Was Journalisten mit Batteriehühnern verbindet

Simon Graf, Journalist des «Tages-Anzeigers», bloggt für Sie vom Australian Open. Heute über die Massenhaltung von Medienleuten.

Wer Informationen von den Tennisstars will, darf keine Platzangst haben.

Wer Informationen von den Tennisstars will, darf keine Platzangst haben. Bild: Keystone

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Journalisten aus 51 Nationen sind im Pressenzentrum des Australian Open auf engstem Raum zusammengepfercht. Man könnte auch von Massentierhaltung reden, wenn es sich um Tiere handeln würde. Nicht, dass ich mich beklagen würde. Denn der entscheidende Unterschied ist, dass wir auch mal rausdürfen, um uns ein Spiel anzuschauen. Oder uns zu verpflegen. Und um 17 Uhr wird im «Media Garden» zur Happy Hour geladen, wo die Turniersponsoren Jacobs Creek (Rot- und Weisswein) und Heineken (Bier, richtig) uns mit ihren Produkten versorgen und dazu beitragen, dass die Finger wieder etwas freier über die Tasten des Laptops gleiten.

Die Besonderheit des diesjährigen Australian Open ist, dass die verschiedenen Nationalitäten bunt durcheinander gemischt wurden. Die Schweizer sind über den ganzen Raum verteilt, die Tschechen, die Amerikaner, die Engländer, die Spanier auch. Das ist ungewöhnlich. In Wimbledon etwa gibt es die Schweizer Ecke, gleich neben dem Büro des internationalen Tennisverbands und jenem der Frauentour. Wegen uns, die dank Roger Federer im Mekka des Tennis ein gewisses Gewicht geniessen, wurde sogar eine Wand gebaut, damit es uns nicht an den Rücken zieht.

Die guten Seiten von Multikulti

Wir überlegten uns anfänglich, die Pressechefin in Melbourne darauf hinzuweisen, dass es unsinnig sei, dass die Schweizer nicht nebeneinander sitzen. Doch dann verzichteten wir. Und nach einer knappen Woche ist mir klar geworden, dass Multikulti durchaus Sinn macht. Denn es erweitert den Horizont. Von früheren Majors her, bei denen ich neben unbekannten Kollegen zu sitzen gekommen war, habe ich den Australier Darren und den Tschechen Jan gut kennengelernt. Man trifft sich immer mal zu einem Geplauder, erfährt, was den anderen beschäftigt, wie es um die Lage seiner Tennisnation steht. Und natürlich gratuliert man nach grossen Siegen oder klatscht ab.

Ein guter Bekannter von Martina Hingis' Vater

In Melbourne hält mich nun mein slowakischer Kollege, ein guter Bekannter von Vater Hingis, auf dem Laufenden, was das osteuropäische Tennis betrifft. Er holt mit seinem Mikrofon O-Töne bei den russischen, slowakischen, bulgarischen und litauischen Spielerinnen und Spielern und verkauft sie an die Radios. Wenn Agnieszka Radwanska so weiterspiele, werde sich bald auch das polnische Fernsehen melden, frohlockt er. In meinem Rücken entzücken sich die deutschen Kolleginnen über den Siegeszug von Andrea Petkovic, die nicht nur gut Tennisspielen soll, sondern auch interessante Antworten geben. Und natürlich gönne ich den beiden Italienern zwei und drei Plätze rechts von mir jeden Sieg.

Geht es um Federer, werden selbst arrogante Briten nett

Auf engstem Raum versammelt sich bei uns also viel Tenniskompetenz. Wer eine Story über einen ihm noch nicht so gut bekannten Spieler verfassen will, hat nicht nur Google, sondern auch den Kollegen aus dem jeweiligen Land schnell zur Hand. Der Umgang untereinander ist locker, in Melbourne noch ein bisschen mehr. Einen leichten Anflug von Arroganz versprühen höchstens die Engländer. Aber wenn sie etwas von Roger wissen wollen, sind jeweils recht nett. Fast alle beherrschen Englisch hier, aber Tennis ist unser Esperanto.

Die bunte Durchmischung war eine gute Idee, finde ich inzwischen. Nur Bud Collins, der 71-jährige Kolumnist vom «Boston Globe», der schon Tennisbücher mit dem Umfang von Telefonbüchern verfasst hat, mochte sich an die neue Unordnung im Pressezentrum nicht recht gewöhnen. Er sei nun über 20 Jahre am gleichen Platz gesessen, sagte er zum Franzosen, der seinen Sitz geerbt habe. Er wolle auf seine alten Tage hin nicht mehr wechseln. Natürlich war dieser sofort bereit zu tauschen.

Erstellt: 22.01.2011, 15:17 Uhr

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