Ausnahmezustand auf Wimbledons Picknick-Hügel

Beim 40. Duell zwischen Federer und Nadal sind im All England Club selbst die Plätze vor der Grossleinwand Mangelware.

In vier Sätzen zum Triumph: Highlights zwischen Federer und Nadal. (Video: AP)

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«Bewegt euch und lasst die Treppen frei. Hier ist kein Platz mehr!» Die Aufpasserinnen in ihren Uniformen haben alle Mühe, die Publikumsmassen zu kontrollieren. Was gibt es auch Besseres, als hier den Halbfinal zwischen Roger Federer und Rafael Nadal zu verfolgen, auf der Aorangi-Terrasse, einen Steinwurf vom Centre Court entfernt, mit Picknickdecken, Verpflegung, Bier und Pimm’s, dem Wimbledon-Drink.

Im Centre Court, dem heiligen Gral des Tennis, haben 14979 Privilegierte Platz genommen, zum Teil für Schwarzmarktpreise von über 7500 Franken pro Paar. Hier geht es gesitteter zu, abgesehen von einigen wenigen Schreihälsen herrscht gespannte Ruhe. Die Schlagerpartie beginnt unspektakulär, weil beide Spieler zu Beginn hervorragend aufschlagen. Das Tiebreak ist unvermeidlich, Federer gewinnt es brillant mit fünf Punkten in Folge. Die Statistik ist schnell zur Hand: 31 der 39 bisherigen Duelle gingen an jenen Spieler, der den ersten Satz gewonnen hatte.

Eine harte Viertelstunde

Die Federer-Fans vor der riesigen Leinwand brechen in Jubel aus. Doch sie verstummen rasch, als ihr Liebling zwei Breakchancen zum 2:1 auslässt – und dann eine Viertelstunde wie abwesend scheint. Das reicht Nadal, um mit 6:1 auszugleichen. Während von Norden und vom Schiedsrichterstuhl her die Schatten über den Platz ziehen, wird Federer im 3. Satz aber wieder stärker. Die Partie gewinnt an Schwung, Federer breakt zum 3:1, Nadal wirft ihm alles entgegen. Der bald 38-jährige achtfache Wimbledon-Sieger übersteht die kritische Phase und drei Breakbälle, führt 4:1.

Boris Becker registriert am BBC-Mikrofon mit Erstaunen, dass Federer in dieser Phase die meisten langen Ballwechsel gewinnt. «Das stinkt Rafa, immerhin ist er der Sandkönig», erklärt er den Millionen Zuschauern am britischen Fernsehen. Sein Kollege Tim Henman stellt die Frage, ob jemand Federers Pass kontrolliert habe. «Er rennt herum wie ein 18-Jähriger.» Um Viertel vor sieben Lokalzeit ist seine 2:1-Satzführung Tatsache.

Eingebürgert hat sich der Name Henman Hill, einige nannten ihn auch «Murray Mould», inzwischen versuchen andere, ihn auf «Rogers Rock» umzutaufen.

Während das Spielfeld nun ganz im Schatten liegt, scheinen die letzten Sonnenstrahlen in die Spielerboxen, einen Teil der Tribünen und den Hügel vor Court 1 mit der Riesenleinwand. Er heisst offiziell Aorangi-Terrasse, eingebürgert hat sich der Name Henman Hill, einige nannten ihn auch «Murray Mould», inzwischen versuchen andere, ihn auf «Rogers Rock» umzutaufen. Inzwischen ist er so überfüllt, dass die Zugänge blockiert sind. Full House. Die Federer-Fans sind in der Überzahl, doch die Rufe der Nadal-Anhänger sind lauter, werden allerdings immer verzweifelter. Ein Aufpasser in Uniform steht mit dem Rücken zur Leinwand, aber er gibt augenzwinkernd zu: «Ab und zu drehe ich mich schon um, um etwas mitzubekommen.»

Der gute Mann und seine Kollegen in gelben Westen verpassen dennoch, wie Federer auch im vierten Satz früh ein Break schafft, zum 2:1. Wie er dieses verteidigen kann. Wie er bei 5:3 als Rückschläger zu zwei Matchbällen kommt, die Nadal wegserviert. Das zehnte Game wird dann zum grossen Spektakel, ist aber nichts für schwache Nerven. Federer schlägt einen Smash weit ins Aus, ein Aufschrei erfüllt den Luftraum über Wimbledon. Der Rasenkönig muss einen Breakball abwehren, aber rettet sich.

«Er muss doch nervös sein!»

Als er auch den dritten Matchball vergeben hat, vergräbt Mirka ihr Gesicht in den Händen. Noch einmal können Nadals Fans jubeln, als dieser auch den vierten Matchball abwehrt, mit einem schönen Backhand-Winner. «Federer muss doch nervös sein!», sagt einer, doch er hofft vergebens. Der entgegen der Weltrangliste als Nummer 2 und damit vor Nadal gesetzte Schweizer erzwingt mit einer Vorhand den fünften Matchball. Und mit diesem geht das Spiel zu Ende. Nadals letzter Ball segelt über die Grundlinie, Federer streckt jubelnd die Hände in die Höhe, in der Box fallen sich sein Team, seine Frau, die Eltern und Freunde in die Arme.

Auch die Federer-Fans auf dem Hügel jubeln, Nadals Anhänger ziehen mit gesenkten Köpfen davon. «Roger, Roger», tönt es über die Anlage. Der nächste Termin steht: Sonntagnachmittag, 14 Uhr Lokalzeit (15 Uhr MEZ), gleicher Ort, anderer Gegner.

Erstellt: 13.07.2019, 10:01 Uhr

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