«Das muss man ernst nehmen»

Der Zürcher Arzt Heinz Bühlmann flog ans US Open, um sich um den Arm von Belinda Bencic zu kümmern. Die Nummer 12 startet als Erste der vier Schweizer.

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Vor zwölf Monaten war sie als ungesetzte 17-Jährige und Nummer 59 in die Viertelfinals gestürmt. Ein Jahr später steigt Belinda Bencic heute Abend als Nummer 12 ins US Open – und gemäss der «New York Post» sogar als eine jener sechs Spielerinnen, die es am meisten zu beachten gilt. Sie sei eine hochkreative Spielerin und sehe aus «wie ein zukünftiger Star», schrieb das Traditionsblatt.

Am Samstagabend sitzt die Ostschweizerin auf einem Barstuhl im Players Garden vor dem Arthur-Ashe-Stadion und beantwortet Journalistenfragen. Auch die, was ihre Erfolge alles verändert hätten. «Natürlich sind die ­Erwartungen von allen Seiten höher ­geworden», sagt sie, «aber für mich ist es immer noch das Gleiche: Ich muss auch gegen Spielerinnen ausserhalb der Top 50 voll da sein und mich wirklich konzentrieren.» Der Rummel halte sich ebenfalls noch in Grenzen: «Nicht dass ich nun ein Superstar wäre. Auch wenn mich nun mehr Leute erkennen und ich mehr Autogramme geben muss.»

Mit Hingis in Florida

Nach der Aufgabe in Cincinnati gegen Lucie Safarova zog sich Bencic mit ihrem Team und Martina Hingis nach Saddlebrook, Florida, zurück, ehe sie am ­Freitag nach New York kam. «Es war eine gute Entscheidung, auf New Haven zu verzichten, selbst wenn ich nicht verletzt gewesen wäre», sagt sie. Wie es um ihr rechtes Handgelenk steht, ist nicht ganz klar. Sie habe nach ein paar Tagen Pause, Erholung, Therapie und Konditionstraining die ganze Woche mit Hingis hart trainiert, alte und neue Sachen ­geprobt, sagt sie. «Jetzt ist alles gut. Der Muskel war überlastet, weil ich viele harte Partien bestritten hatte.»

Sportler hätten stets irgendwelche Beschwerden, sagt ihr Vater, Ivan ­Bencic. Trotzdem liess er aus Zürich am Samstag Heinz Bühlmann einfliegen, seit Jahren der Vertrauensarzt von Martina Hingis – auch im Hinblick auf Bencics kommende Turniere in Asien. «Ihr Körper weigerte sich, in diesem Tempo weiterzuspielen. Das muss man ernst nehmen», sagt Bühlmann. Es handle sich um eine Überbelastung des Handgelenks, die sich von den Sehnen aus auf die Knochen auswirke. Dehnen, Massage, Stretching und Elektrotherapie der Knochenhaut sollen Linderung bringen. «Angst muss man um sie nicht haben», sagt der Arzt, vielleicht müsse sie aber künftig ihr Programm ­etwas reduzieren.

Auch Ivan Bencic denkt, dass sich für seine Tochter nicht viel geändert hat. «Der Respekt ihr gegenüber ist sicher ­gestiegen, und sie weiss jetzt, dass sie gegen alle gewinnen kann. Sie kann aber auch gegen alle verlieren.» Er hätte schon nicht erwartet, dass sie die Nummern 1, 3, 5 und 6 schlage, gibt er zu, «schade ist nur, dass es nicht an einem Grand-Slam-Turnier war». Über die ­Zukunft äussert er sich vorsichtig: «Hochkommen ist immer einfacher als oben bleiben. Wir schauen weiterhin nur von Spiel zu Spiel.»

Nicht alle SMS beantwortet

Diese Sichtweise hat auch die Tochter verinnerlicht. Sie wisse lediglich, dass sie dem Tableauviertel von Serena ­Williams zugelost worden sei, sagt sie. «Wichtig ist im Moment nur die erste Partie, weiter will ich gar nicht vorausschauen.» Auf Court 5 steht ihr heute erstmals die Bulgarin Sesil Karatan­tschewa (WTA 106) gegenüber, eine 26-Jährige, die an den vergangenen drei Turnieren nur eine Partie gewann.

Bencic schwebt derweil immer noch im Hoch ihres Turniersiegs von ­Toronto. «Unglaublich stolz» sei sie darauf, «langsam wird es Realität, auch wenn ich den Sieg über Williams noch immer nicht richtig fassen kann». Sie habe so viele Reaktionen erhalten, dass sie bis jetzt noch nicht alle SMS habe beantworten können. Mitgenommen aus Kanada hat sie auch die guten Gefühle, mit denen sie zurzeit ihrem Beruf nachgeht. «Mega» fühle sie sich auf dem Court auch in New York, «mein Selbstvertrauen ist gross, auch im Training».

Der Sieg in Toronto habe den Druck auf sie am US Open nicht erhöht, sondern verkleinert, sagt Bencic. Immerhin habe sie ihre Punkte für den letztjährigen Viertelfinal in New York (430) mit dem Sieg in Toronto (900) bereits deutlich übertroffen. «Nun kann ich völlig entspannt sein, selbst wenn es nicht laufen würde.» Und falls sie früh ausscheiden sollte, hätte sie mehr Zeit für ihren übernächsten Programmpunkt: eine kleine Shoppingtour in Manhattan.

Bencic (12) - Karatantschewa (106/Bul)ca. 22.30

Federer ( 2) - Mayer (33/Arg)morgen

Wawrinka (5) - Ramos-Vinolas (56/Sp)morgen

Bacsinszky (14) -Strycova (41/Tsch)morgen

Erstellt: 30.08.2015, 22:17 Uhr

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