«Papi, du musst wirklich nicht alles erzählen!»

Belinda Bencic spricht über ihre beste Saison, ihre Beziehung zu Vater und Coach Ivan, ihr Rekord-Preisgeld und ihre Ziele fürs nächste Jahr.

Belinda Bencic blickt auf ihre Saison zurück. (Video: Fabian Sangines/Anja Stadelmann)

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Belinda Bencic ist an diesem Montag früh am Flughafen Kloten wegen der Zeitverschiebung gegenüber China (sieben Stunden) schon hellwach. Ihr Swiss-Flug aus Hongkong ist um 6.14 Uhr gelandet, um 9.50 Uhr geht es weiter, über Wien nach Bratislava zu ihrem Freund Martin Hromkovic, der wegen Prüfungen einen Tag früher aus Shenzhen vom WTA-Final zurückgereist ist. Den Kurzaufenthalt in Zürich nutzt die 22-jährige St. Gallerin, um einer kleinen Gruppe von Journalisten Auskunft zu geben, am Ende ihrer besten Saison. «Sorry, dass Ihr wegen mir so früh aufstehen musstet», sagt die Halbfinalistin des WTA-Finals und lacht.

Sie sind gerade aus Shenzhen zurückgekehrt. Wie fühlen Sie sich? Sind Sie immer noch voller Adrenalin?
Belinda Bencic: Nein. Schon in China spürte ich die Müdigkeit, als die Spannung abgefallen war. Jetzt bin ich müde vom Flug, vom Packen, vom Reisen, freue ich mich auf die Saisonpause. Ich verreise nicht an die Wärme, denn sonst müsste ich ja wieder fliegen, wieder packen, das wäre mir zu stressig. Ich freue mich, dass ich nun zwei Wochen kein Fitness machen, kein Tennis spielen muss.

Die Malediven würden Sie nicht locken?
(verdreht die Augen) Nein. Und auf den Malediven sind jetzt sowieso alle Spielerinnen. Sicher auch Kiki Bertens – und die möchte ich wirklich nicht mehr sehen. (lacht) In Moskau dachte ich, ich hätte sie abgehängt. Dann kam sie nach Shenzhen als Ersatzspielerin. Und dann sprang sie plötzlich ein, spielte sie noch um den Halbfinal gegen mich. Ich begann, von ihr zu träumen, sie verfolgte mich. Wahrscheinlich kommt sie jetzt gleich um die Ecke. (lacht)

«Mit dem Preisgeld leiste ich mir eine Villa. Einen Lamborghini. Ein Privatflugzeug. Und eine Jacht (lacht).»Belinda Bencic

Sie haben aber nicht wirklich ein Problem mit der Niederländerin?
Nein, nein, sie war nett, schrieb mir sogleich, als ich in Moskau gewonnen und mich fürs WTA-Final qualifiziert hatte. Sie gratulierte und sagte, ich hätte es verdient. Auch wenn sie gehofft hätte, ich würde verlieren.

Was haben Sie für die nächsten Wochen geplant?
Ich fliege jetzt in die Slowakei für eine Woche, zu meinem Freund. Dann komme ich für eine Woche in die Schweiz, um Familie und Freunde zu besuchen. Dann folgt die zweiwöchige konditionelle Vorbereitung, ab Dezember spiele ich auch wieder Tennis. Wo genau, müssen wir noch besprechen, aber sicher in Europa.

Sie gewannen in Shenzhen mit 995 000 Dollar Ihr grösstes Preisgeld. Was leisten Sie sich damit?
Eine Villa. Einen Lamborghini. Ein Privatflugzeug. Und eine Jacht. (lacht) Nein, nein: Ich finde, es ist ein super Schritt, dass die Frauen ein so hohes Preisgeld haben, es ist sogar noch höher als das der Männer (am ATP-Final in London). Aber ich fände es gut, wenn das Geld besser verteilt würde, auch die Spielerinnen auf den Rängen 100 bis 200 mehr erhalten würden. Dass die nicht in der Economy-Klasse nach Australien fliegen und zwei Tage später spielen müssen. Dass sie einen Coach und einen Physio mitnehmen können. Denn auch sie sind Profis. Wenn die Leute sagen, ich würde in einer Woche so viel Geld verdienen, dann stimmt das so nicht. Ich spiele Tennis, seit ich drei bin. Aber logisch freue ich mich darüber sehr. Vielleicht leiste ich mir ein Wellness-Weekend. (schmunzelt)

Wie erlebten Sie in Shenzhen Ihren Halbfinal gegen Jelina Switolina, den Sie im dritten Satz bei 1:4 wegen Krämpfen aufgeben mussten?
Ich hatte die Krämpfe nicht erwartet. Bei 6:5 im ersten Satz spürte ich im hinteren Oberschenkel eine Verkrampfung. Dann bekam ich im Fuss einen Krampf, dann wieder im Oberschenkel. Mit Krämpfen ist es schwierig, die bringt man fast nicht mehr weg. Ich versuchte, mich mit Risikotennis durchzubringen, aber am Ende ging es nicht mehr. Das ist zwar mega schade, aber ich hätte auch viel weniger erreichen können.

Ein bitteres Ende einer guten Saison: Belinda Bencic muss im Halbfinal der WTA-Finals verletzt aufgeben. (Video: SRF)

Schon im Startspiel hatten Sie Schmerzen. Sie zeigten in Shenzhen auch Ihre grossen Kämpferqualitäten.
Ja (lacht). Es lohnte sich zu kämpfen. Ich hatte schon in Moskau alles gegeben. Am Ende war es einfach ein Match zu viel.

Wie gravierend ist Ihre Verletzung an der linken Ferse?
Nach dem US Open liess ich deswegen einige Turniere aus. Wegen eines Schlages war die Ferse entzündet. Ich hätte eine längere Pause gebraucht, um die Prellung ganz ausheilen zu lassen, aber das konnte ich mir nicht leisten. Viel trainiert haben wir seitdem nicht, ich war wie auf Sparmodus. Es gab bessere und schlechtere Tage mit der Ferse. Gegen Barty (zum Turnierstart) war es ein schlechterer. Jetzt bin ich megafroh, dass ich eine Pause habe, es völlig ausheilen lassen und dann frisch in die nächste Saison starten kann. Es ist alles geklärt, die Entzündung sollte in der Pause weggehen.

Wenn Ihnen jemand eine solche Saison vorausgesagt hätte mit der Rückkehr in die Top 8 und Halbfinals am US Open und dem WTA-Final, hätten Sie unterschrieben?
Auf jeden Fall. Nach Cincinnati, wo ich aufgeben musste, hatte ich eine kleine Krise und versuchte, mich für das US Open fit zu bekommen. Dort spielte ich super. Eigentlich verlief die ganze Saison über den Erwartungen, und dass ich es dann doch noch in die Top 8 geschafft habe, das hätte ich auf jeden Fall unterschrieben. Anfang Jahr sagten wir: Top 30 wäre super, Top 20 noch besser…

Sie zeichneten sich durch eine nie dagewesene Konstanz aus. Woher kam diese?
Diese Konstanz hatte ich angestrebt. Ich wollte mit kleinen Zielen in die Turniere starten und versuchen, nicht in der ersten oder zweiten Runde rauszufliegen. Wenn ich das erreicht hatte, war ich schon froh. Es freute mich fast am meisten, dass ich das aufrechterhalten konnte. Obwohl es Turniere gibt, die mir gar nicht liegen. Dennoch konnte ich mich anpassen. Sich kleine Ziele zu setzen, bewährt sich für mich.

Was betrachten Sie als grössten Erfolg dieser Saison?
Am meisten freute ich mich in Moskau. Dass ich mich noch für Shenzhen qualifizieren konnte, war das Highlight des Jahres.

Der Titel in Moskau bedeutete für Bencic den insgesamt vierten Triumph an einem WTA-Turnier. (Video: SRF)

Gibt es eine Partie, die Sie gerne nochmals spielen würden?
Vielleicht jene in Lugano (Startspiel gegen Antonia Lottner). Oder in Wimbledon gegen Alison Riske, da würde ich bei 3:0 im dritten Satz gerne nochmals anfangen.

2020 starten Sie mit einer neuen Ausgangslage: Dieses Jahr kamen Sie von hinten, jetzt stehen Sie in den Top 10. Was verändert sich damit für Sie?
Eigentlich nichts Grosses. Das ist nur auf dem Papier. Vielleicht erhalte ich einige Freilose mehr oder werde höher gesetzt. Aber ich glaube nicht, dass mir das gross helfen wird, denn jede Gesetzte kann in der Startpartie rausfliegen. Ich muss gleich weiterkämpfen und versuchen, mich auf dieser Position zu behaupten. Und versuchen, die schlechter Klassierten zu schlagen.

Etwas Luft haben Sie ja noch nach oben?
Ja. Viele sagen: Jetzt musst du Dubai verteidigen, musst du dies und das verteidigen. Aber jedes Turnier beginnt neu, und es gibt auch Turniere, wo ich mehr herausholen kann. Man muss immer vorwärtsschauen, nicht zurück. Wenn du nicht die Nummer 1 bist, ist es eigentlich egal, ob du die 8, 11 oder 12 bist.

Ihr Mantra am US Open war: keine Erwartungen. Versuchen Sie, die Ziele weiter tief zu halten, oder ändern sich diese jetzt?
Jede Spielerin ist anders, je nach Charakter. Andreescu zum Beispiel kommt mit grossem Selbstvertrauen und sagt: «Dieses Turnier gewinne ich jetzt.» Für sie funktioniert das. Bei mir ist es eher so, dass ich zwar nicht auf Understatement mache, aber mir eher kleine Ziele setze. Ich versuche, jeden Sieg sehr zu schätzen, das funktioniert für mich am besten. Ich kann nicht sagen: Jetzt musst du hier die Halbfinals erreichen, alles andere ist schlecht. Ich gehe auch nicht an eine Pressekonferenz und sage: Ich gewinne jetzt dieses Grand-Slam-Turnier. Ich bin zwar nicht wie Nadal, aber es geht in diese Richtung.

Wie sieht Ihr Turnierplan Anfang nächstes Jahr aus?
Ich spiele in Brisbane, dann das Australian Open. Danach ist noch offen. Dann folgen Dubai, Doha, Indian Wells und Miami.

Dass der Hopman-Cup nicht mehr ist…
… ist schade. Dafür spiele ich den ATP-Cup… (lacht) Aber Brisbane ist gut, in jener Woche muss ich keine Punkte verteidigen.

Bilder, die es 2020 nicht zu sehen geben wird: Bencic und Federer triumphieren am Hopman-Cup. (Video: SRF)

Den Hopman-Cup gibt es nicht mehr, aber vielleicht könnten Sie 2020 doch noch Mixed spielen, an den Olympischen Spielen?
Spielt man Mixed in Tokio? (lacht) Ja, mal schauen, ob es passt. (Ernster) Das hängt nicht von mir ab. Aber es ist schon schade, dass es den Hopman-Cup nicht mehr gibt. Das Mixed haben doch alle geschaut, das war überhaupt nicht langweilig.

Wie wichtig ist für Sie Olympia in Ihrer Saisonplanung?
Für mich ist es mega wichtig. Ich war noch nie an Olympischen Spielen. Wenn ein Sportler einmal im Leben an Olympische Spiele geht, kann er das seinen Enkeln erzählen. Deshalb ist das für mich als Riesen-Highlight. Ich sehe Tokio als fünftes Grand Slam, freue mich extrem darauf. Ich bin mega gespannt, wie es wird. Die anderen Athleten zu erleben, dieses Olympiafeeling. Ich war extrem enttäuscht, als ich während Rio verletzt war.

2019 war auch fitnessmässig Ihr bestes Jahr. Wie hat es Martin Hromkovic geschafft, Ihnen das Training schmackhaft zu machen?
Ich habe daran wirklich Freude bekommen. Es macht extrem Spass mit ihm, weil er selber auch ein Sportler ist und ich sehe, dass er es sehr gerne macht. Das motiviert mich sehr. Er nimmt auch alles sehr professionell, kennt sich aus. Wenn wir zusammen trainieren, haben wir Spass. Zwar konnte ich zuletzt wegen der Ferse nicht ganz voll trainieren, aber es gibt mir eher noch mehr Selbstvertrauen, dass ich trotzdem mit allen mithalten konnte. Ich freue mich extrem auf die Vorbereitung und die nächste Saison, denn ich denke, dass ich noch Potenzial habe in diesem Bereich.

«Wie für Belinda gibt es auch für mich gute und schlechte Momente. Wenn man gewinnt, sind alle happy.»Ivan Bencic

Was machen Sie am liebsten?
Krafttraining für die Beine. In den Armen bin ich nicht stark, wie eine Fliege (lacht). Sprints mache ich auch gerne, koordinativ bin ich gut. Stretching hasse ich, und die Übungen für den Bauch auch.

Welche Schwerpunkte legen Sie in der Vorbereitung auf die neue Saison?
Körperlich geht es darum, die Schnelligkeit zu halten. Konditionell, alles neu aufzubauen.Im Tennis möchte ich vor allem den zweiten Aufschlag noch verbessern. Einfach alles noch etwas bessern machen.

Wie zufrieden waren Sie mit Ihrem Coach in dieser Saison?
(lacht und blickt zu Vater Ivan) Er war okay, aber am meisten Arbeit leistete ja schon ich, so schwierig war es nicht für ihn… (ernsthafter) Die Resultate lügen nicht. Wir begannen letztes Jahr in Linz, und seither ging es steil aufwärts. Deswegen bin ich schon sehr zufrieden mit dem Coach, und ich denke, er auch mit mir. (zu ihrem Vater gewandt) In diesem Fall: Danke. (lacht)

Wie gefällt es Ihnen, Ivan Bencic, auf der Tour?
Ivan Bencic: Ich wuchs in dieses Leben hinein nach dem Eishockey und der beruflichen Karriere. Gerade kürzlich diskutierte ich mit einem Coach darüber. Er sagte: «Ivan, du hast es super, du bist mit der eigenen Tochter unterwegs. Ich habe vier Kinder zu Hause und bin mit einer anderen Spielerin unterwegs. Ich muss das tun, um meine Familie zu ernähren.» Dass es meine eigene Tochter ist, ist schon ein Unterschied. Natürlich ist es nicht immer einfach. Aber man ist ja für die Kinder da. (lacht und schaut Belinda an) Wie für Belinda gibt es auch für mich gute und schlechte Momente. Wenn man gewinnt, sind alle happy. Wenn man verliert, muss man mit den Niederlagen umgehen können. Auch ich bin reifer geworden. Ich bin Sportler, geniesse den Wettkampf, das Adrenalin, die Atmosphäre in den Stadien.

«Ich finde es einen Quatsch, dass die Mikrofone beim Coaching eingeschaltet sind.»Ivan Bencic

Wie stehen Sie zum On-Court-Coaching? Im Halbfinal waren Sie ja nie auf dem Court.
Belinda: Ich konnte ja nicht gut den Physio und den Coach gleichzeitig auf den Platz kommen lassen. (lacht)

Ivan: Wir machten ab, dass ich komme, wenn sie fühlt, dass sie mich braucht. Ich finde es gut, dass man coachen kann. Das macht den Sport besser. Im American Football hast du zehn Leute auf der Tribüne, die mit dem Coach verbunden sind. Vielleicht spürt Belinda auf dem Court etwas nicht, was ich von aussen sehe. Aber dass die Mikrofone beim Coaching eingeschaltet sind, finde ich einen absoluten Quatsch. Wenn in der Hockeygarderobe die Taktik besprochen wird, wird das ja auch nicht öffentlich ausgestrahlt.

Belinda: Du kannst nicht offen reden.

Ivan: Natürlich ist es interessant für die Leute. Aber ich finde, das geht nicht. Man kann wirklich nicht offen reden.

Belinda: Ich muss dazu auch noch sagen: Wenn wir Slowakisch sprechen, streiten wir nicht die ganze Zeit. Slowakisch tönt einfach sehr hitzig. Es heisst ja immer, ich sei so emotional und stauche meinen Coach zusammen. Aber das ist nicht immer so.

Von ihrem Vater hat Belinda Bencic nun erstmal zwei Wochen Pause. (Bild: Freshfocus/Claudio Thoma)

Haben Sie eine Geheimsprache, weil diese Gespräche öffentlich sind?
Ivan: Unser Slowakisch ist gemischt mit Deutsch, das macht es schwerer zu verstehen. Und wir haben einen Schlüssel mit Zahlen, von eins bis zehn, den haben wir von klein auf gelernt. Belinda kennt ihn auswendig, seit sie fünf ist. Schon in der Schweiz, in Dübendorf…

Belinda: (unterbricht) Papi, jetzt musst du wirklich nicht alles erzählen! (lacht) Er hat nie illegal gecoacht.

Wo sehen Sie, Ivan Bencic, noch am meisten Verbesserungspotenzial?
Ivan: Überall. Sie ist die bessere Spielerin als 2018, sie hat aus den Erfahrungen gelernt und diese Saison gezeigt, was sie kann. Sie hat zu ihrem Tennis zurückgefunden, mithilfe der Kondition und der mentalen Reife, die sie nun hat. Die Erfolge dieses Jahres beruhen auch auf all den Jahren zuvor, in denen wir fleissig gearbeitet hatten. In Zusammenarbeit mit Melanie Molitor. Wir sind allen sehr, sehr dankbar, aber vor allem Melanie. Sie sollte in der Schweiz auch einmal die Anerkennung erhalten, die sie verdient.

Sie sind auf der Tour stets mit Ihrem Vater Ivan und Ihrem Freund Martin zusammen. Man hat das Gefühl, sie sind ein verschworenes Trio. Aber gibt es auch Momenten, in denen Sie sagen: Jetzt möchte ich auch wieder einmal jemand anderen sehen?
Wir haben es wirklich gut an den Turnieren, haben es lustig, auch neben dem Platz. Martin ist sowieso meine Lieblingsperson, deshalb stört er mich überhaupt nicht. Von Papi kann ich nun schon zwei Wochen Pause haben. Dann kann er ein bisschen Zeit mit seiner Frau verbringen. (lacht und blickt zu Ihrer Mutter Dana, die mit Hund Snowy in der Nähe sitzt) Und dann sehen wir uns ja sowieso wieder.

Belinda Bencic macht das Tourleben Spass und findet es zu Hause langweilig. (Bild: Freshfocus/Claudio Thoma)

Sie sind die ganze Zeit auf der Welt unterwegs. Wie behalten Sie den Kontakt zu langjährigen Freunden?
Mit meiner besten Freundin Natalie bin ich ständig in Kontakt. Die richtigen Freunde gehen nie verloren, auch wenn man ein ganz anderes Leben führt. Natalie bekommt mich auch besuchen, wenn ich die Vorbereitung mache. Oder an Turnieren wie Stuttgart oder Wimbledon. Wir versuchen, uns so oft wie möglich zu sehen. Eine Fern-Freundschaft. Und wir schreiben uns immer, schicken einander Videos. Wie man das heute so tut. So halte ich auch ständig Kontakt zu meinen Bruder Brian.

Wird Ihnen das Leben auf der Tour manchmal zu stressig?
Mir macht es Spass. Wir Spielerinnen beschweren uns immer, dass es mega stressig sei, wir die ganze Zeit reisen müssen. Aber zu Hause ist es uns dann langweilig. Wir sind uns nichts anderes gewöhnt. Ein aktives Leben ist schon etwas für mich. Logisch, mit ein paar Turnieren weniger wäre es noch angenehmer. Aber das ist unser Job. Und jede muss schauen, dass sie sich dieses Leben so gut wie möglich einrichten kann. Mit den Menschen, die mitreisen, mit der Basis zu Hause.

Wenn Sie zurückschauen auf Ihre schwierige Zeit mit der Handgelenkoperation im Frühling 2017: Gab es da auch Momente, in denen Sie bezweifelten, je wieder auf Ihr Topniveau zu kommen?
Die Frage war, ob es mein Körper zulässt. Ich wusste nicht, ob mir nach der Operation nichts mehr weh tun würde. Nach einer Handgelenkoperation ist das fraglich. Das ist kompliziert. Man hört von Spielern, die das nie mehr in den Griff bekamen. Deshalb war ich sehr froh, dass ich nach der OP überhaupt keinen Schmerz mehr spürte. Das war meine grösste Angst. Vom Tennis her glaubte ich immer daran, dass ich wieder auf diesem Niveau spielen könnte, wenn ich gesund bin.

«Ich plane nicht, bis 35 zu spielen. Es wäre schön, einmal eine Familie zu haben. Ich habe keine Ahnung, wie lange ich spielen werde.»Belinda Bencic

Verursachte es Ihnen auch finanziell Stress, als Sie verletzt waren und aus den Top 100 fielen?
Stress nicht. Ich bin allen Sponsoren sehr dankbar, die mich unterstützen. Aber – klar, du spürst es schon, wenn du die Nummer 325 der Welt bist und ein 50 000-Dollar-Turnier spielst. Aber ich kann auch in einem Ibis schlafen, das ist kein Problem. Zum Glück wurde ich so erzogen, dass ich nicht immer Luxus brauche.

Wie haben Sie sich persönlich entwickelt in den letzten Jahren?
Ich bin reifer geworden. Selbstbewusster. Ich weiss ein paar Dinge mehr und kann das Tennis ein bisschen lockerer nehmen. Durch meine Verletzungen bin ich nun einfach froh, dass ich überhaupt spielen kann. Ich geniesse, was ich tue. Habe Spass und mehr Lebenserfahrung.

Sie sind jetzt 22. Planen Sie, Ihre Karriere möglichst lange zu führen?
Ich plane nicht, bis 35 zu spielen. Es wäre schön, einmal eine Familie zu haben. Ich habe keine Ahnung, wie lange ich spielen werde. Ich möchte nicht Serena Williams toppen. Ich will einfach das Beste herausholen aus meiner Karriere. Und wenn ich aufhöre, möchte ich sagen können, dass ich alles gegeben habe. Aber ich hätte auch danach noch gerne ein super Leben und will etwas vom Preisgeld sparen für später. Denn nach dem Tennis geht es noch weiter.

Erstellt: 04.11.2019, 13:13 Uhr

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