«Da ist Roger unglaublich locker»

Coach Severin Lüthi spricht in Gstaad über Federers Aus in Wimbledon und die neue Ausgangslage vor dem US Open.

«Mit 37 Jahren und seiner Erfahrung braucht Roger nicht 25 Turniere vor einem Grand Slam.»

«Mit 37 Jahren und seiner Erfahrung braucht Roger nicht 25 Turniere vor einem Grand Slam.» Bild: Peter Schneider

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Haben Sie die Enttäuschung von Wimbledon verarbeitet, mit Federers Fünfsatz-Niederlage im Viertelfinal gegen Anderson?
Eine Enttäuschung war es schon, wobei ich weiss, dass er alles gegeben hat. Einen solchen Match verliert er im Normalfall nicht, sondern gewinnt ihn irgendwie.

Was lief denn falsch?
Ab dem zweiten Satz begann er, zu konservativ zu spielen. Damit gibst du dem Gegner die Chance, sein eigenes Spiel aufzuziehen, und dann kann es sehr gefährlich werden. Man hat auch wieder gesehen, wie klein die Margen sind. Für mich war Roger zu oft hinter der Grundlinie, was unüblich ist, und Anderson begann zu dominieren, getragen vom Aufschlag.

Mats Wilander sagte, auf dem Centre Court hätte Federer nie verloren. Einverstanden?
Die Bedingungen waren schon anders, Court 1 war sicher kein Vorteil. Die Sonne fällt anders ins Stadion, auch der Wind ... Aber Roger ist keiner, der im Nachhinein Entschuldigungen sucht. Er erwähnte dies auch gar nicht. Umgekehrt haben viele seiner Gegner den Nachteil, dass er schon x-mal auf dem Centre Court spielte. Das gehört dazu. Letztlich war es wohl eine Kombination von Dingen.


Video: Federer scheidet in Wimbledon aus

Der Schweizer scheitert im Viertelfinal an Kevin Anderson. Video: Tamedia/SRF


In Wimbledon kursierten nach seinem Ausscheiden Gerüchte, er habe sich verletzt.
Nein, nein. Es gab keine Probleme, da ist nichts, alles gut.

Federer spielt erst ab Mitte August in Cincinnati wieder Turniere. Was läuft bei ihm?
Zuerst pausierte er ein paar Tage, dann begann das Konditionstraining in der Schweiz. Inzwischen hat er auch schon wieder etwas Tennis gespielt, aber das war eher Bewegungstherapie.

War ein Start am Masters-­Turnier in Toronto in der Woche vor Cincinnati kein Thema?
Das kann man so nicht sagen. Aber wäre es ein Vorteil für ihn, vor dem US Open zwei Turniere zu spielen? Nein, aus meiner Sicht nicht. Natürlich werden gewisse Leute sagen: Und wenn er in Cincinnati in der ersten Runde verliert? Das Wichtigste für ihn ist aber, dass er frisch, motiviert und inspiriert ist. Mit 37 Jahren und seiner Erfahrung braucht er nicht 25 Turniere vor einem Grand Slam.

Ist der Verzicht auf Toronto auch eine Folge davon, dass er 2017 in Montreal gegen Zverev Rückenprobleme bekam?
Ja, auch. Unter Umständen wäre es vor Wimbledon auch gescheiter gewesen, nach Stuttgart (wo er gewann) das Turnier von Halle (wo er gegen Coric im Final verlor) auszulassen. Aber im Nachhinein weiss man es immer besser. Ich glaube wirklich nicht, dass es ein Vorteil wäre, Toronto und Cincinnati zu spielen. Vielleicht wäre es sogar ein Nachteil.

Sind Sie in den USA im Einsatz?
Ja, ich werde in Cincinnati und am US Open sein, Ivan (Ljubicic) kommt dann auch nach New York. Den Laver-Cup (in Chicago) habe ich nicht vorgesehen, der findet ja in der Woche nach dem Davis-Cup statt (Schweiz - Schweden in Biel).

Federers letzter US-Open-Sieg liegt zehn Jahre zurück. Ändert das etwas an der Zielsetzung?
Nein. Er will jedes Turnier gewinnen, das er spielt.

Wurden Sie von Djokovics Wimbledonsieg überrascht?
Für mich war immer klar, dass er wieder kommen würde. Man wusste einfach nicht genau, wann.

Könnte er nun noch mal zu einer Dominanz ansetzen wie in seinen besten Jahren?
Er ist schon einer, der noch gefährlicher wird, wenn er beginnt, ­Majorturniere zu gewinnen. Ich bin aber nicht ganz sicher, wie stark er körperlich schon wieder ist.

Hätten Sie lieber Anderson als Wimbledonsieger gesehen statt Djokovic – oder gar Nadal?
Für mich war das nicht so entscheidend. Wenn Roger ausgeschieden ist, verfolge ich die Turniere jeweils nicht mehr so genau.

Sind Sie nicht daran interessiert, dass Federer mehr Majortitel hat als Nadal?
Klar, wenn Nadal gewonnen hätte ... Wo wäre er dann jetzt?

Bei 18, nur zwei hinter Federer.
Ich glaube, dass du letztlich auf dich schauen musst. Und Roger ist in dieser Beziehung unglaublich locker. Er sagt nicht: Nadal darf ja nicht gewinnen, sonst kommt er mir näher ... Solche Emotionen und Gefühle würden auch nicht helfen.

Ist er tatsächlich so entspannt?
Viel entspannter als er kann man gar nicht sein. Er weiss aber auch, wann es wieder ernst gilt, wann er konzentriert sein muss und all das.

Wir sind hier in Gstaad: Blutet Ihnen nicht das Herz, wenn Sie sehen, dass 2018 nur ein Schweizer im Tableau stand?
Schon. Ich hätte es auch lieber anders. Aber wir haben halt nicht sehr viele Spieler hinter Roger und Stan (Wawrinka). Und Laaksonen wollte nach Bastad lieber in Hamburg auf Meereshöhe weiterspielen. Zudem helfen wir jungen Spielern nicht, wenn wir ihnen dauernd Wildcards geben. Dann fehlt ihnen vielleicht der Ansporn.

Der 22-jährige Zürcher Marc-Andrea Hüsler, der eine erhalten hatte, gewann immerhin das Startspiel gegen Almagro.
Er hatte sich diese Wildcard auch verdient. Er hat sich gut entwickelt, nicht nur im Ranking (er stösst nun in die Top 400 vor).

Was trauen Sie ihm zu?
Ich erwarte nicht, dass er nun einfach in die Top 100 durchmarschieren wird. Sein Weg ist noch lang, man darf keine Wunder erwarten.

Wieso so skeptisch? Weil er noch viele Defizite hat?
Ich möchte nicht viel von seinen Defiziten sprechen, aber athletisch kann er sich schon noch verbessern. Vielleicht täusche ich mich, und es geht mit ihm schneller aufwärts, als ich denke. Aber man darf die Realität nicht aus den Augen verlieren. Schon Future-Turniere sind nicht einfach zu gewinnen. Aber er hat bisher Schrittchen für Schrittchen gemacht, und nun müssen weitere folgen. Mir gefällt schon, was er macht.

Erstellt: 28.07.2018, 23:15 Uhr

Artikel zum Thema

Federer verzichtet auf Start in Toronto

Nach dem überraschenden Viertelfinal-Aus in Wimbledon sagt Roger Federer für das Masters-1000-Turnier in Kanada ab. Mehr...

Federer braucht Freude und Frische

Analyse Der achtfache Champion ist in Wimbledon gescheitert, weil sich bei ihm Routinen eingeschlichen haben, die seinem Spiel schaden. Mehr...

Warum Federer schon an 2019 denkt

Der abgesetzte Wimbledon-Champion richtet seinen Fokus nach dem schmerzhaften Aus gegen Anderson rasch in die Zukunft. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Klimawand: Andres Petreselli bemalt in San Francisco eine Hausfassade mit einem Porträt von Greta Thunberg. (8. November 2019)
(Bild: Ben Margot) Mehr...