Zurück im Rudel

Novak Djokovic ist vom Überflieger zum Verfolger geworden. Wie hungrig er tatsächlich noch ist, weiss keiner.

Das Selbstvertrauen hat stark gelitten: Seit dem Sieg am French Open 2016 gelingt Djokovic nur noch wenig. Foto: Cameron Spencer (Getty Images)

Das Selbstvertrauen hat stark gelitten: Seit dem Sieg am French Open 2016 gelingt Djokovic nur noch wenig. Foto: Cameron Spencer (Getty Images)

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Er wirkt ungewohnt bleich, als er am späten Donnerstag in Indian Wells im Interviewraum erscheint. Dort erwartet ihn nur eine Handvoll Reporter – anders als tags zuvor bei Roger Federer und Andy Murray, als der Raum gerammelt voll war. Kein Zweifel, Novak Djokovic ist in die zweite Reihe zurückgetreten, nachdem er vor einem Jahr noch als Welteroberer und Überflieger in eigenen Sphären schwebte. Nachdem er in Paris sein viertes Grand-Slam-Turnier in Folge gewonnen hatte, begannen bereits viele zu spekulieren, wann er wohl Roger ­Federers Major-Rekord brechen würde.

Davon spricht keiner mehr. 12:17 lag der Serbe an Grand-Slam-Titeln nach dem French Open nur noch zurück, doch seither ging er an diesen Turnieren leer aus. Und nach Federers Coup in Melbourne steht es nun nicht, wie von einigen berechnet, 13:17, 14:17 oder gar 15:17 – sondern 12:18. Damit ist dieses Thema, zumindest vorerst, erledigt. In Wimbledon war Djokovic Sam Querrey unterlegen, am US Open Stan Wawrinka, in Melbourne Denis ­Istomin. Auch sonst gelang ihm wenig, gewann er seit Roland Garros nur noch Turniere in ­Toronto und Doha, verlor er an Olympia gegen Juan Martin Del Potro, wurde er von Andy Murray von Rang 1 verdrängt und vom Schotten auch im ­Final der World Tour Finals besiegt.

Die neue Demut

Unter dieser Negativserie hat auch ­Djokovics Aura gelitten. Sein einst stechender Blick ist fragender geworden, seine Aussagen weniger autoritär und absolut, teilweise schon demütig. Zum Beispiel, wenn er sagt: «Ich hätte nach Paris eine längere Pause machen sollen, um mich in allen Aspekten zu erholen. Aber ich spielte weiter. Es war eine Lektion, die ich lernen musste. Diese vier, fünf ­Monate 2016 waren wichtig für mich, als Mensch und als Spieler.»

Vor einem Jahr hatte er in Indian Wells die Analogie benutzt, dass der Wolf, der zuoberst auf dem Berg steht, weniger hungrig sei als seine Artgenossen, die den Berg hinaufhetzen. ­Daran erinnert, lächelte er. «Nun bin ich wieder einer der Wölfe, die hochjagen und hungrig sind. Und ich bin nicht der ­Einzige. Es gibt so viele.» Dass er die Motivation verloren hatte und sich neu orientieren musste, nachdem er mit seinem ersten French-Open-Titel auf dem Gipfel seiner Karriere stand, darüber spricht er bemerkenswert offen.

«Vier Major-Titel in Serie zu ge­winnen, das war ein Lebenswerk, der grösste Erfolg meiner Karriere. Zwei konstant gute Jahre mit dem French Open zu ­krönen, war wunderbar. Aber ich hatte auch alles gegeben, es kostete mich viele Emotionen und Energien. Ich brauchte Zeit, die Lage zu überdenken und mich wieder neu zu motivieren, um wieder in die Gänge zu kommen.»

Dieser Prozess, glaubt er, ist inzwischen abgeschlossen. «Ich bin in einer viel besseren Lage als in der zweiten Jahreshälfte 2016. Nach dem US Open hatte ich Monate, in denen ich nicht ich selber war auf dem Court. Inzwischen bin ich überzeugt, dass ich in die richtige Richtung steure.»

Die Motivation, sagt der bald 30-jährige Serbe, sei zurück: «Wenn ich nicht hungrig wäre, wäre ich nicht hier und würde auch dieses Turnier nicht spielen. Ich habe so viel erreicht, ich könnte jederzeit aufhören. Aber das Feuer brennt wieder, der Drive ist da. Und ­solange das so ist, spiele ich weiter.»

Hängt ihn Murray ab?

Einfach wird sein Weg zurück nicht, ­zumindest in den nächsten Monaten. Denn seine Stärke kommt vor allem dann zum Tragen, wenn alle Aspekte ­optimiert sind; es ist das Gesamtpaket, das Djokovic die grossen Erfolge brachte, und ein wichtiger Teil davon ist das Selbstvertrauen. Das hat zweifellos gelitten. Das Finetuning, wie er selber es nennt, ist deshalb für ihn heikler als für andere. «Man braucht die volle Hingabe, um sein Niveau zu halten», sagt er. ­«Talent allein reicht nicht.»

Seine Worte zum Thema Motivation tönen wie eine Kampfansage. Aber was soll er auch anderes sagen? Er muss den Worten jetzt Taten folgen lassen, und das gelang ihm dieses Jahr nur ganz am Anfang, als er es in Doha mit einem ­Finalsieg über Murray spektakulär er­öffnete. Seine Jahresbilanz steht inzwischen aber erst bei 9:2 – zum gleichen Zeitpunkt hatte sie vor einem Jahr 16:1 gelautet. Und nun wurde er in Indian Wells auch noch einem der stärksten ­Tableauviertel zugeteilt, die es je gab. Um nur schon die Halbfinals zu erreichen, muss der fünffache Indian-Wells-Sieger (darunter 2014/15/16) unter anderen Del Potro, Kyrgios (kürzlich sein Bezwinger in Acapulco), Zverev sowie Federer und Nadal hinter sich lassen. Diese Ballung starker Spieler sei schon erstaunlich, kommentierte er, «aber es ist, wie es ist». Del Potro, Federer und Nadal seien im Ranking eben noch nicht dort klassiert, wo sie hingehörten.

Die Nummer 1 ist für Djokovic vorerst kein Thema mehr. In den neun Monaten seit dem French Open hat sich sein Vorsprung von über 8000 Punkten gegenüber Murray im ATP-Ranking in einen Rückstand von über 2000 verwandelt, in Indian Wells könnte er sich sogar noch etwa verdoppeln. Und danach muss der Serbe in Miami, Madrid und Paris drei weitere grosse Titel und damit 4000 Punkte verteidigen. Er muss also vorerst darauf achten, dass er in seinem Rudel nicht noch von anderen Wölfen verdrängt wird. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.03.2017, 23:22 Uhr

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ATP Weltrangliste

RNameP
1.SCOAndy Murray7750
2.ESPRafael Nadal7465
3.SUIRoger Federer6545
4.SRBNovak Djokovic6325
5.SUIStan Wawrinka6140
6.CROMarin Cilic5075
7.AUTDominic Thiem4030
8.JPNKei Nishikori3740
9.CANMilos Raonic3310
10.BULGrigor Dimitrov3160
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Stand: 24.07.2017 07:39

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