«Auf keinen Fall würde ich mit Federer tauschen»

London ist für Stan Wawrinka das Finale einer Saison, in der er definitiv in den Kreis der Grossen aufgestiegen ist.

Das aussergewöhnliche Jahr 2015 hat Wawrinka mental gestärkt. Hier schreitet er zu seinem Halbfinal gegen Djokovic in Paris-Bercy. Foto: Charles Platiau (Reuters)

Das aussergewöhnliche Jahr 2015 hat Wawrinka mental gestärkt. Hier schreitet er zu seinem Halbfinal gegen Djokovic in Paris-Bercy. Foto: Charles Platiau (Reuters)

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Sie haben sich zum 3. Mal in Folge für die World Tour Finals ­qualifiziert. Was bedeutet Ihnen das?
London ist für mich das Turnier schlechthin. Es war mein grosses Ziel, mich erneut zu qualifizieren. Dass es mir gelungen ist, ist traumhaft, eine Entschädigung für alles. Ich bin noch immer so aufgeregt wie beim ersten Mal.

Für einige sind Sie sogar der Favorit Ihrer Vierergruppe.
(lacht) In einer solchen Gruppe Favorit zu sein, ist gar nicht möglich. Aber die Gruppe ist interessant. Gegen Murray habe ich schon fast zwei Jahre nicht mehr gespielt, auch gegen Ferrer schon lange nicht mehr. Gegen Nadal gelang mir in Paris ein sehr grosser Match. Ich denke, es wird sicher spannend.

War 2015 mit vier Titeln, darunter dem French Open, aus Ihrer Sicht noch ­besser als 2014?
Ich weiss nicht, ob es besser war, aber ­sicher ähnlich gut. 2014 war vieles neu, auch der Erfolg im Davis-Cup, der mir viel brachte. Nun profitierte ich von der Erfahrung. Aber wieder hier zu sein, als Nummer 4, ist unglaublich für mich.

2014 gewannen Sie Melbourne, nun Paris. Ist es ein grosser Unterschied, zwei Grand-Slam-Titel gewonnen zu haben anstatt nur einen?
Ja, der ist enorm. Mit jedem weiteren ­Titel kletterst du in eine höhere Kate­gorie in der Tennisgeschichte. Und auch ich schaue meine Karriere anders an.

«Ich versuche, alles zu tun, dass mein Leben und meine Karriere in die richtige Richtung gehen.»

Roger Federer ist zwar vor Ihnen klassiert, hat aber heuer keinen Grand-Slam-Titel gewonnen. Würden Sie Ihr Jahr gegen seines tauschen?
Auf keinen Fall würde ich mit ihm tauschen. Meine Saison war aussergewöhnlich, und einen Majortitel zu holen, steht über allem, auch über der Weltrangliste.

Sie sagen weiterhin, Grand-Slam-Titel seien ein zu hohes Ziel für Sie. Inzwischen glaubt Ihnen das aber keiner mehr.
So funktioniere ich eben, um mich an meine Grenzen zu treiben. Ich weiss, dass ich dazu fähig bin und dass ich auch die Nummer 1 schlagen kann. Aber ich weiss auch, wie hart es ist, diese ­Titel zu holen, und dass die Zielsetzung für mich anders ausgerichtet sein muss als nur auf Titel fixiert.

Von welchem Titel träumen Sie noch?
(zögert lange) Wimbledon, am ehesten.

Ihr Privatleben wurde 2015 durch den Fall Kyrgios exponiert. Stimmt der Eindruck, dass Sie einen etwas höheren Preis für Ihre Erfolge bezahlen mussten als 2014?
Das wird man nie wissen. Weil man nicht wissen kann, ob dies ohne meine Erfolge auch geschehen wäre. Ich versuche nur, alles zu tun, dass mein Leben und meine Karriere in die richtige Richtung gehen.

War das Intermezzo für Sie sehr unangenehm?
Schon. Vor allem, weil ich nicht gern über mein Privatleben spreche. Aber das ist nun halt passiert, das lässt sich nicht mehr ändern.

Stimmt auch der Eindruck, dass Sie gegenüber den Medien – gerade jenen aus der Schweiz – zurück­haltender geworden sind?
Ja, ein wenig schon. Ich muss mich schliesslich auch schützen. Die Medien schreiben ohnehin, was sie wollen. Deshalb zog ich mich etwas zurück und ­versuche, so diskret wie möglich zu sein bezüglich meines Privatlebens.

Ohne uns zu sehr einmischen zu wollen: Ist Donna Vekic nun Ihre Freundin, wie es auch am Schweizer Fernsehen gesagt wurde?
Da ist überhaupt nichts offiziell.

Ihr Image hat sich 2015 weiter verändert: Sie sind längst nicht mehr der Schüchterne im Schatten von Roger Federer, sondern der selbstbewusste Herausforderer, der grosse Siege feiert und sagt, was er denkt. Sehen Sie das auch so?
Ja. Das hat mit meinen Erfolgen der letzten zwei Saisons zu tun. In den letzten beiden Jahren gewann Djokovic vier Grand-Slam-Titel, ich zwei, Cilic und ­Nadal einen. Es ist klar, dass sich mein Image damit geändert hat.

Aber Sie haben sich auch als Person verändert.
Gezwungenermassen, als Folge von ­allem, was passiert ist. Ich sage heute mehr, was ich denke. Und weil ich so exponiert bin, muss ich auch stärker sein.

Gefällt Ihnen Ihr neuer Status?
Ja, sicher. Denn darum habe ich immer gekämpft – nach oben zu kommen, Titel zu gewinnen. Ich kann nur zufrieden sein.

Fühlen Sie den gesteigerten Respekt der anderen Spieler?
Der Respekt war schon immer da. Aber dass ich mich ein zweites Jahr weit oben in der Rangliste behauptet habe, bringt eine gewisse Stabilität.

«Martina Hingis hat Roger und mich für Olympia in eine komplizierte Lage versetzt.»

Sie sind inzwischen 30-jährig. Was tun Sie, um die Motivation und die Inspiration zu behalten, wie es Federer seit Jahren vormacht?
Wir haben komplett andere Karrieren. Ich finde es bei ihm eindrücklicher, wie er seine Lust und Motivation behalten hat. Denn ich bin noch nicht lang ein Spitzenspieler, auf diesem Niveau ist fast alles neu für mich. Da ist es auch ein­facher, die Motivation zu finden, um das Niveau zu halten und so viel wie möglich zu erreichen.

Planen Sie für 2016 viele ­Änderungen in Ihrem Turnierplan?
Ich habe meine Gewohnheiten, werde wieder in Abu Dhabi mit einem Schauturnier beginnen, dann kommen Chennai, das Australian Open, Marseille, ­Dubai … Vielleicht spiele ich im Dezember noch in der asiatischen Städteliga.

Wissen Sie schon, ob Sie in Rio an den Olympischen Spielen alle drei Wettbewerbe bestreiten werden?
Klar ist nur das Einzel. Theoretisch wäre es denkbar, auch Doppel und Mixed zu spielen. Ein Problem wäre das nur, wenn man überall weit kommen sollte.

Martina Hingis wartet darauf, dass Sie oder Federer zusagen, mit ihr Mixed zu spielen. Wer wird es sein?
Sie kann warten. Ehrlich gesagt: Wir werden uns nicht wegen ihr beeilen. Sie hat uns in eine komplizierte Lage versetzt, indem sie erst Roger fragte, dann mich. Denn nun sind wir Konkurrenten, und wenn wir uns nicht einigen, könnte es ein Problem geben. Wir versuchen ­gegenseitig, uns zu arrangieren.

Haben Sie klare Vorstellungen, wie Sie Ihr Spiel 2016 entwickeln wollen?
Du wirst dazu gezwungen, dich zu verbessern, wenn du mithalten willst, denn Novak wird immer besser, auch Roger. Ich versuche, meiner Linie treu zu bleiben, einige Sachen hinzuzufügen, stärker zu sein in meinem aggressiven Spiel. Es gibt viele Dinge, in denen ich mich noch verbessern kann.

Fühlen Sie sich als der Mann, der 2015 verhindert hat, dass Djokovic den Grand Slam holt, mit ihrem Sieg im Final von Paris?
Ich sehe das nicht so. Denn keiner weiss, was geschehen wäre, wenn er Roland Garros gewonnen hätte. Dieser Sieg fehlt ihm ja noch, vielleicht hätte er danach nachgelassen. Aber natürlich bin ich stolz auf diesen Sieg, immerhin war er das ganze Jahr über kaum zu schlagen.

Und nun sind Sie froh, nicht in seiner Gruppe zu sein in London?
Da bin ich mir nicht sicher. Letztes Jahr war ich in seiner Gruppe und kam trotzdem weiter – und traf deshalb auch im Halbfinal nicht auf ihn. Es gibt so viele Szenarien. Was am besten gewesen wäre, wird man erst am Ende wissen.

Erstellt: 14.11.2015, 00:03 Uhr

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