Angeklagt, beschimpft, ausgebuht

Das 29. Duell der Williams-Schwestern weckt in Indian Wells Erinnerungen an einen rassistischen Eklat.

Schon 2001 sollten Venus Williams (rechts) und ihre jüngere Schwester Serena in Indian Wells aufeinandertreffen. Doch Venus gab Forfait. Archivfoto: Jed Jacobsen (Getty Images)

Schon 2001 sollten Venus Williams (rechts) und ihre jüngere Schwester Serena in Indian Wells aufeinandertreffen. Doch Venus gab Forfait. Archivfoto: Jed Jacobsen (Getty Images)

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Wenn Serena Williams in Indian Wells ins Stadion läuft, wird sie vom Speaker theatralisch mit «Welcome home, ­Serena» empfangen. Während der gleiche Gruss für Roger Federer in Basel ­gerechtfertigt ist, wirkt er in der kalifornischen Feriendestination der Reichen und Schönen deplatziert. Zumal jeder Tennisfan weiss, dass die in Florida lebende weltbeste Spielerin einst in einem Armenviertel von Los Angeles gross wurde.

Angesichts ihrer bevorstehenden Drittrundenpartie gegen Schwester ­Venus kommt auch noch eine andere ­Geschichte wieder ans Licht – eine, die zu den härtesten und folgenreichsten in den Karrieren der erfolgreichen Schwestern wurde. Dabei war 2001 in Indian Wells Folgendes geschehen: Serena, ­damals noch ein Teenager, und Venus hätten sich im Halbfinal duellieren sollen. Am Tag vor der Partie bemerkte die Russin Jelena Dementiewa, es sei ja ­ohnehin der Vater der beiden, Richard, der entscheide, wer die Partie gewinnen dürfe. Diese Einschätzung war damals weit verbreitet.

Der rassistische Unterton der Reaktionen sei schmerzhaft, verwirrend und unfair gewesen.

Als dann Venus vier Minuten vor dem Halbfinal wegen einer Verletzung Forfait erklärte, kam es unter den Zuschauern zu einem Buhkonzert. Zu den Vorwürfen einer Absprache befragt, stellte sich Venus aber auch nicht konsequent genug dagegen: «Jeder hat seine eigene Meinung», sagte sie.

Was Serena zwei Tage später während des Finals gegen Kim Clijsters erlebte, beschrieb sie in einer Kolumne für das Magazin «Time» eindrücklich. Als sie auf den Platz kam, habe das Publikum sie sogleich ausgebuht und ausgepfiffen. Die falschen Anschuldigungen, dass ihre Partien abgesprochen seien, hätten sie verletzt und tiefe Wunden hinterlassen, «denn Integrität bedeutete mir und ­Venus während der gesamten Karriere immer alles». Der rassistische Unterton der Reaktionen sei schmerzhaft, verwirrend und unfair gewesen. «Ich fühlte mich an einem meiner Lieblingsturniere plötzlich unwillkommen, allein und ­bekam Angst.» Sie habe trotz ihres Sieges danach stundenlang geweint.

«Amerika wurde blamiert»

Richard Williams erklärte «USA Today» später, die Buhrufe seien rassistisch ­motiviert gewesen. Als er auf die Tribüne gekommen sei, habe er sich Schlimmes anhören müssen. «Ich konnte meine Tränen kaum zurückhalten. Indian Wells hat Amerika blamiert.»

Seine Töchter boykottierten das zweitgrösste Turnier des Landes fortan jahrelang. Die inzwischen 36-jährige Serena liess die nächsten 13 Austragungen aus, ehe sie 2015 zurückkehrte, aber im Halbfinal nun ihrerseits Forfait erklären musste. Ein Jahr später unterlag sie im Endspiel Victoria Asarenka, die inzwischen wie sie Mutter und weit zurückgefallen ist. Die ein Jahr ältere Venus kehrte erst 2016 ans Turnier zurück, das sie bisher noch nicht gewinnen konnte.

Venus ist zwar immer noch die Nummer 8 der Welt, aber immer mehr in den Schatten ihrer Schwester gerückt, die ­inzwischen 23 Grand-Slam-Titel und ­damit 16 mehr als sie aufweist. Auf der Profitour hat Venus 17 ihrer 28 Duelle verloren, darunter acht der letzten neun. ­Angesichts der fehlenden Matchpraxis Serenas, die von einer 14-monatigen Pause zurückkehrt, darf sie sich Chancen ausrechnen, diese Bilanz zu verbessern.

«Ich hätte mir gewünscht, gegen ­jemand anderes zu spielen, egal gegen wen», sagte Serena, die mit der Holländerin Kiki Bertrens schon wieder eine Top-30-Spielerin schlug. «Aber es ist okay, ich gehe einfach raus und gebe mein Bestes.» Erstmals hätten sie gegeneinander gespielt, als sie etwa acht und neun waren, erinnerte sie sich. Sie habe verloren, aber weil sie so enttäuscht war, habe ihr Venus die Trophäe gegeben. «Das war nett. Denn Niederlagen schmerzten mich schon immer sehr.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.03.2018, 22:56 Uhr

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