Wawrinkas Wandlung zum Sieger

Der Romand ist das beste Beispiel dafür, dass man belohnt wird, wenn man es immer wieder versucht.

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Wenn Sie, Stand gestern Montag, nach den denkwürdigsten Spielen von Stanislas Wawrinka gefragt worden wären, welche hätten Sie aufgezählt? Natürlich gehört der letztjährige Melbourne-Achtelfinal gegen Novak Djokovic dazu, der Krimi über fünf Stunden. Der Wimbledon-Achtelfinal 2009 gegen Andy Murray, der im All England Club als erstes Nachtspiel unter geschlossenem Dach in die Geschichte einging. Man müsste den US-Open-Halbfinal vom vergangenen September erwähnen, als der Romand Djokovic erneut über fünf Sätze zwang. Und zu guter Letzt das epische Davis-Cup-Doppel im Februar vergangenen Jahres gegen Berdych/Rosol, als es nach über sieben Stunden und einem 22:24 im fünften Satz Tränen gab bei Wawrinka.

Was haben all diese Spiele gemeinsam? Der Schweizer verlor sie. Er war der Mann der heroischen Niederlagen. Der Mann, mit dem man stundenlang mitfieberte, um am Schluss doch enttäuscht zu werden. Es schien unvermeidlich, dass der 28-Jährige dem zähen Djokovic auch diesmal wieder unterliegen würde. Nach grossem Kampf, im vielleicht spektakulärsten Spiel des Turniers. Doch diesmal war alles anders: Es war Wawrinka, der am Ende jubelte. Er entthronte den Serben an der Stätte, an der dieser seine grössten Erfolge gefeiert, vier seiner sechs Major-Titel errungen und zuvor 25-mal nacheinander den Court als Sieger verlassen hatte. Im Finish brauchte es keine brillanten Punkte Wawrinkas mehr, es war Djokovic, der die entscheidenden Fehler beging. Und das aus gutem Grund: Der Romand hatte ihn, auf verschiedenen Bühnen, immer und immer wieder hart bedrängt – und das hat Spuren hinterlassen. Plötzlich fehlte dem Serben die Selbstverständlichkeit, mit der er die knappen Spiele zu gewinnen pflegt, spürte er die Entschlossenheit Wawrinkas.

Auf dem Weltklasseniveau entscheiden ein paar wenige Punkte und Szenen über Sieg oder Niederlage. Und trotzdem ist es kein Zufall, wer gewinnt. Sonst würden nicht mit dieser Regelmässigkeit die Gleichen jubeln. Roger Federer schaffte es während Jahren immer wieder, Spiele zu gewinnen, in denen er vielleicht nicht unbedingt besser gewesen war, aber kaltblütiger. Seit einiger Zeit sind Djokovic und Rafael Nadal die Meister in dieser Disziplin. Und nun ist also auch Wawrinka reif für grosse Siege. Das ist ein Meilenstein in der Karriere des Vaudois, der nie das Talent Federers hatte, aber während Jahren in dessen Schatten unbeirrt seinen Weg ging. Denn wer aus Erfahrung weiss, dass er grosse Spiele gewinnen kann, schöpft daraus in den entscheidenden Momenten, in denen es nicht mehr um tennistechnische Aspekte geht, sondern darum, trotz aller Hektik kühlen Kopf und die Zuversicht zu bewahren. Wer Tennis zum Hobby hat, weiss, wie schnell der Arm zu zittern beginnen kann, wie sehr der Kopf mitspielt.

Wawrinka war nie ein Senkrechtstarter. Er brauchte an Grand-Slam-Turnieren 11 Anläufe, bis er erstmals in die zweite Woche einzog. Weitere 13 Versuche, um erstmals einen Achtelfinal zu gewinnen. Und nochmals 13, um sich im vergangenen Herbst am US Open erstmals in einem Major in die Top 4 zu spielen. Doch er war stets einer, der seine Schritte zu bestätigen wusste. Nun erreichte er zum zweiten Mal nacheinander einen Grand-Slam-Halbfinal. Sein Lebensmotto, es immer wieder zu versuchen, sich nie entmutigen zu lassen, tätowierte er sich im vergangenen März in den Worten des irischen Schriftstellers Samuel Beckett auf seinen linken Unterarm. «Verliere besser», heisst die Sequenz, die in der Tennisszene inzwischen in aller Munde ist. Wawrinka orientierte sich daran, verlor immer besser und besser. Und sein Beispiel zeigt: Wer immer besser wird, wird irgendwann zum Sieger.

Erstellt: 21.01.2014, 15:45 Uhr

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