Was ist los mit Djokovic?

Er dominierte das Tennis – teils mehr als Federer. Dann der Absturz. Erklärungen für das Unerwartete.

Verunsichert und angeschlagen: Der frühere Seriensieger Novak Djokovic hadert mit sich selbst. Foto: Mast Irham (Keystone)

Verunsichert und angeschlagen: Der frühere Seriensieger Novak Djokovic hadert mit sich selbst. Foto: Mast Irham (Keystone)

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Als Novak Djokovic nach dem 6:7, 6:4, 1:6 gegen den Japaner Taro Daniel im Medienraum des Tennis Garden von ­Indian Wells Platz nimmt, ist er bleich, sein Blick flüchtig. Er wirkt verunsichert wie ein Reh im Scheinwerferlicht eines Autos. Ist das wirklich der Mann, der jahrelang mit eiserner Faust das Tennis regierte, von 2011 bis 2016 in achtzehn Grand-Slam-Endspielen stand und elf davon gewann?

Er ist es, aber nur äusserlich. Das Selbstverständnis und -vertrauen, das den Champion vom Balkan so lange ausgezeichnet hatten, haben sich verflüchtigt, an ihre Stelle getreten sind Zweifel, Fragen, Unsicherheit. «Es fühlte sich für mich an, als ob dies der erste Match ­gewesen wäre, den ich auf der Tour ­bestritt», sagt er zur Niederlage gegen die Nummer 109 aus der Qualifikation.

Was ist es, das den früheren Dominator derart aus der Bahn warf? Am Ursprung war die Erfolgssättigung: Nachdem er 2016 endlich erstmals das French Open und damit alle vier Majorturniere hintereinander gewonnen hatte, fehlte ihm der Antrieb. Dann kamen die Ellbogenschmerzen, die ihn veranlassten, die Saison 2017 nach Wimbledon abzubrechen. Dann kamen das Australian Open 2018 mit der Niederlage im Achtelfinal gegen Chung und die Erkenntnis, dass der Ellbogen immer noch schmerzt.

Operation in Muttenz

Es folgte eine Operation am Schlagarm, am 1. Februar in der Rennbahnklinik in Muttenz, über die Djokovic nicht reden will. Er verweist auf seine Erklärung in den sozialen Medien, in der er von einem «kleinen medizinischen Eingriff am Ellbogen» spricht, nachdem seine sechsmonatige Pause nicht die gewünschte Verbesserung gebracht habe. Bilder beim Verlassen der Klinik zeigen ihn mit dick eingebundener Hand. So schlecht er sich nun in Indian Wells ­gefühlt habe, sei er trotzdem dankbar, so kurz nach der Operation schon wieder spielen zu können, sagt der 30-jährige Vater zweier Kinder. «Es war nicht vorgesehen, dass ich hier antreten würde. Immerhin liegt die Operation erst fünf, sechs Wochen zurück. Doch ich erholte mich sehr schnell.»

Djokovic holte 5 seiner 68 Turniersiege in Indian Wells, nun ist er hier erstmals seit zwölf Jahren sofort ausgeschieden. «Ich hatte keine Erwartungen. Es war für mich ein Testlauf», sagt er. Dabei musste er erkennen, wie schwierig es ist, Bestleistungen abzurufen, wenn das Vertrauen und die Matchpraxis fehlen.

Im Training – zuerst in Las Vegas bei Andre Agassi, dann in Indian Wells unter Radek Stepanek – habe er zwar gut gespielt, «aber Matches sind vor allem mental anders», so Djokovic. «Da kommen die Nerven ins Spiel, du findest den Rhythmus nicht. Vor allem mit der Rückhand machte ich viele unerzwungene Fehler, dabei war das während meiner Karriere stets ein sehr verlässlicher Schlag.» Und im Unterbewusstsein sei da auch immer noch die Angst, dass die Schmerzen, die ihn zwei Jahre begleitet hätten, zurückkehren könnten.

Seit Tagen erkältet

Nicht hilfreich war zudem, dass er in Kalifornien auch gesundheitlich angeschlagen war. Der 12-fache Majorsieger ist seit Tagen erkältet. «Gott stellt dich immer dann auf die Probe, wenn du es am wenigsten erwartest», bemerkt er philosophisch und lässt eine gewisse Frustration erkennen, als er nachschiebt: «Er wirft dir alles Mögliche nach.» Und doch wisse er: «In allem steckt etwas Gutes. Man muss es nur finden.» Djokovics Fatalismus kann nicht übertünchen, dass er vor allem eines ist: ratlos. Er will nun mit seinem Team die Strategie nochmals überdenken. «Aber ich vermisse das Tennis, den ­Wettkampf. Es ist ein grosser Teil meines Lebens.»

Support erhielt der Weltranglistenzwölfte von Roger Federer, der sich in seinen zweitgrössten Rivalen neben ­Rafael Nadal gut hineinversetzen kann. «Für mich sieht er schon wieder ziemlich gut aus, einfach noch etwas rostig, etwa beim Aufschlag» sagt er. «Ich finde es aber äusserst positiv, dass er in Indian Wells schon wieder spielt, das hatte ich nicht erwartet.» Er wäre aber auch nicht überrascht gewesen, wenn Djokovic in Australien oder Kalifornien weit vor­gestossen wäre.

Bilder: Federer gewinnt, Djokovic verliert

Hätte er in Melbourne gegen Chung nicht knapp verloren, hätte er danach Sandgren sicher besiegt und wäre im Halbfinal auf ihn getroffen, ist für ­Federer klar. «Die Margen sind eben gering, die Unterschiede klein.» Er sei aber froh für ihn, dass er zurückkommen und selber entscheiden könne, wann er aufhöre. «Er ist jetzt schon einer der besten Spieler je, und wenn er gut spielt, kann er in den nächsten Jahren noch vieles reissen, genau wie Rafa.» Deshalb sei er froh für die beiden, dass sie weiter dabei seien.

«Es kann schnell gehen»

Federer weiss es aus eigener Erfahrung: «Wenn man nach einer Pause zurückkommt, fühlt sich alles ungewohnt an, jeder Breakball, alles. Und deshalb braucht man auch mehr Energie und Konzentration. Wahrscheinlich war er auch deshalb im dritten Satz erschöpft.» Djokovic werde ab jetzt aber nur noch besser, wobei es schon komisch sei, einen Champion wie ihn in einer ­solchen Verfassung zu erleben. Es könne jedoch plötzlich schnell gehen. «Nach drei Runden hast du auf einmal das Gefühl, du seist gar nie weg gewesen.» Wie es bei ihm war, beim märchenhaften Australian Open 2017. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.03.2018, 19:51 Uhr

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