Walzt Nadal die ganze Spannung platt?

Nach den ersten eineinhalb French-Open-Wochen muss man sich die bange Frage stellen, ob dem Turnier in der finalen Phase die grosse Langeweile droht. Gegen Rafael Nadal scheint kein Kraut gewachsen.

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An der Reihenfolge der Favoriten auf den Titelgewinn in Roland Garros hat sich nichts geändert. Auf Position 1 liegt Rafael Nadal, es folgen Novak Djokovic und Roger Federer. Die Abstände aber sind grösser geworden, deutlich grösser. Hinter Nadal klafft leistungsmässig ein Loch. Das verdeutlicht der Blick auf die Statistik. Der Spanier hat in seinen bisherigen vier Partien noch keinen Satz abgegeben, im Schnitt überliess er seinen Kontrahenten nicht einmal fünf Games pro Match. 19 waren es insgesamt, nur Guillermo Vilas war 1982 bis in die vierte Runde mit lediglich 16 abgegebenen Games noch dominanter.

Dem als Nummer 13 gesetzten Juan Monaco verpasste Nadal in den Achtelfinals eine schallende 6:2, 6:0, 6:0-Ohrfeige. Er untermauerte damit die Einschätzung des dreifachen French-Open-Champions Mats Wilander, der erklärt hatte, der Sandplatzkönig spiele in diesem Jahr so stark wie nie zuvor. Neun Breakbälle liess der Top-Favorit bislang erst zu, acht davon wehrte er ab. «Ich fühle mich wirklich gut, wirklich in Form», sagt Nadal, der sonst eher als Skeptiker gilt. Ob es sein bestes French Open sei, könne er jedoch erst nach dem Turnier sagen. Zumindest schliesst er es nicht aus.

«Gegen ihn sieht ein Leopard ungeschickt aus»

Der legendäre US-Coach Nick Bollettieri schwärmt in seinem Blog wie Wilander in den höchsten Tönen von Nadal: «Niemand in der Geschichte des Tennis ist auf Sand verbissener als er. Er spielt jeden einzelnen Punkt, als stünde sein Leben auf dem Spiel.» Zudem bewege sich Nadal auf der terre battue so kraftvoll, dass ein Leopard dagegen ungeschickt aussehen würde. Die Zweifel, die Nadal nach den schier endlosen Final-Niederlagen gegen Djokovic plagten, sind beseitigt. Die fast schon kriegerische Körpersprache ist wieder da.

Djokovic dagegen wirkt nicht mehr so unwiderstehlich wie in der letzten Saison, als er ausser dem French Open alle Majors gewann. Auch seinen unbedingten Siegeswillen scheint der Serbe verloren zu haben. Im Achtelfinal gegen Andreas Seppi haderte der Weltranglistenerste mit dem Schicksal und gewann nach einem 0:2-Satzrückstand vor allem deshalb noch, weil es der Italiener mit den Nerven zu tun bekam und sich zu spät wieder fing. Djokovics Bilanz der ersten drei Runden war zwar gut, der durchwachsene Auftritt gegen Seppi kratzt aber am Lack. Zudem dürfte ihn die Situation belasten, dass er in Roland Garros als einziger der drei grössten Titelanwärter noch nie über die Halbfinals hinausgekommen ist.

Federer und die verwirrenden Optionen

Bei Federer schliesslich wechseln sich Licht und Schatten bislang munter ab. Klar ist, dass der Baselbieter sein Potenzial längst noch nicht ausgeschöpft hat. Man sollte den Satzverlusten gegen David Goffin, Nicolas Mahut und Adrian Ungur aber nicht allzu grosse Bedeutung beimessen, da der 16-fache Major-Champion dafür bekannt ist, sich im Verlauf eines Turniers zu steigern. Federers grösstes Problem ist paradoxerweise sein enormes Repertoire an technischen und taktischen Varianten. So hat er es naturgemäss schwerer als der Powerspieler Nadal, die richtige Wahl zu treffen. Mats Wilander, der für Eurosport in Paris weilt, monierte denn auch, Federer wechsle gegen seinen langjährigen Rivalen zu oft die Strategie.

Wie aber kann man Nadal in Roland Garros beikommen? Eine ganz heikle Frage. Wäre die Antwort einfacher, wäre es nicht erst dem Schweden Robin Söderling gelungen, den Dominator an seinem Lieblingsturnier zu bezwingen. Damals, in den Achtelfinals von 2009, litt Nadal ausserdem an Knieschmerzen. Nick Bollettieri, der zahlreiche Grand-Slam-Sieger formte, erklärt, man müsse Nadals Bälle sehr früh attackieren, den Ball hinter ihn bringen und immer auf der Hut sein, wenn er von ganz hinten schlägt. «Dann ist er am gefährlichsten», so der Experte. Zum Leidwesen der Konkurrenz ist dies jedoch viel einfacher gesagt als getan. Wer einmal gesehen hat, wie tückisch sich Nadals Topspin-Bälle in der Luft verhalten, kann sich in etwa ausmalen, was es bedeutet, diese gelben Filzgeschosse wieder übers Netz spielen zu müssen.

Erstellt: 05.06.2012, 13:15 Uhr

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