Weshalb Federer ein Heimspiel hat

Im Traumfinal des Masters stehen sich heute Roger Federer und Novak Djokovic gegenüber. Der Schweizer gilt als leichter Favorit und könnte in London den Hattrick schaffen.

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London und Roger Federer, das ist eine Beziehung, wie sie sich Frau und Mann nur wünschen können: harmonisch und fast immer mit Erfolg verknüpft. Die Stadt an der Themse scheint im Jahr 2012 das Schweizer Tennis-Ass besonders zu motivieren. Nach dem Triumph in Wimbledon und dem Gewinn der olympischen Silbermedaille im Einzel an gleicher Stätte folgt für Roger Federer heute Abend der grosse Masters-Final gegen Novak Djokovic in der O2-Arena. Und gerade zur rechten Zeit und in der Endphase des Turniers zaubert «King Roger», wie er im Vereinigten Königreich oft genannt wird, wieder die besten Schläge aus seinem breiten Repertoire hervor. Das hat auch der unterlegene Lokalmatador Andy Murray im Halbfinal deutlich zu spüren bekommen.

Der Belag und das Publikum als Faktoren

Im Duell auf der Tour führt der Baselbieter gegen Djokovic mit 16:12 Siegen. Sollte Federer das prestigeträchtige Duell gegen den Serben gewinnen, so wäre das sein dritter Triumph in Serie in dieser grossen Londoner Halle und sein siebter Sieg in der Geschichte dieses Wettbewerbs. Allein diese Statistik beweist, wie hervorragend die Finalbilanz des Schweizers beim Masters, das als fünftes Grand-Slam-Turnier gilt, ist. Bei einem Triumph würde Federer überdies mit 77 ATP-Titeln mit dem legendären John McEnroe gleichziehen. Nur Ivan Lendl (94) und Jimmy Connors (109) haben noch mehr Turniersiege in der Open-Ära (seit 1968) erzielt.

Federer wird für die heutige Affiche von vielen Experten als leichter Favorit bezeichnet. Einerseits, weil das 29. Duell der beiden besten Spieler des Jahres in der Halle ausgetragen wird, auf einem Belag, auf dem sich der Schweizer naturgemäss sehr gut zurechtfindet. Andererseits, weil die Sympathien der Fans auf der Seite des Schweizers liegen dürften. Sogar der Brite Murray musste am späten Sonntagabend hören, wie sehr Federer von Londons Bevölkerung geschätzt wird und wie stattlich die Fangemeinde des Schweizers ist. «Die Sympathiekundgebungen zugunsten von Federer waren unglaublich, obwohl Murray ja einen Grand-Slam-Titel und den Olympiasieg in diesem Jahr errungen hat. Der Schotte konnte einem leidtun», erklärt René Stauffer, Tennis-Experte des «Tages-Anzeigers», gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Was zudem ins Gewicht fallen könnte: Federer entschied die letzten beiden Duelle in Wimbledon (Halbfinal) und Cincinnati (Final) gegen seinen Finalgegner für sich. Der Baselbieter weiss, dass er den Serben bezwingen kann, auch wenn dieser in grosser Form aufspielt und an diesem Final noch kein Spiel verloren hat.

Wer hat die grösseren Energiereserven?

Federer ging im Vorfeld des mit Spannung erwarteten Duells nicht auf Spekulationen über den Ausgang der Partie ein. «Ich freue mich einfach auf dieses Endspiel. Ich spiele gerne gegen Novak.» Dass die Kraft am Ende einer langen und harten Saison eine Rolle spielen wird, ist dem 31-Jährigen bewusst. «Wir werden beide unsere letzte Energie für den Sieg mobilisieren müssen. Aber das Turnier ist offensichtlich noch nicht vorbei.»

Federer zeigte sich nach dem Halbfinalsieg mit seinem Offensivspiel zufrieden. «Das gibt mir Vertrauen für den Match vom Montag.» Er vergass nicht, den Finalgegner zu würdigen. «Novak hat ein grosses Jahr hinter sich, er hat bisher ein grosses Turnier gespielt. Seine Beinarbeit ist exzellent. Gegen ihn zu spielen, ist immer speziell, besonders hier an den ATP-Finals.»

Die Einschätzung Djokovics

Der Kampf um die Nummer 1 steht heute nicht im Mittelpunkt. Unabhängig vom Resultat wird Djokovic zum zweiten Mal in Folge das Jahr als Klassenprimus beenden. «Es geht mir nicht um die Nummer 1. Man muss akzeptieren, dass ihm diese Position schon gehört. Hier geht es lediglich um den Titel, um die Weltmeisterschaft», erklärte Federer. Wobei zu erwähnen ist, dass die Bezeichnung «lediglich» wohl leicht untertrieben ist.

Auch Djokovic will sich nicht unter Druck setzen lassen. «Dieses Turnier ist für mich jetzt schon das perfekte Ende der Saison», sagte der 25-Jährige nach dem Halbfinalsieg gegen Juan Martin Del Potro (4:6, 6:3, 6:2). Es war einmal mehr beeindruckend, wie der Serbe nach einem Rückstand zurück ins Spiel fand, wie sehr er sich wieder zurückkämpfte. «Ich glaube immer an eine Wende. Am Ende trat ich gegen Del Potro fehlerlos auf. Das stimmt mich zuversichtlich für den Final», meinte die Nummer 1 der Welt. Punkto Kampfgeist, da sind sich ebenfalls viele Experten einig, hat Djokovic gegenüber Federer Vorteile. Mit 74 Siegen in dieser Saison hat die Nummer 1 überdies eine persönliche Bestleistung aufgestellt. Der laufstarke Djokovic gab auch klar zu verstehen, dass er im letzten Endspiel des Jahres noch einmal mit einer Extraportion Motivation kämpfen werde. «Einige wenige Punkte werden entscheiden, wer der Sieger wird.»

Glänzende Bilanzen

Djokovics Jahr begann mit dem Sieg an den Australian Open mustergültig. Ein Triumph in London würde die positive Bilanz der Saison wunderbar abschliessen. Federer seinerseits blickt auf sechs Turniersiege in diesem Jahr zurück. Schlägt er Djokovic, dann würde für ihn dieses Jahr mit dem Titel in Wimbledon, der ersehnten Olympia-Medaille im Einzel und der zwischenzeitlichen Rückeroberung der Nummer 1 endgültig unvergesslich bleiben.

Dass es heute Abend in London auch um 500 ATP-Punkte und einen Check von 830'000 Dollar für den Masters-Sieger geht, verkommt angesichts der erfolgreichen Statistik der Finalisten zur Nebensache – zumindest auf den ersten Blick.

Erstellt: 12.11.2012, 16:04 Uhr

Live dabei

Das Endspiel des ATP-Finales in London zwischen Roger Federer und Novak Djokovic wird von Tagesanzeiger.ch/Newsnet ab 21 Uhr live kommentiert.

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