Wawrinkas Befreiungsschlag

Das 6:1, 6:1 gegen Berdych am ATP-Finale in London ist auch im Hinblick auf den Davis-Cup-Final beruhigend.

Lichtblick nach schwierigen Wochen: Stan Wawrinka beim Startsieg. Foto: Keystone

Lichtblick nach schwierigen Wochen: Stan Wawrinka beim Startsieg. Foto: Keystone

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«Ich wollte ihm zeigen, dass ich bereit sein werde für den Davis-Cup», sagte Stan Wawrinka lächelnd, als die Rede gestern im Interviewzelt der 02-Arena auf Roger Federer kam. Tatsächlich konnte der Vaudois mit einer feinen Leistung und einem 6:1, 6:1 über Tomas Berdych die Bedenken zerstreuen, dass er ausgerechnet vor dem ersten Davis-Cup-Final der Schweiz seit 22 Jahren in einer tiefen Krise stecken könnte. Es war ein Befreiungsschlag zur richtigen Zeit und einer seiner wichtigsten Siege der Saison, wie er selbst auch sagte. Dabei brauchte es ihn nicht zu kümmern, dass Berdych nach eigenen Worten seinen schlechtesten Match des Jahres spielte. Der Tscheche, zuletzt in Paris noch Halbfinalist, lag nach einer Viertelstunde 0:5 zurück und hatte erst fünf Punkte gewonnen.

«Der Spielbeginn war wichtig. Ich zeigte ihm sogleich, wie gut ich in Form bin. Mit dem frühen ersten Break setzte ich ihn unter Druck», erklärte der Lausanner, der stark aufschlug, zum fünften Sieg in Folge gegen die Nummer 7 kam und seine Führung in diesem Duell auf 10:5 ausbaute. Im zweiten Satz leistete Berdych härteren Widerstand, konnte aber nicht verhindern, im dritten Game – dem längsten der Partie – ein drittes Mal gebreakt zu werden. Nach dem 1:4 erlosch sein Kampfeswille, und nach nur 58 Minuten konnte Wawrinka die Faust ballen und sich mit ausgestrecktem Zeigefinger an die Stirn tippen.

Die grosse Bestätigung

«Ich habe schwierige Wochen mit harten Niederlagen in Tokio, Shanghai, Basel und Paris hinter mir. Deshalb war diese Partie für mich auch eine mentale Angelegenheit», erklärte Wawrinka diese Geste. Er hatte mit dem ebenfalls erlöst wirkenden Coach Magnus Norman in den vergangenen drei Wochen viel diskutiert und hart trainiert, dabei im Training praktisch alle Sätze gewonnen. Dass es ihm nun gelang, diese Form in einem Match auszuspielen, war umso befriedigender, als er sich zuletzt auch selbst im Weg gestanden war. Nun hatte er die Bestätigung: Harte Arbeit zahlt sich doch aus, er hatte richtig reagiert.

Nachdem Wawrinka in vier Turnieren nur eine Partie gewonnen hatte, kann er nach dem ersten Sieg gegen einen Top-10-Spieler seit dem Triumph in Monte Carlo beruhigt vorausblicken. Gegen Novak Djokovic, der Marin Cilic mit dem gleichen Resultat bezwang, kann er morgen unbelastet antreten. Denn selbst bei einer Niederlage hätte er noch eine gute Chance, mit einem Erfolg über den unter Schulterbeschwerden leidenden Cilic die Halbfinals zu erreichen. Doch selbst wenn er dieses Ziel verpassten sollte, hätte ihm London gezeigt, dass er auch in diesen Wochen in der Lage ist, zu einem bestimmten Zeitpunk voll da zu sein – was im Hinblick auf den Davis-Cup-Final in Lille beruhigend ist und bei den Franzosen für etwas Unruhe sorgen dürfte.

Er verstehe, dass die Öffentlichkeit zuletzt etwas besorgt gewesen sei über seine Resultate, sagte Wawrinka. «Ich hatte die Latte Anfang Jahr eben sehr hoch gesetzt. Auch ich hatte danach mehr von mir erwartet und war enttäuscht.» Aber er habe immer gesagt, es gebe keinen Grund zur Panik. «Schwierige Perioden kann es immer geben. Das Wichtigste war, dass ich darauf richtig reagierte, ruhig und positiv blieb.»

«Erst einen Match gewonnen»

Trotz der grossen Genugtuung bemühte sich Wawrinka, der von den Buchmachern als schwächster Spieler des Feldes eingestuft worden war, um Gelassenheit. «Ich habe erst einen Match gewonnen und muss bereit sein für die nächsten Spiele. Wenn ich Djokovic schlagen will, muss ich eine meiner besten Leistungen zeigen.» Wie es ihm im Januar im Viertelfinal von Melbourne gelang. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.11.2014, 23:18 Uhr

Gruppe B

Federers Vorahnung

Roger Federer erinnert sich gut an seine erste Begegnung mit Kei Nishikori. In Miami trainierte er 2008 erstmals mit dem damals 18-Jährigen, und er weiss auch noch, wie beeindruckt er von ihm war. Nämlich so sehr, dass er den Junioren danach jemandem mit den Worten vorstellte: «Dies ist Kei aus Japan, er trainiert in der Bollettieri-Akademie und wird mich irgendwann in einem Final schlagen, wenn wir in sechs Jahren aufeinandertreffen.»

In London kam Federer diese Szene nach dem Startsieg über Milos Raonic wieder in den Sinn. Zwar hat er noch keinen Final gegen Nishikori verloren, den bisher einzigen gewann er 2011 in Basel klar. Dennoch hat er gegen den ersten asiatischen Top-5-Spieler nach vier Vergleichen nur eine 2:2-Bilanz. In Madrid 2013 und im März in Miami war er seinem heutigen Gegner unterlegen, zweimal in drei Sätzen. Das ist kein Zufall, denn Nishikoris Bilanz in entscheidenden Sätzen ist ausgezeichnet, sie steht dieses Jahr bei 20:2.

Ein Alleskönner

Federer hat die Entwicklung des Japaners seit 2008 genau verfolgt, und inzwischen steht der Japaner auf der Liste seiner Lieblingsspieler weit oben. «Es macht Spass, ihm zuzuschauen. Er ist ein Spitzenspieler mit einer wunderbaren Etikette auf dem Platz, immer nett und höflich.» Auch von der Spielstärke des vierfachen Turniersiegers der Saison und US-Open-Finalisten schwärmt er. «Er nimmt den Ball generell sehr früh, kann mit der Rückhand alles und mühelos von cross auf longline wechseln. Und wenn er Zeit hat, ist er auch auf der Vorhand sehr gefährlich.»

Er werde versuchen, mehr Aufschlag/Volley zu spielen als gegen Raonic, sagte Federer. «Aber Nishikori ist auch einer der besten Returnspieler, und ich werde wohl viel rennen müssen.» Interessanterweise bezeichnete Federer die Spielbedingungen in London langsamer als zuletzt in Paris – im Gegensatz zu Andy Murray. Möglicherweise empfand er dies aber auch nur deshalb so, weil er in Paris bei seiner Niederlage gegen Raonic nicht mehr frisch war und seine Reflexe langsamer als üblich waren.

In London wirkte er gegen den gleichen Gegner nun wieder spritzig und schnell. Das hänge auch damit zusammen, dass er mit Fitnesstrainer Pierre Paganini in London trainiert habe. «Er hat geholfen, mich und Stan wieder explosiver zu machen», so Federer.

(rst)

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5.SUIStan Wawrinka6140
6.CROMarin Cilic5075
7.AUTDominic Thiem4030
8.JPNKei Nishikori3740
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10.BULGrigor Dimitrov3160
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Stand: 24.07.2017 07:39

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