«Dann heisst es wieder: Er hat den Absprung verpasst»

Severin Lüthi bezeichnet Roger Federers Comeback nach sechs Monaten schon jetzt als Erfolg – egal, was in Melbourne passiert.

«Für mich könnten auch zwei, drei schlechte Matches nicht das gesamte Bild zerstören»: Severin Lüthi glaubt fest an Roger Federer.

«Für mich könnten auch zwei, drei schlechte Matches nicht das gesamte Bild zerstören»: Severin Lüthi glaubt fest an Roger Federer. Bild: Keystone

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Melbourne Es dauerte lange, bis Roger Federer am Samstag endlich wusste, wer sein erster offizieller Gegner auf der Profitour seit sechs Monaten sein würde – und letztlich ist es ein alter Bekannter: Der vierfache Australian-Open-Sieger trifft am Montag in Melbourne in der Abendsession (ca. 10.30 Uhr Schweizer Zeit) auf den Österreicher Jürgen Melzer, der ebenfalls 35-jährig und noch einige Monate älter ist als er und als Nummer 296 durch die Qualifikation kam.

Gegen den früheren Top-10-Spieler, einen Linkshänder, hat Federer die letzte ihrer vier Begegnungen verloren, 2011 in Monte Carlo. Obwohl er sich gut vorbereitet fühlt, spüre er eine gewisse Nervosität, gab der Baselbieter am Samstag zu. Severin Lüthi, der ihn seit Jahren als Coach und Freund betreut und ihn besser kennt als die meisten, relativiert vor dem Comeback-Turnier allerdings dessen Bedeutung: Schon jetzt ist für den Berner klar, dass die sechsmonatige Pause für den Rekord-Grand-Slam-Sieger ein positiver Abschnitt war – zumal ihn Federer auch in dieser Phase immer wieder positiv überraschte.

Sind Sie froh, endlich wieder mit Roger Federeran einem grossen Turnier sein zu können?
Ich bin einfach happy, wie die letzten Monate verliefen. Das ist für mich das Wichtigste. Ganz egal, wie dieses Turnier verläuft. Wir konnten eine gute Basis legen, er konnte physisch viel arbeiten, viele Bälle schlagen und hatte keine grösseren Rückschläge.

Kleinere Rückschläge gab es aber dennoch?
Man hat schon immer einmal etwas, einmal ist es das Handgelenk, fünf Tage später der Ellbogen. Aber ich könnte wirklich nicht glücklicher sein. Mit dem Knie war gar nichts. Im vergangenen Juli hätte ich sofort unterschrieben, wenn man mir damals offeriert hätte, dass wir heute schon wieder so weit gekommen sein würden.

Federers Schwachstelle ist seit Jahren der Rücken. Wie war es damit?
Auch dort war nichts Erwähnenswertes. Aber selbst wenn es ihn wieder mal im Rücken zwicken oder sonst etwas passieren sollte, wäre die Arbeit der vergangenen Monate nicht umsonst gewesen. Er hat nun wieder eine solide Basis, und kleinere Anpassungen gibt es im Tennis immer.

Was braucht es, damit sein Comeback als Erfolg bewertet werden kann?
Für mich ist es bereits ein Erfolg. Weil ich sah, wie gut wir arbeiten konnten, wie gut er in Form ist, physisch und mental. Für mich könnten auch zwei, drei schlechte Matches nicht das gesamte Bild zerstören. Auch dann wäre nicht alles schlecht gewesen, würde ich nicht alles hinterfragen. Ich habe mir mein Urteil über seine Vorbereitung gebildet. Wie die anderen Leute das dann sehen, ist eine andere Sache.

Bei Federer sind die Massstäbe hoch. Er wird nur noch daran gemessen, welche Titel er gewinnt und wo er im Ranking steht. Sollte er nicht mehr in die Top 5 kommen...
...dann heisst es wieder, er habe den Absprung verpasst, das ist effektiv so. Sie wissen ja, wie das ist: Man nimmt das erste Turnier, und wenn er super spielt, jubeln alle. Und wenn er nicht so gut war, heisst es: Er hätte dies oder jenes tun sollen. Aber wir haben die ganze Phase ja nicht nur wegen des Australian Open gemacht. Natürlich war es das Ziel, dass er hier fit ist und gut spielt. Aber es kommt ja nachher noch viel mehr, und hoffentlich folgen danach noch zwei, drei weitere Saisons.

Trauen Sie ihm zu, dass er nochmals in den Zweikampf zwischen Djokovic und Murray eingreifen kann?
Um im Ranking weit vorne zu stehen, musst du vor allem an den Grand Slams gut spielen. Aber ich glaube wirklich fest daran, dass er auch solche Leute immer noch schlagen und ganz vorne mitspielen kann. Nur sind wir jetzt in einer etwas anderen Phase. Jetzt muss er erst einmal wieder richtig auf die Tour zurückfinden. Da können wir nicht schon wieder von Turniersiegen sprechen. Aber wenn er gut spielt, bin ich überzeugt, dass er noch immer für alle Spieler gefährlich ist.

Fitnesstrainer Pierre Paganini schwärmte von Federers Arbeitsmoral der vergangenen sechs Monate. Hat er in dieser Hinsicht auch Sie überrascht?
Roger überrascht einen immer wieder. Am überraschendsten war für mich aber, wie schnell er den Schalter umlegen konnte, nachdem beschlossen worden war, dass er die Saison abbrechen würde. Noch am gleichen Tag sagte er: Okay, wenn ich zurückkomme, bin ich wieder super zwäg. Zudem habe ich Zeit, mich zu erholen, das tut mir gut nach all den Jahren, und dazu kann ich viel Zeit mit der Familie verbringen. Darüber war er wirklich froh. Er ist schon extrem gut darin, das Positive zu sehen. Das ist es, was mich am meisten beeindruckte.

Wirkte er stets motiviert?
Ja, und auch das ist für mich immer wieder faszinierend zu erleben – wie gut er in dieser langen Phase trainierte, wie viel Spass ihm das Training machte, wie viel Energie er hatte. Nicht nur auf dem Centre Court in Melbourne, sondern auch in Dubai, Horgen oder wo immer. Er ist der Spieler, der von allen am meisten Spielfreude hat.

Das ist umso erstaunlicher, als er nun doch schon fast 20 Jahre auf der Tour ist.
Ja, es ist schon wahnsinnig. Aber dies hilft ihm natürlich auch extrem: Wenn du so viel Freude hast an dem, was du machst, gibt dir das viel Energie. Roger ist einfach speziell. Er wird auch mit 60 noch so sein und viel Freude am Tennis haben, wenn er dann wieder einmal spielt. Es ist schon erstaunlich: Bei den anderen sieht es viel mehr nach Arbeit aus, bei ihm nach Spass, nach Spiel. Das ist sehr tief in ihm verankert.

Viele waren überrascht, wie gut er am Hopman Cup in Perth schon wieder spielte, vor allem gegen Gasquet.
Ich weiss, und auch das ist bei ihm immer wieder erstaunlich: Wie gut er die Bälle schlägt, wenn er etwa aus den Ferien zurückkommt. Du hast das Gefühl, er sei gar nicht weg gewesen. Hier in Melbourne kommt allerdings dazu, dass dies sein erstes offizielles Turnier seit Wimbledon ist, was eine andere Anspannung mit sich bringt. Aber das Matchfeeling mit Zuschauern, Schiedsrichtern usw. erlebte er in Perth zumindest schon einmal.

Er war allerdings ausser zu Beginn seiner Karriere nie einer, der Mühe hatte, mit Druck umzugehen.
Das ist richtig. Er denkt auch nicht: Jetzt muss ich auf den Centre Court, wo 15'000 Leute etwas von mir erwarten. Er schaut das anders an und sagt sich: Es ist huere cool, dass ich wieder an einem Turnier bin, dass mir die Fans zujubeln, begeistert sind, so viel Lärm machen. Diese Sichtweise hilft ihm enorm. Ein anderer zerbricht unter diesem Druck. Bei ihm ist es aber kein Druck, sondern eine positive Spannung.

Können Sie als Coach beurteilen, ob und wie weit ihn die sechs Monate Turnierabsenz zurückgeworfen hat?
Die definitiven Antworten werden erst die Matches bringen. Matchpraxis kannst du einfach nicht ersetzen. Aber spielerisch ist er voll da, er hat alle seine Schläge wiedergefunden. Dafür hatten wir ja auch genug Zeit. Aber natürlich hängt auch sehr vieles mit dem Selbstvertrauen zusammen, dem Gefühl für die Partie und die Matchsituationen.

Was sagen Sie zur Auslosung? Theoretisch müsste er Berdych, Nishikori, Murray, Wawrinka und Djokovic schlagen, um den Titel zu holen. Ziemlich happig.
Gut, aber das haben wir schon lange gewusst. Es gibt auch keine Auslosung, die einfach wäre. Aber wenn er etwa in Runde 3 tatsächlich gegen Berdych spielen und ihn schlagen sollte, wäre das ein sehr wichtiger Sieg für das Selbstvertrauen. Es bringt aber gar nichts, zu weit vorauszuschauen, auf Spekulationen lasse ich mich nicht ein. Es geht jetzt darum, Schritt für Schritt zu nehmen.

Federers letzter Grand-Slam-Titel liegt viereinhalb Jahre zurück. Ist es überhaupt realistisch, von ihm noch weitere solche Erfolge zu erwarten, wie das jetzt sogar Australiens Legende Rod Laver tut?
Wir posaunen sicher nicht heraus, dass Federerdieses Turnier hier gewinnen werde. Aber teamintern glauben wir schon an seine Stärke, und er auch. Wie weit das führen kann, weiss ich nicht – ich hoffe, wirklich weit. Wenn er auf dem Platz steht, glaube ich immer daran, dass er eine Möglichkeit hat, den Match zu gewinnen. Ich sass jedenfalls noch nie in der Box und dachte: Morgen fliegen wir wahrscheinlich nach Hause. Aber, klar: Es muss auch vieles zusammenpassen, um grosse Erfolge zu erringen. Es muss dir nur einer vor der Sonne stehen. Und x-mal hat nicht viel gefehlt. Ein paar Mal sagtest du dir schon: «Huere Siech», das hätte er vielleicht ausnützen können. Und ein paar Mal war halt einer ein wenig besser.

In Melbourne kümmert sich neben Ihnen auch Ivan Ljubicic um sein Coaching. Wird das nun häufiger der Fall sein?
Beim Trainingslager in Dubai haben wir uns aufgeteilt, teilweise waren wir auch zu zweit dort. Letztlich muss Roger entscheiden, wie es für ihn am besten ist. Und weil wir letztes Jahr wenig zusammen waren, ist es jetzt wohl gut, dass wir uns momentan etwas häufiger sehen. Ich und Ivan sind da völlig unkompliziert. Weil wir das gleiche Interesse haben – dass Roger gut spielt. Es drängt sich auch keiner in den Vordergrund.

Sind die nächsten Monate schon im Detail geplant?
Wir haben alles einmal vorbesprochen, aber gewisse Einsätze sind noch unklar. Sicher werde ich mit ihm in Dubai sein, in Indian Wells begleitet ihn danach Ivan, und in Miami werden wir dann wieder zu zweit vor Ort sein.

Beim Davis-Cup Anfang Februar in Birmingham gegen die USA müssen Sie als Captain auf Federerallerdings verzichten. War das von Anfang an klar, dass er und auch Stan Wawrinka dort passen würden?
Es ist natürlich für beide schwierig, kurz nach Melbourne in Birmingham zu spielen. Bei Roger war zudem stets unklar, wie weit er bis dann sein würde. Stan machte seinen Start zwar nicht von Roger abhängig, aber ich verstehe ihn: Wir haben nicht zwei, drei Alternativen, die in die Bresche springen könnten, wie etwa die Spanier. Ich sprach mit Stan, aber in diesem Fall war nicht viel zu machen. Wenn er einmal eine vorgefasste Meinung hat... Aber er betrachtet halt seine Karriere- und Saisonplanung als Ganzes und entscheidet nicht kurzfristig.

Erstellt: 15.01.2017, 10:51 Uhr

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