Auf der Tennis-Einkaufsmeile am US Open

Nur die Hälfte der Zeit schauen die Zuschauer Matchs – sonst shoppen, essen und trinken sie. Dabei werden sie klug bewirtschaftet.

Im «Billie Jean King National Tennis Center» in Flushing Meadows wird der Kommerz zelebriert wie an keinem anderen Grand-Slam-Turnier: Roger Federer ist Teil davon. Bild: David Lobel

Im «Billie Jean King National Tennis Center» in Flushing Meadows wird der Kommerz zelebriert wie an keinem anderen Grand-Slam-Turnier: Roger Federer ist Teil davon. Bild: David Lobel

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Roger Federer ist immer noch präsent in Flushing Meadows. Vier Tage nach seinem ernüchternden Aus stehen die Tennisfans Schlange, um sich mit ihm fotografieren zu lassen. Oder besser: mit dem überlebensgrossen Bild von ihm. Der Zufall will es, dass die deutsche Automarke mit dem Stern, die das US Open sponsert, auch Partner von ihm ist. Und so sind die edlen Fahrzeuge im Herzen der Anlage ausgestellt. Jeder darf hineinsitzen und sich abbilden lassen. Am beliebtesten ist das Cabriolet.

Früher war hier der Nike-Store, wo Tennisfans limitierte RF-Utensilien kaufen konnten. Doch inzwischen hat Federer zu Uniqlo gewechselt und ist der US-Sportartikelgigant aus Queens abgewandert. Dafür bietet Adidas eine grössere Ladenfläche. Und Wilson, auch die Racketmarke Federers, hat sich gleich auf zwei Stockwerken breitgemacht. «Wo ist der Polo-Store?», fragt ein älterer Herr den Schweizer Reporter, den er anhand seines Badges als Angestellten des Turniers wähnt.

Die Renovation der Anlage kurbelte das Geschäft noch an

Das «Billie Jean King National Tennis Center» wird während des US Open zur Shoppingmeile. Gibt es in Wimbledon nur die offiziellen Läden, in denen die eigenen Merchandising-Artikel vertrieben werden, dürfen sich die Sponsoren hier in Szene setzen. Eine Studie ergab, dass die über 700 000 Zuschauer, die das Turnier besuchen, im Schnitt zwischen acht und neun Stunden auf der Anlage bleiben, aber nur die Hälfte der Zeit Tennis schauen. Den Rest verbringen sie mit Shoppen, Essen und Trinken. Also muss man ihnen die Möglichkeit bieten, ihr Geld loszuwerden.

Leute überall am US Open. Bild: David Lobel

An keinem Grand-Slam-Turnier wird der Kommerz so hemmungslos zelebriert wie hier. Die Renovation der Anlage für 600 Millionen Dollar hat das Geschäft weiter angekurbelt. Die Kapazität wurde erhöht, pro Tag finden bis 70 000 Zuschauer Einlass, 10 000 mehr als bisher. Die Flächen für Läden, Verpflegungsstände und Restaurants wurden verdoppelt. 2018 wurden die Umbauten abgeschlossen, das Louis Armstrong Stadium mit dem schliessbaren Dach ist ein Schmuckstück geworden.

Das US Open wetteifert vor allem mit dem Australian Open, das punkto Infrastruktur lange voraus war. 2019 stellten die Australier einen Rekord auf mit 796 435 Zuschauern. Dieser wird für die Amerikaner vorerst schwer zu brechen sein. 2018 waren 732 663 nach Queens gekommen. Immerhin: In diesem Jahr soll es wieder eine Bestmarke geben. Daran änderte auch Federers Aus nichts, die Tickets waren vorher schon verkauft.

Gemäss den Spielern sind 57 Millionen Preisgeld etwas mickrig

Im Preisgeld hat das US Open von den vier Grand Slams die Nase vorne. 2019 werden 57 Millionen Dollar ausgeschüttet, am French Open waren es 48, am Australian Open 44 und in Wimbledon 42,6 Millionen. Die Spieler hätten gern noch etwas mehr und argumentieren, 15 Prozent des Umsatzes oder weniger für die Hauptakteure sei etwas mickrig. Womit sie im Vergleich mit anderen Sportarten recht haben: In den US-Profiligen tendiert die Umsatzbeteiligung gegen 50 Prozent.

Wie viel es bei den Grand Slams tatsächlich ist, darüber kann nur spekuliert werden. Denn diese geben keine Umsatzzahlen bekannt. Vor dem US Open wurde nun eine peinliche Geschichte publik: Gemäss der «New York Times» klagt der Rechnungsprüfer der Stadt New York die Organisatoren an, in den letzten vier Jahren 31 Millionen Dollar an Einnahmen aus TV-Rechten und Sponsoring nicht deklariert zu haben. Was auch bedeutet, dass sie der Stadt noch über 300'000 Dollar mehr Miete zahlen müssten für die Anlage.

Kleider kaufen am Tennisturnier gehört in New York dazu. Bild: David Lobel

Das Wirtschaftsmagazin «Forbes» schätzt, dass das US Open in diesem Jahr rund 365 Millionen Dollar Umsatz macht, davon über 30 Millionen mit Merchandising und Verpflegung. Je rund ein Drittel der Einnahmen wird durch Ticketverkauf und durch die TV-Rechte generiert, der Rest durch Sponsoring. Seit 2015 ist ESPN der wichtigste TV-Partner, mit einem Elfjahresvertrag. Ein wichtiges ­Argument für das Unternehmen war, dass inzwischen die grössten zwei Stadien überdacht sind. So konnte etwa am Freitag, als es fast den ganzen Tag regnete, durchwegs Tennis gezeigt werden.

Gemäss «Forbes» dürfte das US Open bald die Marke von 400 Millionen Dollar Umsatz übertreffen. Es soll immer grösser und lukrativer werden. Dabei stellt sich nur die bange Frage: Was, wenn in abseh­barer Zeit die drei grossen Zugpferde – Roger Federer, Serena Williams und Rafael Nadal – zurücktreten werden? Die Show wird trotzdem weitergehen.



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Erstellt: 07.09.2019, 22:55 Uhr

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