Bereit für das 7. Melbourne-Märchen

Eigentlich spricht nur etwas gegen den Hattrick in Melbourne: das Erstarken von Novak Djokovic. Heute (10.30) spielt Federer erstmals.

«Ich spiele sehr gut momentan», sagt Roger Federer vor der Partie gegen Istomin. Foto: Ritchie Tongo (Keystone)

«Ich spiele sehr gut momentan», sagt Roger Federer vor der Partie gegen Istomin. Foto: Ritchie Tongo (Keystone)

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Es ist der Sonntag vor dem Australian Open, die Temperaturen kratzen im hochsommerlichen Melbourne an der 30-Grad-Marke, heute sollen sie diese klar übertreffen. Der Interviewraum im Medienzentrum ist zur Mittagszeit proppenvoll, «standing room only», sagt ein Reporter. Nachdem sich der grösste Wirbel um die Rücktrittsankündigung von Andy Murray wegen seiner Hüftprobleme etwas gelegt hat, steht nun wieder die Hauptperson der letzten beiden Jahre im Mittelpunkt: Roger Federer, der vorne am Tisch sitzt.

Die australische Zeitung «Sunday Age» widmet dem 37-Jährigen das Hauptbild auf der Frontseite sowie zwei Panoramaseiten in der Mitte des Blattes. Darauf blickt sie zurück auf seinen märchenhaften Sieg vor zwei Jahren. «Rogers Wiedergeburt», lautet der Titel, und der ist nicht einmal übertrieben. «Das war einer meiner drei wichtigsten und schönsten Siege», sagt Federer wenig später selber, als er zurückblickt auf den verrückten Final gegen Rafael Nadal, den er trotz 1:3-Rückstand im 5. Satz gewann. Es war sein 18. Grand-Slam-Titel, inzwischen steht er bei 20, davon 6 am Yarra-River.

Damals kam er von einer sechsmonatigen Auszeit zurück und dachte nicht im entferntesten daran, in Melbourne gleich einen Majortitel zu gewinnen. Das ist nun anders. «Es wäre schön, wenn ich mir eine Chance auf den Pokal verschaffen könnte», sagt er. Doch obwohl er den Titel 2018 verteidigen konnte und stark in Form ist, betrachtet sich der 99-fache Turniersieger nicht als Favorit: «Angesichts der letzten sechs Monate ist das Djokovic. Und das sage ich nicht einfach, das denke ich wirklich.»

«Ich bin absolut bereit»

Federers Ausgangslage könnte allerdings kaum besser sein. «Körperlich und mental bin ich absolut bereit, und das ist das Wichtigste.» Am Hopman-Cup verteidigte er zum Jahresauftakt neben Belinda Bencic den Titel, und schon die Saisonvorbereitung war fahrplanmässig verlaufen. «Auch hier habe ich gut und hart trainiert. Erst am Samstag nahm ich eine Pause, um vor der ersten Partie etwas herunterzufahren.» Im heutigen Startspiel trifft er (ab etwa 10.30 Uhr MEZ) auf den 32-jährigen Usbeken Denis Istomin (ATP 99), den er in allen bisherigen sechs Duellen bezwang, der in Melbourne aber vor zwei Jahren gegen Djokovic seinen grössten Sieg errang. «Ich möchte die letzten Wochen nicht überanalysieren und auch nicht zu weit vorausschauen, denn das wäre ein Fehler», sagt Federer. Er erinnere sich gut an Istomins Sieg über Djokovic, «ich verfolgte fast die ganze Partie, und ich hatte selber auch schon harte Matchs gegen ihn. Speziell auf schnellen Belägen kann er gefährlich sein. Allerdings denke ich wirklich, dass ich momentan sehr gut spiele.»

«Er ist ein guter Mensch»

Zuerst muss sich aber auch Federer ausgiebig zu Andy Murrays angekündigten Rücktritt äussern. «Leider ist es sein Körper, der die Entscheidung traf», sagt er. «Hinter ihm liegen zwei harte Jahre, und es ist verständlich, dass er zu dieser Entscheidung gelangt ist.» Er denkt zurück an den Wohltätigkeitsmatch, in dem er dem Schotten im November 2017 in Glasgow zum letzten Mal gegenüberstand: «Es ging ihm damals so schlecht, dass ich überrascht war, dass er überhaupt antrat.» Das letzte ihrer 25 offiziellen Duelle liegt über drei Jahre zurück, in Cincinnati holte Federer damals seinen 14. Sieg. Der Rücktritt des Schotten stimmt ihn traurig. «Er ist ein guter Mensch, alle mögen ihn. Ich hoffe, dass er wenigstens noch bis Wimbledon durchhält. Aber irgendwann geht dem Tennis jeder Spieler verloren, und er kann unglaublich stolz sein auf alles, was er erreicht hat.»

Die heutige Abendsession steht im Zeichen des 50. Geburtstags des Australian Open, das 1969 erstmals auch den Profis offenstand. Damals fand es noch in Brisbane statt, ehe es zwei Jahre in Sydney ausgetragen wurde, bevor es nach Melbourne kam, wo es seither blieb und jedes Jahr weiter verbessert wird. Vor ­Federers Partie spielt Murray ­seinen Auftakt gegen Roberto Bautista Agut in der zweitgrössten Arena (ab 8 Uhr MEZ).

Der Schweizer wird am Sonntag dann auch zu den grossen Veränderungen des Circuits befragt. Er macht dabei klar, dass er inzwischen viel weniger in die Tennispolitik involviert sei als in den sechs Jahren, in denen er den Spielerrat präsidierte. Aber er verfolgt die Entwicklung aufmerksam und hütet sich auffallend davor, Neuerungen zu kritisieren. Auch dem Davis-Cup, der ab diesem Jahr in einem ­Finalturnier ausgespielt wird, ­gewinnt er Positives ab – und sei es nur, dass der Wettbewerb inskünftig nicht mehr vier, sondern nur noch zwei Wochen im gedrängten Kalender belegt.

Dem ATP-Cup, der ab Anfang 2020 in Sydney, Brisbane und einer dritten australischen Stadt erstmals stattfindet, gibt er ­ohnehin viel Kredit, obwohl der Teamwettbewerb grosse Ähnlichkeiten mit dem Davis-Cup-Finale aufweist und einer dieser Anlässe wohl genügen würde.

«Eine Übergangsphase»

«Das Tennis erlebt interessante Zeiten – aber ich würde nicht von schlechten sprechen», sagt ­Federer. «Es ist eine Übergangsphase. Wir müssen abwarten und den beiden Anlässen Zeit geben.» Seiner Meinung nach lässt sich der Laver-Cup, der dieses Jahr in Genf stattfindet und aus seiner eigenen Initiative entstanden ist, nicht mit diesen beiden Team­events vergleichen. Das Duell zwischen Europa und dem Rest der Welt dauere nur drei Tage und sei in den letzten beiden Jahren ein voller Erfolg gewesen, sagt er. «Und solange es für die Fans und die Spieler stimmt, ist es okay. Und aus meiner Sicht stimmt es. Man sollte nicht alles gleich negativ beurteilen.»

Betreffend die Zukunft des Hopman-Cups ist Federer gespalten. Die Entscheidung, ob Perth eine Station des ATP-Cups oder weiter den Mixed-Wettbewerb austragen wird, soll erst in einigen Wochen fallen. «Ich hatte in Perth drei tolle Jahre mit Belinda Bencic, und vorher auch mit Martina (Hingis) und Mirka», erklärt er, «für mich ist das Turnier der ideale Saisonauftakt. Ich bin auch ein Fan des Frauen­tennis, schaue gerne Partien der Frauen und spiele auch gerne Mixed-Doppel.» Deshalb würde es ihm leidtun, sollte der Hopman-Cup dem ATP-Cup weichen. «Und sollte er an einen anderen Ort verlegt werden, wäre er sowieso nicht mehr das Gleiche.»

Beeindruckt von der australischen Turnierszene ist Federer allemal. «Die Australier sind seit langem daran, ihren ‹Summer of Tennis› zu organisieren, und haben in Sydney, Brisbane, Perth und Melbourne Superturniere. Sie sind innovativ, das finde ich gut. Es ist unheimlich, was hier abgeht.» Den ATP-Cup habe es unter dem Namen World Team Cup zudem schon in Düsseldorf gegeben, und damals habe er niemanden gestört. «Ich hoffe einfach, dass Perth weiter Spitzentennis zu sehen bekommt, und das dürfte auch geschehen.» Ob er dann auch noch dabei sein wird, ist eine andere Frage.

Erstellt: 13.01.2019, 23:16 Uhr

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