Bencic steht am Scheideweg

Das French Open wurde aus Schweizer Sicht zum Tiefpunkt. Auch die Ostschweizerin, die als Letzte in der 2. Runde ausschied, sucht noch ihre Form – und einen Coach.

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Belinda Bencic konnte auf dem schmucken, neu gebauten Court 9 in Roland Garros nicht verhindern, dass das French Open aus Schweizer Sicht zum schlechtesten Grand-Slam-Turnier in diesem Jahrtausend wurde – zusammen mit Wimbledon 2013.

Wie nun in Paris waren auch dort vier Schweizer angetreten und mit nur einem Sieg abgereist, nachdem Roger Federer in Runde 2 Sergei Stachowski unterlegen war. Allerdings gilt es, die Pariser Bilanz zu relativieren: Mit Federer (freiwillig) und Timea Bacsinszky (Wade) fehlten die zwei bestklassierten Schweizer, und wie Bencic ist auch Stan Wawrinka nach einer Pause noch auf der Suche nach seiner Normalform. Für beide war das Turnier sogar ein Erfolg – allein schon dadurch, dass sie überhaupt antreten konnten.

Ohne Erwartungen nach Paris

Die frühere Junioren-Siegerin war nach ihrer Fussverletzung (Zehe) aber fast ohne Vorbereitung und Erwartungen nach Paris gekommen. Dass sie die Italienerin Deborah Chiesa schlug, war mehr, als sie sich erhofft hatte. Gegen die aufschlagstarke Slowakin Magdalena Rybarikova, wie sie keine Sandspezialistin und so gesehen ein gutes Los für die zweite Runde, spielte sie erneut sehr fehlerhaft (42 unerzwungene Fehler) und verlor in 102 Minuten und trotz vier abgewehrten Matchbällen letztlich klar 2:6, 4:6.

Was die 21-Jährige an der Seine zeigte, war denn auch weit entfernt von jenen Leistungen, die sie als 19-Jährige bis auf Rang 7 getragen hatten. Sie spielte mit grosser Streuung, war läuferisch und athletisch ungenügend und schlug schlecht auf. Doch sie anhand dieser Momentaufnahme hart zu beurteilen, wäre unfair und irreführend. Weil es noch andere mildernde Umstände zu berücksichtigen gilt.

Gute Perspektiven auf Rasen

Einerseits hat sich Bencic durch ihre im März aufgetauchte Fussverletzung wieder einen grösseren Trainingsrückstand eingehandelt, andererseits fühlt sie sich auf Sand nicht wohl. Sie wies selber darauf hin, dass Kraft- und Fitnesstraining zwar gut seien, Match­situationen aber nur auf dem Tennisplatz und – zumindest aus ihrer Sicht – am besten an Turnieren geübt werden könnten. Nach acht Wochen Pause brauche sie wohl etwa gleich lange, um den Rückstand aufzuholen, schätzt sie.

Fed-Cup-Teamchef Heinz Günthardt spekuliert, dass Bencic einen Leistungssprung machen könnte, sofern sie zu ihrem Selbstvertrauen zurückfindet. Sie ist eine Spielerin, die nach Pausen Anlauf braucht. Sie sei in Paris so nervös und unsicher gestartet, als ob sie nie Tennis gespielt habe, bekannte sie. Ihre Ausgangslage für die kommenden Monate mit Wimbledon und dem US Open ist aber deutlich angenehmer als jene von Wawrinka und Bacsinszky.

Den Matchrhythmus finden

Im Gegensatz zu den Lausannern, die nach dem French Open beide über 200 Ränge verlieren, wird Bencic sogar einige Gegnerinnen überholen und in die Region von Rang 65 aufsteigen, sie wird auch wieder beste Schweizerin sein. Und weil sie 2017 wegen ihrer Operation am linken Handgelenk von Mai bis Mitte September komplett ausfiel, hat sie bis nach dem US Open keine Punkte zu verteidigen.

Wie für Wawrinka geht es auch für sie in der Rasensaison darum, in den Turnier- und Matchrhythmus zurückzufinden und ihr Vertrauen zu finden. Dabei dürfte sie gut beraten sein, vor Wimbledon in Holland und Grossbritannien zuerst drei kleinere Anlässe zu bestreiten, um sich nicht sogleich zu überfordern.

In einem weiteren Gegensatz zu Wawrinka und Bacsinszky fühlt sich sich auf Rasen von Natur aus wohl, viel wohler als auf Sand, wo sie Mühe hat mit der Beinarbeit, dem Rutschen und dem Ballsprungverhalten. Auf Rasen hatte sie 2015 in Eastbourne ihr erstes WTA-Turnier sowie 14 von 17 Partien gewonnen.

Die Trennung von Hughes

Dabei wird die Juniorenweltmeisterin 2013 die Rasenturniere mit einem neuen Coach angehen. Die Zusammenarbeit mit dem Engländer Iain Hughes, der sie seit Juli 2017 betreute, sei beendet, erklärte sie gestern. Sie habe von ihm viel profitiert, es sei eine Trennung im Guten. Als Gründe nannte sie unterschiedliche Mentalitäten und Ansichten, nicht nur was das Tennis, sondern auch den «Lifestyle» betreffe. Vorerst kehrt Bencic in die Schweiz zurück.

Die Frage ist, für welche Art von Coach sie sich nun entscheidet. Sie steht am Scheideweg: Gefährlich wäre es, sollte sie in Versuchung kommen, sich zu sehr auf ihr Talent, ihre Spiel­intelligenz und ihre guten Hände zu verlassen und dabei die Athletik – seit geraumer Zeit ihr Schwachpunkt – zu vernachlässigen. Angesichts ihrer vielen Verletzungen und Zwangspausen sollte sie allerdings gewarnt sein.

Erstellt: 31.05.2018, 20:38 Uhr

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