, und die neuen Schläger würden auch mir helfen.

Um Sie herrscht immer noch grosser Rummel. Selbst zum Training ­werden Sie von Sicherheitskräften begleitet. Ist das schön oder stört das auch?
Es stört wohl niemanden auf der Welt, Aufmerksamkeit zu erhalten. Wenn ­jemand das sagt, lügt er.

Welche Rolle spielt das Geld? 2014 waren Sie mit fast 400'000 Dollar Preisgeld die Nummer 77 der Geldrangliste.
Nach Abzug aller Steuern und Spesen bleibt da nicht so viel übrig. Aber es stimmt, das Preisgeld ist wirklich nicht schlecht. Wenn ich heute in Miami gewinne, erhalte ich fast so viel, wie es ­früher für einen Grand-Slam-Titel gab. Wenn man das mit dem Coachen vergleicht: Da erhältst du vielleicht 2000 Euro die Woche.

Haben Sie auch wieder mehr Verträge?
Es ist schon etwas anderes, jetzt, da ich wieder spiele und Chancen auf Turniersiege habe. Die Amerikaner lieben ­solche Comeback-Storys. Da merkst du schon: Grosse Namen ziehen immer noch.

Sie waren zwei Jahre als Coach aktiv. Könnte Sie das wieder interessieren?
Ja, später. Solange ich spielen kann, spiele ich, coachen kann ich immer noch. Ich habe das Gefühl, dass man als Coach mehr wert ist, wenn man einmal über 40 ist (lacht). Man muss etwas älter sein, damit die Spielerinnen mehr ­Respekt haben. Es ist schwierig, wenn man auf der gleichen Ebene wie sie steht. Coachen ist schon nicht so einfach, wie sich das viele vielleicht vor­stellen.

Wenn man Ihnen zuschaut, merkt man, dass Sie noch viel Spass am Tennis haben.
Ja – weil ich es noch kann. Da habe ich am Schluss mehr davon, als wenn ich Spielerinnen von etwas überzeugen muss, was sehr lange dauern kann . . .

Sie werden im Herbst 35, scheinen aber schlanker denn je.
Ich bin nur zwei, drei Kilo leichter geworden. Ich passe mehr auf, esse weniger Schokolade. Wenn ich früher zwei Kilo weniger gehabt hätte, hätte mir das aber schon auch geholfen.

Um Ihr Privatleben ist es ruhig geworden. Sind Sie inzwischen geschieden?
Alles braucht seine Zeit. Aber das gehört nicht hierher.

Hat Ihr Verhältnis zur Schweiz in den letzten Jahren gelitten? Sie  standen ja oft wegen Ihres Privat­lebens in den Schlagzeilen.
Ich bin froh, kann ich hier Tennis spielen, weit weg von allem. Aber ich habe zu Hause meine Kollegen und weiss, auf wen ich mich verlassen kann. Ich merkte auch, wer zu mir steht. Ich habe sicher meine zwei Lektionen gelernt im Leben – einmal mit dem Doping, einmal im Privatleben. Und wer den gleichen Fehler im Leben zweimal macht, der ist dumm.

Haben Sie nicht irgendwann eine dicke Haut bekommen?
Die hatte ich früher schon. Wenn ich gewann, wurde ich hochgelobt, wenn ich verlor . . . Und was meine Mutter alles abbekommen hat! Die Hexe, die ihr Kind ausnutzt, all diese Sachen (lacht). Die Schweiz war halt kein richtiges Tennisland. Ich ebnete den Weg für die nach mir, für Roger oder Belinda wurde es einfacher. Und ich zeigte auch, dass man mit Tennis gutes Geld verdienen kann, dass das nicht nur Herumstehen ist. Als ich in Klosters einmal ein Junioren­turnier gewann, fragten sie einen Bauern, und der sagte: «Die einte schaffed, die andere stönd nur ume.»

Ist das heute anders?
Die Anerkennung ist grösser geworden, wenn man durch das Tennis zum Weltstar wird. Weil die Sportart so global ist, nicht wie das Skifahren, wo nur ein paar Länder mitmachen. Wobei ich nichts gegen das Skifahren habe, ich bin auch Fan von Lara Gut und Tina Weirather. Die kannte ich schon, als sie als Vierjährige pfeilgerade die Hänge hinunterfuhr.

Sprechen wir von Belinda Bencic: Trauen Sie ihr eine Karriere wie die Ihrige zu?
Das wäre schön, ich würde es ihr gönnen. Es dürfte sich in diesem und nächstem Jahr herauskristallisieren. Wir wissen noch nicht, wie sie auf verschiedene Dinge reagiert, wie sie Niederlagen verarbeitet. Ich denke, da ist sie stark genug, sie hat auch einen grossen Stab hinter sich. Meine Mutter hilft ihr auch die ganze Zeit. Aber ob es richtig war, den ganzen Dezember in Florida zu trainieren?

Haben Sie das Gefühl, dass sie nicht optimal trainiert hat?
Das Spiel ist ja immer ein Spiegelbild des Trainings. Es gibt jetzt auch mehr Rummel um sie. Sie muss lernen, ihre Zeit einzuteilen, das ist ein Prozess.

Stehen Sie ihr sehr nahe?
Schon. Wir vertrauen uns. Und wenn ich helfen kann, mache ich es gerne.

Erstellt: 27.01.2015, 19:19 Uhr

Martina Hingis

15 Grand-Slam-Titel – und die Hoffnung auf mehr

Martina Hingis‘ Spielerkarriere ist in Phase 3 angelangt, jener der Doppel­spezialistin. Diese begann Mitte 2013, als sie Coach von Anastasia Pawljutschenkowa war und merkte, wie gut sie noch mithält. Die ersten Einsätze neben Daniela Hantuchova brachten aber wenig Erfolg. Seit Anfang 2014 verbesserte sie sich von Rang 180 auf 9 und gewann neben Sabine Lisicki (De) in Miami und Brisbane sowie mit Flavia Pennetta (It) in Wuhan und Moskau. dazu standen die beiden im US-Open-Final.

In Karriere-Phase 1 hatte Hingis fünf Grand-Slam-Titel gewonnen (dreimal das Australian Open sowie 1997 Wimbledon und das US Open) und viele Altersrekorde aufgestellt. Sie wurde mit 16 die jüngste Nummer 1 und auch jüngste Grand-Slam-Siegerin des Jahrhunderts. Ende 2002 trat die Ostschweizerin wegen Fussproblemen zurück. 2006 startete sie im Einzel ein Comeback. Dieses trug ihr in Rom, Kalkutta und Tokio die Turniersiege 41 bis 43 ein, und sie kletterte wieder in die Top 10. Diese zweite Karriere wurde abrupt gestoppt durch eine positive Dopingprobe in Wimbledon 2007. Trotz ihrer Unschuldsbeteuerungen und obwohl nur eine sehr kleine Menge Kokain gefunden wurde, zog dies eine zweijährige Sperre nach sich. 2010 heiratete Hingis den Franzosen Thibault Hutin, die Ehe ging aber 2013 auseinander.

Als Doppelspielerin war Hingis insgesamt noch erfolgreicher. Da gewann sie neun Grand-Slam-Titel, darunter alle vier des Jahres 1998. Ihren 15. und bisher letzten Majortitel errang sie 2006 am Australian Open neben dem Inder Mahesh Bhupati. Mit dessen Landsmann Leander Paes steht sie in Melbourne nun erneut im Viertelfinal. Mit etwas über 20 Millionen Dollar Preisgeld ist Hingis die Nummer 10 im Frauentennis. (rst)

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