Wer greift nach dem Pokal?

In Melbourne kommt es nun zum Schweizer Duell. Doch wer wird sich durchsetzen – Federer oder Wawrinka?

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Wawrinka

Er müsse werden wie ein Raubtier, sagte sein Ex-Coach Peter Lundgren einst über Stan Wawrinka. Jene martialische Aussage sorgte damals, am US Open 2010, für Aufruhr. Inzwischen ist Wawrinkas Wandlung vom Rudolf-Steiner-Schüler zum Raubtier abgeschlossen. Er tut alles, um seine Beute zu erlegen, lässt sich durch nichts von seinem Ziel abbringen. Das erfuhr Martin Klizan im Finish ihres Startspiels schmerzlich. Als der Slowake regungslos am Netz stand, schoss Wawrinka mit voller Kraft auf ihn und verpasste seine Fortpflanzungsorgane nur um Zentimeter. Es war für den ­Romand nicht nur ein gewonnener Punkt, sondern auch eine klare Botschaft an den Gegner. Der holte kein Game mehr.

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So entschlossen und mental stabil wie an diesem Australian Open hat man den Romand noch nie erlebt. Er gewann alle fünf Tiebreaks, die stets ein Gradmesser sind für das Selbst­vertrauen. Und den Wawrinka, der schnell seine Nerven und gleich eine Serie von Games verliert, erlebte man zuletzt nicht mehr. Gegen Andreas Seppi sah man ihn immer wieder lächeln – er wusste, dass er nicht verlieren konnte. Im Viertelfinal gegen Jo-Wilfried Tsonga liess er sich selbst durch ein längeres Wortgefecht beim Seiten­wechsel nicht aus der Ruhe bringen – im Gegenteil. Er spielte danach noch besser. Körperlich war der 31-Jährige schon immer enorm stark, nun ist er es auch im Kopf. Anders als früher wird ihn daher im Schweizer Halbfinal auch kein «Federer-Komplex» mehr bremsen. Sein Davis-Cup-Kollege und langjähriger Schatten ist für Wawrinka einfach ein weiterer Gegner, den es zu schlagen gilt.

Es dürfte ihn sogar noch anstacheln, dass 90 Prozent in der Rod Laver Arena seinen Landsmann unterstützen. Kommt dazu, dass er auf keinem Court so viele gute Erinnerungen hat. Hier erlebte er 2013 den 5-Satz-Krimi gegen Novak Djokovic, der für ihn der Wendepunkt in der Karriere war. Hier schlug er 2014 nicht nur den Serben, sondern im Final auch Rafael Nadal.

Gefürchteter Steigerungslauf

Wie bei seinen ersten drei Major-Titeln erleben wir bei Wawrinka derzeit den bei den Gegnern so gefürchteten Steigerungslauf. Federer wird wie bisher versuchen, aufs Tempo zu drücken, um ihn nicht sein Spiel aufziehen zu lassen. Doch Wawrinka kann auf der Rückhandseite mehr Druck entwickeln und schlägt derzeit mit der Vorhand Winner mit einer Selbstverständlichkeit, die man noch nie erlebt hat. Kommt dazu, dass er sich als US-Open-Sieger 2016 schon am letzten Grand Slam durch entscheidende Spiele kämpfte, Federer hingegen aus einer sechsmonatigen Pause kommt und die letzten zwei Grand-Slam-Halbfinals verlor.

Kurz: Wenn ­Wawrinka an Majors sein bestes Tennis spielt, erreicht er ein Niveau, das höher ist als jenes all seiner Konkurrenten. Auch Federers.

Federer

Wer wollte jetzt noch gegen ihn setzen? Bei allem Respekt für Stan Wawrinka und sein gnadenloses Hochdrucktennis: Das Australian Open 2017 ist Roger Federers Turnier. Wie Tomas Berdych und Kei Nishikori wird auch der US-Open-Sieger aus Lausanne im stillen Kämmerlein den Kopf schütteln und denken: Jetzt steht mir dieser Kerl doch tatsächlich schon wieder im Weg.

Natürlich: Was die Wucht betrifft, hat Wawrinka Federer eingeholt, an den Grand Slams war er in den letzten drei Jahren erfolgreicher. Er ist daran, den Federer-Komplex, der ihn jahrelang begleitete, zu überwinden, und weiss inzwischen, wie man Majors gewinnt. Doch dies ist – sein Pech und ­Federers Glück – kein Endspiel, sondern ein Halbfinal. Und noch immer ist der 17-fache Grand-Slam-Champion mit seiner Vielseitigkeit, seinen Tempi-, Taktik- und Rhythmuswechseln für Wawrinka der wohl unangenehmste Gegner.

Wer will den Sieg mehr? Federer.

Das 22. Duell der zwei Ausnahmekönner wird aber auch durch mentale Aspekte entschieden: Wer will den Sieg mehr? Wer glaubt mehr an sich? Dies wird Federer sein. Denn obwohl Wawrinka behauptet, er schaue nie zurück, weiss auch er, dass er in diesem Duell 3:18 zurückliegt, dass seine drei Siege alle auf Sandplätzen zustande kamen. Und im Gegensatz zum Baselbieter, der den US-Open-Halbfinal 2015 schon vergessen hatte, ist dem Vaudois jener Kampf um den Final noch sehr präsent: Weil er chancenlos blieb, ­obwohl er in Form und eine ausgeglichene Partie erwartet worden war (4:6, 3:6, 1:6).

In Melbourne profitiert Federer zudem von seinem Status als Rückkehrer, von dem keiner wusste, was er noch drauf hat nach sechs Monaten Wettkampfpause. Berdych habe gegen ihn sogar Angst gehabt, sagte dessen Coach Goran Ivanisevic, und auch Nishikori schaffte es nicht, seinen grossen Respekt zu verbergen.

Die Situation erinnert an 2003, als er mit dem Wimbledon-Titel alle verblüffte – und in einsame Höhen entschwand.

Federer sei in Melbourne gegen Wawrinka Favorit, sagt Magnus Norman. Der Coach des Lausanners erinnert sich auch noch gut an den Halbfinal von New York, der bei schnellen Bedingungen und in der Abendsession stattfand – genau wie nun in Melbourne. Der Schwede teilt auch die Einschätzung, dass Federer bereits wieder so stark ist wie vor seinem Seuchenjahr 2016, während Wawrinka läuferisch durch Knieprobleme auch etwas eingeschränkt sein könnte.

Wer gegen Federer setzt, hat vielleicht auch schon vergessen, dass er noch 2015 in Wimbledon und am US Open im Endspiel stand. Er verlor jeweils gegen Novak Djokovic – und der ist nun längst ausgeschieden, während er nicht nur fitter und hungriger ist als damals, sondern auch die Erwartungen längst übertroffen hat. Diese Situation befreit und beflügelt ihn. Sie erinnert an 2003, als er mit dem ersten Wimbledon-Titel alle verblüffte – und in einsame Höhen entschwand.

Erstellt: 25.01.2017, 00:03 Uhr

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