Wenn Melbournes Ofen glüht

Der Donnerstag brachte am Australian Open einen dieser gefürchteten Hitzetage, die Spieler und Zuschauer an ihre Grenzen treiben.

Der Eisbeutel verschafft Abhilfe: Kei Nishikori kühlt seinen Kopf beim Seitenwechsel.

Der Eisbeutel verschafft Abhilfe: Kei Nishikori kühlt seinen Kopf beim Seitenwechsel. Bild: Keystone

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Vielleicht träumen Sie, während Sie diese Zeilen lesen, davon, in diesen grauen Januartagen selber nach Australien entfliehen zu können. Sicher eine hervorragende Idee. Allerdings war der gestrige Donnerstag einer jener Tage, an denen sich in Melbourne manch einer wünschte, es gäbe einen Schalter, mit dem die Temperatur zurückgedreht werden könnte. Als ob ein riesiger Föhn in Dauerbetrieb genommen worden wäre, blies ein heisser Wind über den Süden des Bundesstaates Victoria und trieb die Thermometer weit hinauf, in Melbourne bis auf 40,8 Grad.

Die Strassen waren seltsam leer, der Hotelpool lag verlassen da, und selbst die Idee, an den St. Kilda Beach zu fliehen, verlor bei diesen Bedingungen ihren Reiz. Im Melbourne Park wurde derweil aber munter Tennis gespielt. Die Organisatoren sahen auch keinen Grund, die «extreme heat policy» anzuwenden, was mit «Vorgehen bei extremer Hitze» übersetzt werden kann und ihnen die Möglichkeit einräumt, den Spielbetrieb zu stoppen und in den beiden Hauptarenen die Dächer zu schliessen.

Wann diese Notmassnahmen ergriffen werden, wird aufgrund einer Zahl entschieden, die mit einer Formel errechnet wird. Diese berücksichtigt neben der Temperatur auch die Feuchtigkeit, den Wind und die Sonneneinstrahlung. In Melbourne kann es selbst bei 40 Grad bewölkt sein, wodurch die Hitze viel erträglicher wird als bei praller Sonne. Auch die relative Luftfeuchtigkeit hat einen massiven Einfluss: Ist sie tief, wie gestern (acht Prozent), verdunstet der Schweiss viel besser, was für Spieler – und auch Zuschauer – massiv angenehmer ist als feuchte Hitze.

Die Zahl, die sich dadurch ergibt, wird «wet bulb index» genannt (was immer das auch heissen soll). Die Entscheidungsgewalt, das Grand-Slam-Turnier zu stoppen, besitzt Referee Wayne McKewen, der sich mit Wetterexperten und dem medizinischen Team abspricht. Ab einem Indexwert von 26 werden Eiswesten auf alle Courts spediert, ab 30,1 erhalten die Frauen vor dem dritten Satz eine zehnminütige Zusatzpause. Ab welcher Zahl das Turnier unterbrochen wird, ist ein gut gehütetes Geheimnis. Gemäss McKewen wurde der Hitze-Notfallplan insbesondere wegen des Finals von 2002 zwischen Martina Hingis und Jennifer Capriati eingeführt, der unter brutalsten klimatischen Bedingungen stattfand. Diese führten mit dazu, dass Hingis nach einem hohen Vorsprung (6:4, 4:0) noch verlor.

Hitzeschläge habe es am Turnier aber noch nie gegeben, behauptete der medizinische Leiter Tim Wood gegenüber der Zeitung «The Age», doch da täuscht ihn seine Erinnerung. Allein im speziell heissen Turnier von 2009 wurden etliche Zwischenfälle registriert, Novak Djokovic gab im Viertelfinal gegen Andy Roddick wegen der Hitze auf, weil er sich so miserabel fühlte. Er hatte, muss zu seiner Verteidigung gesagt werden, auch eine kurze Nacht hinter sich. Henri Leconte erinnert sich daran, einmal in Melbournes Hitze ohnmächtig geworden zu sein.

Der gestrige Glutofen dürfte aber die Ausnahme bleiben. In den nächsten Tagen soll wieder angenehmes Sommerwetter herrschen, genau wie in den ersten drei Tagen des Turniers. Damit wird wieder gelten, was Melbourne so einzigartig macht: dass innerhalb von 24 Stunden alle vier Jahreszeiten stattfinden können, wie es ein Bonmot beschreibt, oder dass der Körper, je nach Sonne, Schatten und Wind, gleichzeitig zur einen Hälfte schwitzen und zur anderen frieren kann.

Erstellt: 17.01.2013, 07:56 Uhr

René Stauffer ist Tennisexperte beim «Tages-Anzeiger». Er bloggt in den kommenden zwei Wochen für Tagesanzeiger.ch/Newsnet vom Australian Open.

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