Auf der Achterbahn des Lebens

Martina Hingis hätte sich nicht erträumen lassen, als gefeierte Nummer 1 im Doppel auf die Center Courts dieser Welt zurückzukehren.

Die geborene Teamspielerin: Martina Hingis (links) feiert mit Timea Bacsinszky den Ausgleich im Fed-Cup.

Die geborene Teamspielerin: Martina Hingis (links) feiert mit Timea Bacsinszky den Ausgleich im Fed-Cup. Bild: Keystone

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Martina Hingis erinnert sich gut an ihren letzten offiziellen Match in der Schweiz. 2006 war es, im Viertelfinal des Zurich Open, des grossen WTA-Turniers im Hallenstadion. Sie verlor 1:6, 6:1, 3:6 gegen Swetlana Kusnezowa, eine zähe Russin, die auch heute noch im Tenniszirkus mithält, eben in Miami Serena Williams schlug und im Final stand. «Damals in Zürich spielte sie wahnsinnig gut, und auch jetzt immer noch. Es ist unglaublich», sagt Hingis in der Messehalle von Luzern und lacht. «Aber immerhin schlug ich sie auch zweimal.»

Hinter ihr liegen zehn verrückte Jahre – eine filmreife Achterbahnbahnfahrt durchs Leben, während der ihr kaum etwas erspart blieb, weder im Privatleben noch auf dem Court. Geprägt wurde sie von einer zweijährigen Dopingsperre, wegen einer minimen Konzentration von Kokain im Blut. Sie wurde zur Persona non grata, zum Objekt von Spott und Hohn. In Wimbledon oder Paris durfte sie 2008 und 2009 nicht aufs Gelände. Vieles hätte sie sich in dieser Zeit wohl für ihre Zukunft vorstellen können – aber nicht, dass sie nochmals als gefeierte Nummer 1 im Doppel auf die Center Courts der Welt zurückkehren würde, dass sie das Tennis noch einmal prägen, Grand-Slam-Titel, Trophäen und sechsstellige Checks sammeln würde.

Abruptes Ende im Fed-Cup

Heute dürfte es auch in der Schweiz so weit sein: Die 35-Jährige wird beim Fed-Cup-Halbfinal gegen Tschechien in der Messe­halle die fünfte und abschliessende Partie spielen. Ob diese noch entscheidenden Charakter haben wird, muss sich zeigen: Nach ­einem verrückten Samstag steht es 1:1, sollte ein Team heute beide Einzel gewinnen, stünde der ­Finalteilnehmer schon fest, und das Doppel wäre nur noch Zugabe.

Im Fed-Cup liegt Hingis' letzter Auftritt in der Schweiz sogar 18 Jahre zurück. Es war im bisher einzigen Final eines helvetischen Teams, 1998 in Genf gegen Spanien. Sie gewann damals ihre Einzel gegen Arantxa Sanchez und Conchita Martinez. Doch Patty Schnyder, die in Luzern erstmals am Mikrofon für SRF kommentiert, war nicht ganz auf der Höhe, verlor zwei Einzel und mit Hingis dann auch das entscheidende Doppel 0:6, 2:6, womit das Tennisfest in Genf abrupt endete.

«Damals dachte ich, dass meine Fed-Cup-Karriere weitergehen würde, aber dazu kam es nicht», blickt Hingis zurück. Dass sie nun wieder dabei ist, hat auch mit den Olympischen Spielen in Rio zu tun: Um dort mitspielen zu dürfen, sind Fed-Cup-Einsätze zwingend. Was für sie zuerst nur eine Pflicht zu sein schien, entwickelte sich für die frühere Nummer 1 bald zur Herzensangelegenheit. Schon beim Aufstieg in Polen 2015 war Hingis eine zentrale ­Figur und spielte in der Not sogar zwei Einzel (die sie verlor), beim Viertelfinal in Leipzig führte sie Belinda Bencic im Februar zum Sieg im entscheidenden Doppel.

Hingis bringt den Kick

Ihr Einfluss im Team kann kaum hoch genug eingeschätzt werden, zumal sie sich voll einbringt – ­getreu ihrem Motto: «Wenn man etwas macht, soll man es auch gut machen.» Das bestätigte auch ­Viktorija Golubic nach ihrem Überraschungssieg gegen Karolina Pliskova. Hingis habe nach ihrem Sieg Tränen in den Augen gehabt, erzählte sie: «Das ist schön und zeigt, dass sie nach all diesen Jahren immer noch mit Herzblut dabei ist. Sie bringt extrem viel, nicht nur wegen ihrer Klasse als Spielerin, sondern auch dank ihrer Erfahrung. Ich hatte mir ihr schon viele gute Gespräche.» Hingis ­bringe ­allen einen «Kick».

Die Gewinnerin von 54 Doppeltiteln war schon immer eine ausgeprägte Teamspielerin und bewährte sich auch in den amerikanischen und indischen Städteligen. Sie geniesst die Fed-Cup-Einsätze, selbst wenn ihr Auftritt bedeutungslos sein sollte. «Es war eine lässige Woche», sagt sie in ­Luzern schon am Freitag, «wir ­haben gut trainiert, hatten es lustig, hatten am Donnerstag auch noch das ­offizielle Dinner...» Sie schätzt es auch, wieder einmal in der Schweiz zu spielen: «Man fühlt sich zu ­Hause, kann mit allen sprechen, kennt sich aus.»

Hingis ist keine, die sich im ­Erfolg suhlt oder das Gefühl auskostet, es noch einmal allen gezeigt zu haben. Die Rückkehr in die Schlagzeilen und ins Rampenlicht, die wieder positive Wertschätzung, die sie weltweit erfährt, bezeichnet sie schlicht als schön. Dass sie nochmals so gut spielen würde, hatte sie nicht erwartet: «Was mit mir seit zwei Jahren passiert, ist ­alles ein Bonus, auch der Fed-Cup und Olympia.» Das habe sich einfach so entwickelt, «aber super ist es schon», bemerkt sie.

Die Kritik an Bencic

Eine geborene Team- und Wettkampfspielerin, tut sie in Luzern alles, um ihre Mitspielerinnen zum Erfolg zu treiben, spürt auch sie «ein Kribbeln im Bauch». Noch am Samstagabend trainierte sie lange an ihren Volleys in der leeren Halle. Natürlich bedauert sie es, dass mit Belinda Bencic die Weltnummer 10 wegen einer Rückenverletzung ausfällt. Auf die Situation der 19-jährigen Gipfelstürmerin angesprochen, die nur noch eine ihrer sechs letzten Partien gewann, schlägt sie aber kritische Töne an – auch wenn Bencic auch von ihrer Mutter gecoacht wird.

«Irgendwann sagt der Körper: Okay, jetzt musst du zuerst mich auf Volltouren bringen, bevor das Tennis wieder im Vordergrund steht», so Hingis. Bencics Baisse sei die Folge davon, dass sie das Training vernachlässigt habe in den vergangenen Monaten. «Sie muss lernen, dass es nicht reicht, gut und schlau zu spielen. Der ­Körper gehört auch dazu.» Anstatt stets Turniere zu spielen oder zu pausieren, hätte sie ihre Basis mit Trainings erneuern müssen. ­«Damit sie wieder etwas hat, woraus sie schöpfen kann. Viel braucht es dazu nicht, wenn man auf diesem Niveau angelangt ist.»

Dabei bekennt die Ostschweizerin, dass sie sich mit ­Sania Mirza im Doppel in einer ähnlichen Lage befindet. «Wir ­haben nun zweimal unnötig und früh verloren, und da sagte ich: Jetzt müssen wir reagieren und wieder etwas investieren.» Sie und die Inderin gerieten abrupt in eine Baisse. Nachdem sie zwischen ­August und ­Februar 41 Partien und 9 Turniere in Folge gewonnen hatten, riss die Serie in Doha – ­worauf sie in Indian Wells und Miami nur noch je eine Runde überstanden.

Mit Mirza noch nicht am Ende

Als sie darauf das Turnier in Charleston ausliessen, flammten schon Gerüchte auf, die von einer möglichen Auflösung der Partnerschaft sprachen. Angeheizt wurden diese durch verklausulierte Tweets der Inderin, die schwer zu interpretieren waren. Mit einem lang gezogenen «Nein» dementiert Hingis Trennungsspekulationen. «Sania ist oft poetisch, macht philosophische Sprüche. Aber zumindest ich wüsste nichts davon.» Klar sei aber, dass auch sie wieder «an die Säcke» müssten. «Wir ­haben viel gespielt, da kommt einmal ein Knicks.» Sie hätten früher pausieren sollen, «aber du hast einfach keine Zeit». Weiter geht es nächste Woche in Stuttgart, danach folgen Madrid, Rom und Paris. «Wir müssen uns wieder finden. Zwar ist Sand für uns nicht der beste Belag, aber ich freue mich auf diese Herausforderung.»

Mit wem sie in Rio Doppel spielen wird – Bencic oder Bacsinszky –, hat sie noch immer nicht entschieden. Klar ist nur, dass sie mit Roger Federer das Mixed bestreiten wird. Mit Timea Bacsinszky hat sie noch nie gespielt, heute könnte es zur Premiere kommen. «Ich lasse mich nicht stressen von den zwei Ladies», sagt Hingis.

Für wie lange ihre dritte Tenniskarriere noch anhält, weiss auch sie nicht. Ende September wird sie 36. Sie lässt sich treiben, und im Moment steht ganz das Tennis im Vordergrund – solange es so gut läuft . . . Für das kommende Jahr hat sie bereits ein zusätzliches Ziel: Beim neuen WTA-Turnier in Biel wird sie im April als Botschafterin auftreten, sie will dort aber auch Doppel spielen. Wie lange sie noch ­dabei ist, lässt sie offen. «Morgen, übermorgen, ein Jahr, zwei ­Jahre... Ich nehme, was kommt.»

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Erstellt: 17.04.2016, 08:55 Uhr

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