Selbst der Vergleich mit Martina Hingis hinkt

Belinda Bencic zeigt in Melbourne, wie sehr sie sich im vergangenen Jahr entwickelt hat. Ihre frische, unbekümmerte Art ist eine Bereicherung auf der Tour.

Aufschlag im Aufwind: «Daran arbeite ich permanent, momentan läuft er wirklich gut», sagt Belinda Bencic. Foto: Keystone

Aufschlag im Aufwind: «Daran arbeite ich permanent, momentan läuft er wirklich gut», sagt Belinda Bencic. Foto: Keystone

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Der Unterschied ist frappant: 2015 hatte Belinda Bencic erst Mitte Februar ihren ersten WTA-Sieg errungen, war am Australian Open als Favoritin an Julia Görges gescheitert. Nun steht sie nach zwei starken Siegen in Melbourne erstmals unter den letzten 32, wo sie gegen Katerina Bondarenko (WTA 92) erneut favorisiert ist. Bereits stehen in dieser Saison sechs Siege auf ­ihrem Konto, und es scheint nur eine Frage der Zeit, bis sie in die Top 10 vorstösst. Venus Williams hat sie überholt, momentan würde sie auf Rang 11 ­erscheinen – eine neue Bestmarke.

Die bald 19-jährige St.Gallerin tritt auch ganz anders auf als noch vor einem Jahr. War sie damals eine noch etwas unsichere Juniorin, zeigt sie heute das Spiel und das Selbstvertrauen einer Spitzenspielerin. Ihr Aufschlag und ihre Vorhand sind zu Stärken geworden, die ihr schnelle Punkte einbringen, während ihre Unberechenbarkeit, die Ballsicherheit und Cleverness geblieben sind.

«Junge Hingis»? Immer weniger

Kein Zweifel: Bencic ist auch mental im Kreis der Spitzenspielerinnen angekommen. «Meine Hauptverbesserung ist, dass ich nicht mehr so nervös bin, wenn ich auf grossen Plätzen spiele. Es fühlt sich normal an», sagte sie gestern. «Letztes Jahr war ich hier noch etwas vorsichtig – und schon war der Match vorbei.» Ihr gesteigertes Selbstvertrauen zeigt sich auch darin, dass sie dieses Jahr nur noch punktuell Doppelturniere bestreitet – wenn besondere Gründe vorliegen. «Letztes Jahr brauchte ich diese Matchpraxis, weil ich im ersten Halbjahr oft sehr früh verlor. Inzwischen kann ich erwarten, dass ich pro Turnier zwei, drei Matches gewinne. Und darauf möchte ich mich ganz konzentrieren.»

Bencic wurde gestern einmal mehr von einem Journalisten als «junge Martina Hingis» apostrophiert. Die Vergleiche mit ihrer Mentorin, von der sie fast täglich mit Tipps versorgt wird und ­deren Mutter ihre Cheftrainerin ist, ­hinken aber inzwischen. Das zeigt sich schon im Aufschlag, den sie viel mehr forciert und der ihr viel mehr Punkte bringt als einst Hingis. «An diesem Schlag arbeite ich permanent, momentan läuft er wirklich gut», sagt sie.

Für die Siegerin der WTA-Turniere von Eastbourne und Toronto bestätigt sich in Melbourne auch, dass es richtig war, im Dezember voll auf Einsätze in der asiatischen Städteliga IPTL zu setzen. Nicht nur, weil sie mit den «Singapore Slammers» (für die auch Stan ­Wawrinka spielte) den Titel holte, als MVP («wertvollste Spielerin») der Liga ausgezeichnet wurde, Spass hatte und noch dazu Geld verdiente. Sondern auch, weil sich diese Einsätze fast ideal in ihre Saisonvorbereitung integrieren liessen.

Die richtige Einstellung gefunden

«Es wäre für mich schwierig gewesen, nach über zwei Monaten ohne Matches in die Saison zu starten», sagt Bencic. Ihre letzte Saison war Anfang Oktober abrupt zu Ende gegangen, als ihr in ­Peking beim Spiel mit einem Ball ein Finger der rechten Hand anriss. Durch die folgende Zwangspause konnte sie sich in Ruhe erholen und die neue Saison vorbereiten. Zudem blieb ihr Zeit, im Dezember die Fahrprüfung zu absolvieren und über Weihnachten die Gross­eltern in der Slowakei zu besuchen.

Neben allen spielerischen Fortschritten fällt aber auch auf, wie gut Bencic es bis jetzt versteht, mit den erneut gestiegenen Erwartungen umzugehen. Auch wenn es langweilt, zu hören, die nächste Gegnerin sei immer die wichtigste – sie hat die richtige Einstellung momentan offenbar gefunden, um ihre Möglichkeiten auszuschöpfen und sich nicht selber im Weg zu stehen.

«Ich schaue nicht darauf, welche Favoriten verlieren.»Belinda Bencic

Als sie ein Reporter gestern fragte, ob sie eine Chance sehe, dass sie nach den vielen Überraschungen im Turnier «massiven Schaden» anrichten könne, konterte sie mit einem trockenen Volley: «Ich schaue nicht darauf, welche Favoriten verlieren und wie sich das Tableau entwickelt. Ich konzentriere mich lediglich darauf, Bondarenko zu schlagen, sie ist eine sehr schwierige Gegnerin.»

Titanic-Tränen im Flugzeug

Dank ihrer Offen- und Unbekümmertheit ist die beste Teenagerin aber auch neben den Courts für das Frauentennis eine willkommene Bereicherung. Bencic bringt frischen Wind, sie pflegt Freundschaften mit Spielerinnen – was für viele Konkurrentinnen undenkbar wäre – und erzählt freimütig Anekdoten wie diese: Im Flugzeug schaue sie immer wieder ­ihren Lieblingsfilm «Titanic» – und breche jedes Mal wieder neu in Tränen aus. «Und jedes Mal fragt sich mein Nachbar wohl, was los ist.»

Belinda Bencic bildet sich auch nichts auf ihre stets wachsende Popularität ein. So hat sie sich vorgenommen, 2016 alle Städte zu erkunden, in denen sie spielt, hauptsächlich zu Fuss. «Nein, nein, erkannt werde ich dabei nicht», sagt sie. Das könnte sich aber schnell ändern.

Erstellt: 21.01.2016, 06:51 Uhr

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