Warum Stanislas Wawrinka so gut geworden ist

Der 28-jährige Romand begeisterte am US Open mit seinen Auftritten. Wir nennen zehn Gründe, wie dies möglich wurde.

Stanislas Wawrinka, hier getröstet von Novak Djokovic, ist vom Unscheinbaren zum Winner gereift.

Stanislas Wawrinka, hier getröstet von Novak Djokovic, ist vom Unscheinbaren zum Winner gereift. Bild: Keystone

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Trotz der knappen Halbfinalniederlage (6:2, 6:7, 6:3, 3:6, 4:6) am US Open gegen Novak Djokovic ist sich die Tenniswelt einig: So gut war Stanislas Wawrinka (28) seit seinem Einstieg vor elf Jahren in die Tennistour noch nie. Zehn Gründe für diese Leistungsexplosion.

1. Der neue Trainer

Magnus Norman ist der richtige Mann für Stanislas Wawrinka. Der Schwede verbesserte, wie er selber erklärte, seit Beginn der Zusammenarbeit Anfang April das eine oder andere Detail in Wawrinkas Spiel, auf das wir noch zu sprechen kommen. Vor allem aber machte er ihn mental stärker. Bisher glaubte Wawrinka nie richtig an sich, an einigen Events war er gar, was das Selbstvertrauen anbelangte, ein Häufchen Elend. Erinnert sei an die Davis-Cup-Partie gegen die USA im vergangenen Jahr, als er nach zwei schwachen Tagen am Sonntag im Teamhotel blieb, weil er mental so von der Rolle war. Der neue Wawrinka ist ein Winnertyp und strotzt nur so vor Selbstvertrauen. Und er steht plötzlich auch in den wichtigen Momenten seinen Mann.

2. Der Service

Sicher gibt es gerade beim ersten Service noch Luft nach oben: Im Halbfinal gegen Novak Djokovic war bloss die Hälfte der Aufschläge im Feld. Und dennoch: Der Service von Stanislas Wawrinka ist mittlerweile eine Waffe, und zwar sowohl von der Geschwindigkeit als auch von der Variabilität her. Sein schnellster Aufschlag kam am Samstag auf 222 Stundenkilometer (Djokovic: 200 km/h). Generell war sein Aufschlag am US Open schwer zu lesen – welch Wunder, kam beispielsweise Andy Murray zu keiner einzigen Breakchance. Djokovic erspielte sich gegen ihn zwar 19 Möglichkeiten zum Servicedurchbruch, konnte aber nur vier verwerten – nicht zuletzt, weil Wawrinka im richtigen Moment gut servierte.

3. Die hohe Anzahl Winnerschläge

Eine beeindruckende Statistik zierte das Matchblatt der Partie zwischen Wawrinka und Djokovic: Der Schweizer spielte den laufstarken Serben immer wieder aus und kam am Ende auf 57 Gewinnschläge; Djokovic schaffte es bloss auf 38 Winner. Hier hat Wawrinka einen grossen Schritt nach vorne gemacht: Es genügt ihm nicht mehr, den Ball einfach nur im Spiel zu halten, sondern er will es diktieren. Das gelang ihm am US Open auch deshalb so gut, weil er mit seiner Vorhand zeitweise so imposant agierte wie mit der einhändigen Rückhand.

4. Die geringe Fehlerquote

Was in den Spielen gegen Murray und Djokovic fast am meisten beeindruckte: Obwohl Wawrinka viel Risiko nahm, beging er vergleichsweise wenige Fehler – viel weniger jedenfalls als im Vergleich zu früheren Spielen, in denen er bessere Ergebnisse wegen zahlreicher unnötiger Fehler verschenkte. Es war Djokovic und Murray anzusehen, dass sie oft auf einen Patzer von Wawrinka hofften und warteten. Doch der beging in den wichtigen Momenten nur wenige Fehler, auch weil seine Schläge wiederholt eine optimale Länge hatten – etwas, was bisher vor allem die «Big Four» ausgezeichnet hatte.

5. Das Spiel am Netz

Der neue Wawrinka ist plötzlich eine Macht am Netz: 41 Mal stürmte er gegen Djokovic nach vorne und schloss 26 Angriffe gewinnbringend ab. Die meisten Fehler unterliefen ihm im Schlusssatz, wo er noch mehr riskieren musste, sonst wäre die Erfolgsquote der Netzangriffe noch höher als die 63 Prozent gewesen, die die Matchstatistik ausweist.

6. Die Fitness

Stanislas Wawrinka wirkt derzeit so leichtfüssig wie noch nie. Auch das könnte er seinem neuen Coach zu verdanken haben. Norman achtete darauf, dass Wawrinka seine Füsse besser bewegt: «Manchmal schien er wie angewurzelt zu sein am Boden.» Das war gegen Djokovic definitiv nicht mehr der Fall: Wawrinka erlief sich so manchen Ball. Zwar litt er am Ende des Halbfinals an muskulären Problemen, matchentscheidend war dies jedoch nicht.

7. Die neue Ruhe

Auch das ist neu bei Wawrinka: Er hadert und schimpft nicht mehr, sondern hakt eine vertane Chance ab und spielt weiter. Okay, gegen Djokovic gab es ein kurzes Intermezzo, als er einen Schläger zertrümmerte. Danach war er jedoch wieder die Ruhe selbst.

8. Die Familie

Wawrinka kann sich voll aufs Tennis konzentrieren, auch weil es privat wieder stimmt. Vor zwei Jahren hatte er Schlagzeilen gemacht, als er seine Frau Ilham und das einjährige Töchterchen Alexia verliess. 2012 später fand die Familie wieder zusammen. Er habe seine Balance gefunden, erklärte Wawrinka. Das ist auch seinem Spiel anzusehen.

9. Die neue Offenheit

Früher war der einstige Steiner-Schüler sehr schüchtern und «der Typ, den man übersieht», wie er selbst erzählte. Auch als er Profi wurde, blieb er introvertiert. Während Roger Federer sich eloquent und smart präsentierte, schienen ihn Auftritte in der Öffentlichkeit eher zu belasten. Das ist nun besser geworden: Mittlerweile parliert er locker auf Englisch und hat sichtbar Spass, wenn er auf dem Platz interviewt wird. Dem Selbstbewusstsein ist das sicherlich nicht abträglich.

10. Die Hilfe von Swiss Tennis

Der Schweizer Tennisverband machte im vergangenen Jahr deutlich, dass ihm die Zusammenarbeit mit Stanislas Wawrinka wichtig ist, und bot ihm 300 000 Franken für einen Vertrag an, in dem er sich verpflichtete, bis 2016 an den Heimturnieren in Gstaad und Basel sowie am Davis Cup teilzunehmen. Für Wawrinka, der bis dahin immer nur als die Nummer 2 hinter Federer wahrgenommen wurde, sicher ein ermutigendes Signal. Nun darf er sich ab kommendem Freitag als Teamleader im Davis Cup in Neuenburg im Abstiegsspiel gegen Ecuador für seine Erfolge am US Open feiern lassen.

Erstellt: 09.09.2013, 10:14 Uhr

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