#bloodyswiss – warum die Schweiz eine Tennismacht ist

Hingis, Federer, Wawrinka – und jetzt Bencic: Die Häufung starker Tennisspieler in der Schweiz fällt auf. Warum das so ist.

Sie ist die jüngste in der Galerie der Schweizer Tennishelden: Belinda Bencic. Foto: Adam Hunger (Reuters)

Sie ist die jüngste in der Galerie der Schweizer Tennishelden: Belinda Bencic. Foto: Adam Hunger (Reuters)

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Darren Cahill, ein anerkannter Tennis-Experte, sagte es mit drei Hashtags, wie die mit Doppelkreuz versehenen Kurzkommentare in sozialen Netzwerken heissen. Nach dem Vorstoss von Belinda Bencic in die Viertelfinals des US Open twitterte der frühere Coach von Andre Agassi, sie bewältige auch ihre Interviews schon routiniert. Gefolgt von «#bloodyswiss», «#taking­overtheworld» sowie «#gobelinda». Zu Deutsch: «#verdammteschweizer», «#eroberndiewelt», «#hoppbelinda».

Die Kürzestkommentare bringen auf den Punkt, welche Gefühle die Erfolgswoge der Schweizer Tennisprofis auslöst: Staunen, Bewunderung und Anerkennung, aber auch eine Prise Neid. Wie kann ein 8-Millionen-Zwerg in einer Weltsportart Champion um Champion produzieren, während sich traditionsreiche Grand-Slam-Nationen wie die USA oder Australien seit Jahren vergeblich darum bemühen, auch nur einen einzigen herauszubringen?

Wer nach den Ursachen sucht, kommt um einen Faktor nicht herum: Glück. Hätte Melanie Molitor einst in der Slowakei nicht den St. Galler Andreas Zogg kennen gelernt, wäre sie mit ihrer Tochter Martina Hingisova nicht ins Rheintal, sondern vielleicht nach Österreich ausgewandert. Dann hätte die Schweiz fünf Grand-Slam-Titel weniger – und die heute weltbeste 17-Jährige würde nicht Belinda Bencic heissen. Die Erfolge von Hingis, die 1997 ihre grössten Triumphe feierte, waren es, die Ivan Bencic mit seiner in jenem Jahr geborenen Tochter ins Tennis lockten. Weil sie ihm zeigten, dass auch aus der Schweiz heraus eine Weltkarriere möglich ist.

Land mit Tradition

Und hätte Robert Federer in den 90er-Jahren ein Jobangebot aus Australien angenommen, zöge sein Sohn heute vielleicht nicht als Schweizer, sondern als «Aussie» durch die Welt. Und dann wäre wahrscheinlich auch Stan Wawrinka, der sich in Federers Windschatten grandios entwickelte, nicht zum Grand-Slam-Champion geworden.

Das Glück ist aber nur ein Teil der Wahrheit. Sowohl Federers als auch Melanie Molitor waren sich bewusst, dass die Schweiz über hervorragende Bedingungen für eine Tenniskarriere verfügt: eine hohe Dichte an Plätzen und Hallen, einen starken Verband, der sich als Steigbügelhalter und nicht als Reiter versteht, eine beträchtliche Turnier- und Leistungsdichte, einen grossen Support von Sponsoren und Werbewirtschaft sowie ein zunehmend sportfreundliches Ausbildungssystem. Das alles in einer beschaulichen Umgebung, ohne grossen (Medien-) Rummel und ohne die übersteigerte Erwartungshaltung, die Talente andernorts oft früh bremst.

Zudem besitzt Tennis in der Schweiz Tradition. Schon in den 70er-Jahren begann einer aufzuzeigen, dass sich auch mit einem Schweizer Pass Pokale und Preisgelder gewinnen lassen: Heinz Günthardt, als Junior talentiert wie Björn Borg, durch ein Hüftleiden aber später eingeschränkt. Er war der Pionier, der den Dominoeffekt auslöste. Tennis wurde zur Option für sportbegeisterte Jugendliche. Federer gab dafür den Fussball auf, Jakob Hlasek das Eishockey. Und Marc Rosset wäre als Amerikaner wohl Basketball­spieler geworden.

Cahill sorgte übrigens einst selber dafür, dass die Schweizer nicht noch erfolgreicher wurden: 1988 gewann der Australier das Swiss Open in Gstaad – dank eines Finalsiegs über Hlasek.

Erstellt: 02.09.2014, 22:49 Uhr

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